Bis der Notarzt vor Ort ist, sollten freiwillige Helfer Erste Hilfe leisten. Doch viele Berliner haben Berührungsängste. Foto: imago/Seeliger

Am Sonnabend wird der Internationale Tag der Ersten Hilfe gefeiert – ein besonderer Tag, der daran erinnern soll, dass schnelles Reagieren in Notfällen Leben retten kann. Doch laut einer Umfrage fühlen sich die Deutschen in Sachen Wiederbelebung zu wenig geschult. Und Corona sorgt in diesem Jahr für zusätzliche Berührungsängste. Nun warnen Mediziner – und rufen zu mehr Einsatzbereitschaft auf.

Mediziner beobachten derzeit einen Anstieg der Herz-Kreislauf-Stillstände, heißt es in einer Mitteilung des Lichtenberger Sana-Klinikums. Der Grund: Oft wird zu spät medizinische Hilfe in Anspruch genommen – und die Hilfsbereitschaft der Berliner sinkt. Jährlich komme es bei rund 1500 Menschen zu Wiederbelebungsversuchen durch den Rettungsdienst, nur bei einem Drittel dieser Fälle ergreifen Helfer vor Ort die Initiative, heißt es. Viele fürchten, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. 

Um das Infektionsrisiko zu minimieren, könnten die Erste-Hilfe-Maßnahmen leicht modifiziert werden, sagt Dr. Matthias Guth, Ärztlicher Leiter der Notaufnahme des Klinikums. Die bekannte Reihenfolge für Wiederbelebungsmaßnahmen sei „Prüfen – Rufen – Drücken“: Atmung und Herzschlag müssen geprüft werden, danach wird der Rettungsdienst gerufen, dann eine Herzdruckmassage durchgeführt. Dieser Ablauf bleibe grundsätzlich gleich, könne aber ergänzt werden. „Im begründeten Verdachtsfall vorsichtig prüfen – bereits im geringsten Zweifelsfall Hilfe rufen – und sich selber mit Mund-Nasen-Schutz schützen und drücken“, sagt Dr. Matthias Guth.

Vorher habe man sich zum Überprüfen der Atmung nah ans Gesicht gebeugt – während der Pandemie solle man sich aber besser auf den Brustkorb konzentrieren. Hebt und senkt er sich, ist Atmung vorhanden. „Ist keine Brustkorbbewegung erkennbar, sofort den Notruf unter 112 wählen – auch im Zweifelsfall“, informiert Dr. Matthias Guth weiter, „dann beginnen Sie mit der Herzdruckmassage, am besten mit Mundschutz.“ Eine Atemspende empfehlen die medizinischen Fachgesellschaften generell nicht mehr und kann vor allem in Corona-Zeiten unterbleiben.

Es hört sich leicht an – doch die Deutschen haben in vielen Fällen generell ein Problem mit dem Thema. Das ergab eine Umfrage von YouGov. Mehr als jeder zweite Deutsche (52 Prozent) ist sich unsicher, ob er Erste Hilfe leisten könnte. Sicher fühlt sich nur knapp jeder Dritte (31 Prozent). Ungefähr jeder Sechste (16 Prozent) sieht sich dazu nicht imstande. Das Problem: Der letzte Erste-Hilfe-Kurs ist bei vielen Menschen oft Jahre her. Mediziner raten dazu, Auffrischungskurse zu belegen. Denn: Jeder vierte Deutsche habe schon einmal Erste Hilfe leisten müssen, heißt es.

Laut einer Umfrage im Auftrag des DRK wünscht sich die Mehrheit der Deutschen sogar eine gesetzliche Pflicht. Bei mehr als der Hälfte (51,4 Prozent) liegt der Kurs in Erster Hilfe mehr als zehn Jahre zurück. Je älter die Befragten sind, desto länger liegt der Kurs zurück. „Die Zahlen deuten darauf hin, dass die meisten seit dem Erlangen des Führerscheins keinen Erste-Hilfe-Kurs mehr absolviert haben. Das ist fatal, denn gerade im Straßenverkehr sollte man wissen, wie man in Notfällen helfen kann – über das Absetzen eines Notrufs 112 hinaus“, sagte DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt. „Wir raten daher Autofahrerinnen und Autofahrern, alle zwei bis drei Jahre die eigenen Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen.“

Immer wieder wird auch von Medizinern eine Pflicht für regelmäßige Kurse gefordert. „Als DRK würden wir es schon sehr begrüßen, wenn alle fünf oder zehn Jahre jeder eine Auffrischung der Ersten Hilfe machen müsste“, sagt etwa der DRK-Ausbildungsleiter Andreas Kickmann. Auch Guth ist der Meinung, dass Auffrischung sinnvoll ist. „In Corona-Zeiten darf die allgemeine Hilfeleistung nicht sinken, deshalb heißt das Mantra auch weiterhin prüfen – rufen – drücken, nur mit Eigenschutz.“