Ein blau gefärbter männlicher Moorfrosch (Rana arvalis) ist bei der Paarung mit einem grünbraunen Weibchen zu sehen. Während der Paarungszeit können die männlichen Tiere die Haut durch spektrale Reflexionen bläulich-violett bis intensiv himmelblau erscheinen lassen.
Ein blau gefärbter männlicher Moorfrosch (Rana arvalis) ist bei der Paarung mit einem grünbraunen Weibchen zu sehen. Während der Paarungszeit können die männlichen Tiere die Haut durch spektrale Reflexionen bläulich-violett bis intensiv himmelblau erscheinen lassen. dpa/Büttner

Regungslos steht er im Nebel. Fern der wenig belebten Asphaltstraße, wie ein grauer Pfahl, allein auf weiter Flur. Vermutlich hält er Rast auf seinem kräftezehrenden Zug durch Mitteleuropa. Und auch wenn das menschliche Auge nur diesen einsamen Kranich ausmachen kann, ist er sicher einer von vielen. Im Havelland machen im Herbst viele Kraniche Rast. Aber nicht nur deshalb lohnt sich jetzt ein Ausflug in die wunderschöne Herbstlandschaft.

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„Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand, und kam die goldene Herbsteszeit ...“ Schon Theodor Fontane hat vom Havelland geschwärmt. Doch ein Birnbaum ist längst nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die die Region zu bieten hat. Wer sich einlässt auf endlos erscheinende Felder, auf karge Baumgruppen, auf Fachwerkhäuschen und viele Farben, kann hier wunderbar runterkommen. An einem Ort, an dem es jede Menge zu besichtigen gibt, an dem man aber trotzdem nichts verpasst, wenn man stattdessen nur die Weite der Natur wahrnimmt.

Gute Nacht, Brandenburg, hallo Milchstraße

Nicht umsonst ist der Naturpark Westhavelland, dessen Lebensader, die Havel, sich Kilometer um Kilometer beständig windet, auch als Sternenpark anerkannt. Nur an wenigen Orten in Deutschland wird es nachts so dunkel wie hier. Dank der dünnen Besiedelung ist die Lichtverschmutzung fast gleich null. Gute Nacht, Brandenburg, hallo Milchstraße. Sterne funkeln, Tiere rufen, so geht Draußenzeit.

Der Sternenhimmel über der Gülper Havel, einem Nebenarm der Havel.
Der Sternenhimmel über der Gülper Havel, einem Nebenarm der Havel. dpa/Pleul

Im Naturpark-Zentrum Westhavelland erfährt man nicht nur, warum sich der Moorfrosch blau färbt oder wie viele Haare ein Otter hat, sondern auch etwas über die Renaturierung der Havel. Durch den Ausbau für die Binnenschifffahrt begradigt und befestigt, soll der Fluss jetzt in Europas größter Flussrenaturierung rückverändert werden.

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In Stölln findet man den ältesten Flugplatz der Welt: Hier hob schon Otto Lilienthal ab

Eng mit der Natur verknüpft ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Region: der älteste Flugplatz der Welt in Stölln. Der 1848 geborene Flugpionier Otto Lilienthal konstruierte seine Flugapparate aus Segeltuch und Weidenholz nach Vogel-Vorbild. Im Sommer 1891 gelang dem Wegbereiter der aerodynamischen Strömungslehre der erste Flug eines Menschen. Weitere Flug-Experimente machte der Ingenieur ab 1893 dann am rund 110 Meter hohen Stöllner Gollenberg – bis 1896.

An den 9. August 1896, an dem eine plötzliche thermische Aufwindböe den Gleiter Lilienthals erfasste und aus 15 Metern Höhe abstürzen ließ. Einen Tag später verstarb er an einem Bruch des dritten Halswirbels.

Mit solchen Flugmodellen experimentierte Otto Lilienthal - zu sehen sind sie im Lilienthal-Centrum in Stölln.
Mit solchen Flugmodellen experimentierte Otto Lilienthal - zu sehen sind sie im Lilienthal-Centrum in Stölln. dpa/Loges

Jedes Jahr zum Todestag Lilienthals findet noch heute ein Flug- und Drachenfest am Gollenberg, sonst fest in der Hand von Segelfliegern und Schafherden, statt.

Blau wird der männliche Moorfrosch zur Balzzeit

Rathenow hat spannende Geschichten und Natur zu bieten. Man kann die Stadt als Wiege der Optikindustrie bezeichnen. Der Theologe Johann Heinrich August Duncker fertigte um 1800 Mikroskope, Lupen und Brillen. Wer über die anlässlich der Bundesgartenschau 2015 errichtete 348 Meter lange Weinbergbrücke hoch über der Havel, über Booten und Schrebergärten, flaniert, landet im Naherholungsgebiet Rathenower Weinberg.

Herbstlaub raschelt unter den Füßen auf dem Weg durch die großzügigen Parkanlagen zum Bismarckturm. Dieser steht am höchsten Punkt, dem Kiekeberg. Am 24. Juni 1914 zu Ehren des ehemaligen Reichskanzlers eingeweiht, bietet der im neugotischen Stil errichtete Turm dank Restaurierung noch heute einen traumhaften Blick ins märkische Land. Als schlage der Puls der Natur auch auf 32 Metern Höhe. Der Bismarckturm ist der höchste seiner Art in Deutschland.

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In der Evangelischen Kirche zu Ribbeck ist ein Stückchen Natur die Haupt-Sehenswürdigkeit. Der Baumstumpf nämlich, der da, eine schmale Treppe hoch, unter Glas, zu sehen ist, gehört zum legendären Birnbaum von Theodor Fontanes Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“.

Welche darf es sein? Birnentorten-Stücke im Café Altes Waschhaus.
Welche darf es sein? Birnentorten-Stücke im Café Altes Waschhaus. dpa/Loges

Gegenüber der Kirche, im alten Waschhaus, lockt ein Café mit Birnenfrühstück (auf Vorbestellung), original Ribbecker Birnentorte in über 200 Variationen sowie einem ganz besonderen Ambiente. Bügelbretter als Tische, Waschzuber als Lampen, Spitzendeckchen obendrauf. Inhaberin Marina Wesche hat ihr Café mit der passenden Anschrift „Am Birnbaum 6“ mit Raritäten in Fülle dekoriert.

Übrigens: Zur Laichzeit im März und April ändern Moorfrosch-Männchen ihr Äußeres. Sie nehmen beim Balzen eine intensive Blaufärbung an, um den Weibchen zu imponieren. Dieses Blau verschwindet aber wieder nach wenigen Tagen. 

Wildgänse landen im Naturpark Westhavelland nahe dem kleinen Ort Gülpe.
Wildgänse landen im Naturpark Westhavelland nahe dem kleinen Ort Gülpe. dpa/Pleul

Info: Vor den Toren Berlins liegt das Havelland. Wasserreich und eher dünn besiedelt, ist es für Wasserurlauber ebenso geeignet wie für Wanderer und Radfahrer. Im Herzen des Havellands findet sich Ribbeck, während Rathenow sowie das Ländchen Rhinow mit dem 400-Seelen-Dorf Stölln im Westhavelland liegen. Dort findet sich auch der Naturpark Westhavelland, der 2014 von der International Dark Sky Association (IDA) als erster Sternenpark Deutschlands anerkannt wurde.