Kein Einzelfall: Ein Pkw-Fahrer missachtet die Sperrungen auf der Friedrichsstraße. Viele Autofahrer nutzen eine Poller-Lücke, die eigentlich für den Lieferverkehr gedacht ist.  Foto: Eric Richard

Von wegen autofreie Friedrichstraße: Ein Mann packt sich die rot-weiße Straßenbake und räumt sie einfach aus dem Weg. Anschließend steigt er in sein Auto fährt durch den gesperrten Bereich. Dieses dreiste Vergehen ist kein Einzelfall. Immer mehr Autofahrer ignorieren die  verkehrsberuhigte Zone einfach. Das Problem soll jetzt muss zusätzlichen Pollern behoben werden.    

Es war ein großangekündigtes Modellprojekt für Berlin. Ein Teil der Friedrichstraße wurde Ende August für den Autoverkehr gesperrt. Doch viele Verkehrsteilnehmer halten sich nicht daran. Jetzt tauchten Fotos im Internet auf, die zeigen, wie ein Autofahrer sich seinen Weg freiräumt. Sogar Objektschützer der Polizei wurden dabei fotografiert, wie sie ohne triftigen Grund durch den gesperrten Bereich der Friedrichstraße fuhren.

Objektschützer der Berliner Polizei fahren einfach über den Fahrradweg in der gesperrten Zone der Friedrichstraße.  Foto: privat

Am Sonnabendvormittag beobachtete ein KUIRER-Fotograf in nur 15 Minuten, wie zwei Autofahrer an den Durchfahrt-Verboten-Schildern vorbei in die gesperrte Zone fahren. Mitarbeiter von anliegenden Geschäften berichteten die Tage zuvor von regelmäßigen Verstößen, die nicht geahndet werden. Auf Nachfrage bei der Polizei heißt es lediglich, dass niemand dort Kenntnis von den missachteten Verkehrsregeln hat. 

Anders dagegen bei der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz: Sprecher Jan Thomsen bestätigte, dass immer häufiger Fahrer von Autos, Lastwagen und Paketdiensten durch die autofreie Friedrichstraße fahren. Ob dies aus Dreistigkeit oder Dummheit geschieht, sei nicht ganz klar. 

„Die meisten dieser Vergehen passieren wohl eher, weil sich Fahrer des Lieferverkehrs verirren“, erklärt Thomsen dem KURIER. In der Kronenstraße, die über die Friedrichstraße verläuft, müssen täglich zwei Supermärkte beliefert werden. Um dies zu gewährleisten, ist die Kronenstraße in diesem Bereich zu bestimmten Zeiten (von 5 bis 11 Uhr und von 17 bis 21 Uhr) für den Lieferverkehr geöffnet. Da auch Lastwagen mit Anhänger durch die Kronenstraße fahren und aufgrund ihrer Größe nicht wenden können, wurden an der Kreuzung zur Friedrichstraße keine durchgehenden Poller errichtet, so Thomsen.

Diese Lücken nutzten aber auch dreiste Autofahrer. Bei anderen Verkehrsteilnehmern sei es einfach ein Missverständnis. Sie denken trotz der üppigen Beschilderung, sie dürften da durchfahren. Die vielen Verstöße lösen vor allem bei Geschäftstreibenden Ärger und Wut aus. Sie werfen dem Senat und der Polizei Untätigkeit vor.

Neue Poller für die Friedrichstraße

Das soll sich jetzt allerdings zeitnah ändern. Wie der Senatssprecher versicherte, sollen „diese kleinen Wehwehchen in den kommenden Tagen behoben werden“. Es könnte sein, dass an dieser Stelle nachträglich zusätzliche Poller errichtet werden, so Thomsen. Unklar war zunächst, ob Lastwagenfahrer dann immer noch die Möglichkeit zum Wenden haben. 

Zum Hintergrund: Die Friedrichstraße wird noch bis Anfang des nächsten Jahres für Autos gesperrt  sein– zumindest zwischen Französischer und Leipziger Straße. Die autofreie Zone soll mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger bieten, die wiederum die Einkaufsmeile beleben sollen. Zuvor waren durchschnittlich am Tag knapp 7000 Fahrzeuge durch die Friedrichstraße gefahren. Nach Einschätzung einiger Experten war sie daher eine Durchgangsstraße und keine Einkaufsstraße.

Um das zu ändern, wurden zahlreiche Straßenbaken und Schilder aufgestellt. Inseln mit Holzbänken, Kübel mit Bäumen sowie üppige Glasvitrinen, in denen Händler ihre Waren präsentieren, wurden errichtet und ausgestaltet. Mit dem Modellprojekt hofft Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) auf eine Belebung des Einzelhandels während der Corona-Pandemie.