Manchmal, wenn ich nachts – vom Bahnhof Köpenick kommend – unsere menschenleere Bahnhofstraße entlanggehe, fällt mir diese kleine Bude besonders auf. Sie ist hell erleuchtet. Wenn ich Appetit bekomme, kann ich mir hier kurz vor Mitternacht noch einen Döner holen.

Gegenwärtig macht die Bude etwas früher zu, wegen Corona. Doch vom Gefühl her scheint es mir, als habe sie rund um die Uhr geöffnet. Seit dreißig Jahren. Dunkel erinnere ich mich noch an die letzten Tage der DDR. Die Mauer war gefallen. Irgendwann kam die D-Mark. Und plötzlich stand sie da, genau an der Bahnhofstraße Ecke Parrisiusstraße: die kleine Bude, die heute „Döner Box Köpenick“ heißt.

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An Fastfood von der Straßenecke kannte ich bis dahin vor allem: „Een halben Broiler, bitte!“ oder „’ne Curry“. Plötzlich gab es etwas nie Gehörtes: Döner Kebab. Ich probierte. Mir schmeckte die Mischung aus Fladenbrot, frischem Gemüse, krossem Fleisch. Die Soßen, die die Betreiber der kleinen Bude anrühren, sind bis heute für mich unübertroffen. Und wenn ich mal – was allerdings inzwischen seltener vorkommt – einen Döner esse, dann nur dort.

„Von nichts kommt nichts!“ Sagt Mehmet. 

Im Viertel rund um die kleine Box hat sich in den dreißig Jahren so gut wie alles verändert. Die ganze Straßenseite gegenüber wurde abgerissen, um ein großes Einkaufszentrum zu bauen. Griechen und Italiener kamen mit ihren Restaurants und gingen wieder. Die Abfolge der Fast-Food-Läden kann man gar nicht schildern. Nur diese eine Bude, in die gerade mal drei Männer reinpassen, steht bis heute.

Neulich fasste ich mir mal ein Herz und klopfte an die Hintertür. Einer der freundlichen Männer öffnete mir. Und ich kam mit ihm ins Gespräch. Der Mann – er heißt Mehmet – erzählte, dass sie ein Familienbetrieb seien, „mit Chef drei Leute“, die Vorfahren Kurden. Vor zehn Jahren habe man die Box in Pacht übernommen. Davor habe sie andere Betreiber gehabt. Die drei wechselten sich so ab, dass die Box von früh gegen 9 Uhr bis um Mitternacht geöffnet habe. „Ihr habt ja immer auf!“, hatte ich irgendwann beim Döner-Holen mal gesagt. Mehmet antwortete: „Von nichts kommt nichts!“ Eigentlich ein typisch deutscher Satz.

Die Box scheint ewig zu bestehen. „Pass uff", sagt mein innerer Berliner, „wenn vom Müggelsee her ’ne riesije Flutwelle heranrauscht und allet herumwirbelt, dann schaukelt janz oben uff der Welle diese kleene Bude. Und wenn allet wegjespült is, schwebt se sanft herab, jenau an ihren Platz. Und wenn Godzilla kommt und drumherum allet zertöppert, denn zucken die Jungs in der Bude mit die Schultern und schnippeln weiter ihre Tomaten. Und wenn et rumms macht und die janze Straße in ’ner Erdspalte verschwindet, dann bleibt am Rand eene eenzije kleene Bude stehen. Jenau die! Irjendwann um Mitternacht kommt dann een Wanderer des Wegs und sagt: Een Dööna bitte, mit allet, ordentlich Zwiebeln druff, scharfe Soose und Knoblauch.“