Egon Krenz hat sein Leben aufgeschrieben. Jetzt erscheint das erste von insgesamt drei Büchern. dpa

Er gehörte zu den DDR-Spitzenfunktionären. Egon Krenz, der seine Karriere als Vorsitzender der FDJ startete, als politischer „Kronprinz“ von Erich Honecker galt und im Herbst 1989 für 50 Tage Staatschef der DDR war. Nun hat er sein Leben aufgeschrieben. Insgesamt drei Bücher sollen es werden, das erste erscheint nun am Montag (27. Juni). Darin beichtet Krenz einen „Kinderstreich“, der ihn zur SED führte. Schuld war die CDU.

Ausgerechnet die Ost-CDU brachte den späteren DDR-Spitzenfunktionär in der Nachkriegszeit in die Politik. Ein Ortsvorsitzender namens Bayer in Damgarten in Mecklenburg-Vorpommern heuerte ihn als Schüler für fünf Mark im Monat für Botengänge an: Einladungen austragen, Spenden sammeln, Beiträge kassieren. Doch dann kam ein heikler Auftrag. Vor der Landtagswahl am 20. Oktober 1946 sollte der Neunjährige nachts Wahlplakate der Einheitspartei SED überkleben. Als Krenz erwischt wurde, wollte der CDU-Mann von seiner Anstiftung nichts mehr wissen.

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„So viel Verlogenheit hatte ich noch nicht erlebt“, schreibt der heute 85-Jährige im ersten Band „Egon Krenz – Aufbruch und Aufstieg – Erinnerungen“, der im Verlag Edition Ost (320 Seiten, 24 Euro) erscheint. Und natürlich gibt es eine Moral zu der Geschichte von einst. Der Junge wurde einbestellt zum örtlichen SED-Vertreter, der ihn beim Überkleben der Plakate erwischt hatte. „Ich hatte die Hosen gestrichen voll“, gesteht Krenz. „Er war jedoch milde.“ Der nette Mann erklärte dem Steppke, dass die SED „nur Gutes für alle“ wolle, und bot ihm seinerseits einen Job als Austräger der Parteizeitung an. Und so nahm die Geschichte ihren Lauf.

Ein Jugendfoto ziert das Cover des ersten Bandes seiner  Biografie „Egon Krenz - Aufbruch und Aufstieg - Erinnerungen“ (Edition Ost, 320 Seiten, 24 Euro). Verlag Edition Ost

Der 1937 im damaligen Kolberg (heute Kołobrzeg in Polen)  geborene Krenz lässt im Buch über seine Herkunft und Jugend bis zum Aufstieg in die SED-Führung keinen Zweifel, wer für ihn die Guten sind. Ein russischer Soldat, der ihm nach der Flucht mit seiner Mutter nach Damgarten Lebensmittel schenkte. Die SED, die ihn förderte. Der sozialistische Staat, der ihm Heimat und Lebensaufgabe wurde. Krenz, der eigentlich Journalist werden wollte, dann Lehrer, folgte denn auch dem Ruf der Partei – so stellt er es selbst dar. Nach Wehrdienst und Studium in Moskau wurde er hauptamtlicher Funktionär des Jugendverbands FDJ.

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Egon Krenz: Für ihn ist klar, wer noch immer die Guten und die Bösen sind

Klar auch, wer für Krenz die Bösewichte sind. Die deutsche Teilung und der Mauerbau? Erzwungen vom Westen: „Die Einführung der D-Mark (nach dem Zweiten Weltkrieg) markierte das Datum der eigentlichen Spaltung Deutschlands und seiner Hauptstadt Berlin. 1961 wurde durch die Warschauer Vertragsstaaten lediglich befestigt, wofür die Westmächte 1948 den Grundstein gelegt hatten.“ Die Bundesregierung? Mit Nazis durchsetzt bis ins Umfeld von Kanzler Konrad Adenauer. Westdeutsche Wirtschaftskraft? Die DDR wurde ja auch „von Anfang an vom Westen boykottiert. Wir mussten uns gegen Vorbehalte und Lügen behaupten.“

Egon Krenz auf der Terrasse seines Hauses in Mecklenburg-Vorpommern ZB

Das Buch ist über weite Strecken eine Verteidigungsschrift des Mannes, der zu DDR-Zeiten als FDJ-Funktionär bisweilen als „Berufsjugendlicher“ verspottet wurde, der nach der deutschen Einheit wegen der Toten an der Mauer im Gefängnis saß und bis heute von früheren Bürgerrechtlern heftig angefeindet wird. Von Schießbefehl, Zwangsmaßnahmen, Ausreisesperren, Konsummangel und Perspektivlosigkeit in der DDR ist in seinem Buch nicht die Rede. Selbstkritik gibt es allenfalls in homöopathischen Dosen.

Einige interessante Einblicke bieten diese Erinnerungen dennoch, wenn Krenz aus dem Inneren der SED berichtet. Er bezieht sich dabei unter anderem auf ein Bündel teils handschriftlicher Notizen und Dokumente, die ihm der damals schon angeschlagene Staats- und Parteichef Erich Honecker im Frühjahr 1989 zum Lesen gegeben habe.

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Da ist der jahrelange Machtkampf Honeckers mit Walter Ulbricht, bei dem sich der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlug. In diese Ränke ordnet Krenz auch die Ereignisse beim Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt beim DDR-Regierungschef Willi Stoph 1970 in Erfurt ein.

Egon Krenz: Der Jubel beim DDR-Besuch von Willy Brandt - daran waren die „Freunde aus Karlshorst“ schuld

Die Menschen riefen „Willy, Willy, Willy“ und „Willy Brandt ans Fenster“. Krenz rätselte: „Dass man in Erfurt nicht in der Lage gewesen sein sollte, auf dem Hotelvorplatz ein ,staatstreues‘ Publikum zu organisieren, das die Brandt-Jubler hätte übertönen können, verstanden wir nicht.“ Und weiter: „Man musste schon sehr naiv sein, um anzunehmen, dass die Beifallsbekundungen für den westdeutschen Gast spontan und die Rufer zufällig dort gewesen wären.“

Laut Krenz hätten die „Freunde aus Karlshorst“ - dem Sitz des sowjetischen Geheimdiensts KGB in der DDR - den Zwischenfall gewollt, und zwar um Ulbricht wegen Eigenmächtigkeiten und zu großer Nähe zu Brandt abzumahnen.

Auf der Ehrentribüne neben Erich Honecker (1979): Egon Krenz galt als politischer „Kronprinz“ des damaligen DDR-Partei- und Staatschefes. dpa

Ähnlich zwiespältige Signale aus Moskau beschreibt Krenz zu Brandts Ostpolitik. Einerseits habe Breschnew dem Bundeskanzler eine „Sozialdemokratisierung der DDR“ unterstellt und die SED-Spitze gewarnt. Andererseits habe der KPdSU-Generalsekretär den im Dezember 1972 unterzeichneten Grundlagenvertrag zur Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR gegenüber Honecker mit den Worten kommentiert: „Das ist der Durchbruch, Erich!“

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Egon Krenz: „Honecker war herzlich und produktiv“

Krenz selbst sieht die DDR übrigens auch hier vom Westen ungerecht behandelt: „Heutzutage ist es üblich, die Ostpolitik der SPD als Beitrag zur Entspannung zu loben. Den Beitrag der DDR nennt kaum jemand.“

Der erste Band der Krenz-Memoarien endet 1973, aber nicht ohne Cliffhanger. Da sinniert der Autor über sein Verhältnis zu Honecker, den er in den Wirren des Umbruchs im Oktober 1989 ablösen wird. Das Schlusswort: „Honeckers kameradschaftliches Verhältnis zu mir beeindruckte mich. Es war herzlich und produktiv. Das sollte sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als Gorbatschow in Moskau das Ruder übernahm, ändern. Eine Freundschaft ging zu Ende.“ Fortsetzung folgt in Band 2.