Delovan Moustafa (19) kam vor 7 Jahren aus Syrien nach Deutschland und machte ein Einser-Abi. Sabine Gudath

Delovan Moustafa ist schon von weitem zu sehen. In knallroter Rüschenbluse hüpft sie durch die Passanten in der Fußgängerzone. Die 19-Jährige braust in das Eiscafé. Vor sieben Jahren kam Delovan nach Berlin und sprach kein Wort Deutsch, jetzt hat sie ein Abi mit Bestnote in der Tasche und will nach einem Sommer oder besser noch einem Jahr Auszeit studieren.

„Ein Kapitel ist jetzt zu Ende“, sagt Delovan sachlich und nimmt einen großen Schluck Eisschokolade. Damit meint sie ihr Abitur, eine Zeit, die Weichen stellt und aus der sie ein Papier mit der Note 1,0 mitnimmt. In Wirklichkeit könnte es sogar eine 0,9 sein. Ja, das gehe, wenn man die komplizierte Punkteberechnung genau nehme.

Delovan spricht konzentriert und zügig. Der Schmetterling an der Kette um ihren Hals lässt sie mädchenhaft wirken, während sie über ihre Interessen spricht. Die Leistungskurse Bio und Musik spiegeln die unterschiedlichen Seiten der 19-Jährigen. Kunst oder Wissenschaft? Am besten beides. Schon nach wenigen Sätzen ist klar, diese junge Frau ist ehrgeizig. Und sie weiß, dass sie das alles schaffen kann.

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Delovan ist in vielen verschiedenen Welten zu Hause. Geboren in der Ukraine, lebt sie bis zu ihrem 12. Lebensjahr in Syrien. Sie bekommt Geigenunterricht, die Eltern arbeiten als Ärzte. Als der Krieg Aleppo verwüstet, ziehen sie in den Nordirak, 2015 dann nach Deutschland. Zwar lebt ein Onkel der Familie bereits in Berlin, doch für Delovan und ihre beiden Brüder ist dies ein Aufbruch ins Ungewisse. „Wir kamen mit dem Flugzeug, nicht auf einer gefährlichen Flucht“, sagt Delovan. Der Onkel mietete eine Wohnung in einem Viertel mit vielen Hochhäusern. Hier beginnt die deutsche Schulkarriere für Delovan in einer Berliner Willkommensklasse. „Alle waren schon sehr viel länger da“, erinnert sich Delovan. Als sie im Frühling in die Klasse kommt, wollen die Lehrer abwarten, ob sie nach den Sommerferien in eine normale Klasse würde gehen können. „Das war ein Ansporn für mich“, sagt Delovan. Und tatsächlich schafft sie es, ihr Deutsch so zu verbessern, dass der Wechsel gelingt.

Fördern ohne Mitleid

„Kein Selbstmitleid, Delovan“, hat sie sich gesagt, „jetzt bist Du hier, jetzt mach das Beste draus“. In der sechsten Klasse ist da eine Lehrerin, die erkennt, dass Delovan mehr will und mehr kann. „Sie hat mich gefördert und an mich geglaubt, aber nicht aus Mitleid.“

Delovan soll ins Gymnasium. Ein erneuter Wechsel, und wieder ein Anflug von Unsicherheit, den die junge Frau ablegt wie ein Falter seinen Kokon. Mathe war okay, Geschichte mit so ganz anderen Schwerpunkten, als sie es aus Syrien gewohnt war.

„Es war schon schwer, in der Klasse anzukommen. Ich habe die Witze nicht verstanden“, sagt Delovan. Doch je besser das Deutsch wird, desto leichter fällt ihr das Lernen. Durch die Oberstufe fliegt das Mädchen mit den dunklen Augen. „Nur Goethe mit dieser Iphigenie war schlimm“, lacht Delovan.

Geige, Ehrenamt, Tennis und Instagram. Delovan hat viele Hobbys.  Sabine Gudath 

Streberin, denken vielleicht manche, denen der Erfolg nicht so zufällt. Doch „Schule ist nur ein Teil des Lebens“, sagt Delovan. Mindestens genauso wichtig seien ihr Hobbys: Musik, die Arbeit beim Roten Kreuz, Tennis spielen, wie viele junge Mädchen hat sie einen Instagram-Account, der mit Fotos versorgt werden will. Selbst einen Nebenjob als Nachhilfelehrerin kriegt Delovan noch unter. „Viele verkrampfen und denken nur noch an Schule. Den Kopf kriegt man so nicht zum Lernen frei.“

Mit dem Fernunterricht in der Pandemie kommt Delovan gut zurecht. „Ich bin kein Fan davon, Pläne zu schreiben“, sagt sie, und macht lieber. Während andere noch an der To-do-Liste feilen, ist Delovan schon zur Hälfte fertig mit dem Stoff. „Ich konnte mich zu Hause gut konzentrieren“, sagt sie. Ihre kleinen Brüder seien echte Schätze gewesen und hätten nicht genervt.

Delovan Moustafa ist ein Beispiel dafür, dass mit dem nötigen Biss und dem Willen zum Erfolg viel gelingen kann. Die richtigen Lehrer zur rechten Zeit und das Mantra, das Delovan bis hierher gebracht hat:

„Egal welche Probleme man hat, festzustecken im Selbstmitleid ist niemals die Lösung. Nutze deine Chancen. Ich bin jetzt hier, was steht mir im Weg?“, sagt die 19-Jährige.

Aber waren da nie Zweifel, Hürden auf dem Weg, die es zu nehmen galt?

Diskriminierung war nie ein Thema

„Diskriminierung wegen meiner Herkunft habe ich nie erfahren“, sagt Delovan. „Ich habe immer dafür gesorgt, dass ich nicht in die Schublade armer Flüchtling gesteckt werde.“

Wie geht es jetzt weiter, wo ihr die Welt offen steht? „Erst mal Pause machen, genießen, dass ein Abschnitt geschafft ist“, sagt Delovan. Und dann Studieren. Jura, Internationales Recht, oder in die Wissenschaft? Der Weg, den Delovan einschlägt, wird sich schon noch früh genug zeigen. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, für immer hier in Berlin zu bleiben, das Umziehen ist in meine DNA eingeschrieben“, sagt Delovan Moustafa. Und das ist eigentlich schade, denn toughe Frauen wie sie braucht die Stadt.