Dirk Michaelis: Sein Mega-Hit „Als ich fortging“ wird im nächsten Jahr 35 Jahre alt.  Gerd Engelsmann

Die Geschichten von Pankow, Silly oder von City scheint fast jeder Musikfan zu kennen. Doch die ostdeutschen Rock-Stars haben auch so manche Geheimnisse. Nun werden sie wieder gelüftet: Im neuen Buch des Berliner Musik-Journalisten Christian Hentschel (54) „Das jetzt wirklich allerletzte Ostrock-Buch“, das gerade im Verlag Neues Leben erschienen ist. Der KURIER darf daraus nun einige Geheimnisse der Ostrocker preisgeben: So erzählt Dirk Michaelis (60), wie sein größter Hit „Als ich fortging“ wirklich entstand.

Viele Geschichten wurden schon über dieses Lied erzählt, das in kommenden Jahr seinen 35. Geburtstag feiert und zu den erfolgreichsten und bedeutendsten Songs der DDR-Rockgeschichte gehört. 1987 erschien „Als ich fortging“ auf dem Album „Café Anonym“ der Band Karussell, in der Michaelis zu jener Zeit sang. Im Herbst 1989 wurde das Lied zur Wende-Hymne in der DDR, als Kommentar auf die Fluchtwelle der DDR-Bürger in Richtung Westen. Zeilen wie „nichts ist unendlich, so sieh es doch ein“ wurden als Abgesang auf den SED-Staat verstanden. In Wahrheit ging es um die Trennung zweier liebenden Menschen.

Bisher glaubte man, auch die Entstehungsgeschichte zu kennen, die der Sänger oft genug erzählt hatte. Wie sich Dirk Michaelis als Kind in dem Wohnzimmer seiner Eltern an das Klavier setzte und eine Melodie spielte, die ihm spontan einfiel und ihn nie wieder los ließ, bis daraus später der Rocksong „Als ich fortging“ wurde. Doch der Grund dafür blieb bis jetzt sein Geheimnis.

Die Band Karussell mit ihrem damaligen Sänger Dirk Michaelis. Das Foto entstand 1989, als ihr Mega-Hit „Als ich fortging“ zur DDR-Wende-Hymne wurde. Imago

Ein Duett mit Manfred Krug wurde zum Auslöser für „Als ich fortging“

In dem neuen „Ostrockbuch“ wird es nun gelüftet. Obwohl es den Titel „Als ich fortging“ und auch noch keinen Text für das Lied gab, war doch die Trennung einer Liebesbeziehung von Anfang an der Auslöser dieser wunderbaren Melodie, die Michaelis als Zwölfjähriger am Klavier einfiel. Zu jener Zeit war Gerd Michaelis sein Stiefvater, der den nach ihm benannten erfolgreichen Chor in der DDR leitete. Mit vielen Stars traten sie auf, unter anderem mit Manfred Krug. Das hatte Folgen.

Das Buch „Das jetzt wirklich allerletzte Ostrockbuch“ von Christian Hentschel ist im Verlag Neues Leben erschienen (320 Seiten, 22 Euro). Neues Leben

„Die wunderbare Chorsängerin Beate Barwandt hatte mit Krug ein Duett gesungen: ,Machʼs gut, ich muss gehen‘. Wenig später hat mein Vater gemeinsam mit ihr diese Worte wahrgemacht. Meine Mutter, mein Bruder und ich waren so unendlich traurig“, sagt Dirk Michaelis. „Vaters Klavier blieb noch eine Weile, und ich spielte darauf, was ich nicht in Worte fassen konnte. So ist die Melodie entstanden, aus der später ,Als ich fortging‘ werden sollte.“

Ohne es zu ahnen, wurde ein Lied von Manfred Krug, das er mit einer Chor-Sängerin im Duett sang, zum Auslöser für den Hit von Dirk Michaelis.  Imago

In 35 Minuten schrieb Autorin Gisela Steineckert den Text 

Die Gefühle des damals Zwölfjährigen konnte später die bekannte DDR-Lyrikerin Gisela Steineckert in Worte fassen. Obwohl sie zunächst den Text für das Lied gar nicht schreiben wollte, wie sie in einem KURIER-Interview in diesem Frühjahr beichtete. Aber als Steineckert immer wieder die Melodie auf einer Kassette hörte, die ihr Michaelis überreicht hatte, fielen ihr die die ersten passenden Zeilen  ein. „Ich schrieb immer weiter. In 35 Minuten war der Text fertig“, sagt sie.

Dirk Michaelis ist seit dem mit der Autorin eng befreundet, arbeiten noch immer zusammen. Darüber sagt der Sänger: „Wenn es dem Lied guttut, darf alles passieren, aber am Ende muss ich den Song transportieren, das geht nur, wenn ich hundertprozentig einverstanden bin. Das weiß Gisela aus unzähligen tiefsten Gesprächen. Sie schreibt nie für mich, sondern aus mir heraus, oder bietet mir was an, das mich sofort ergreift. Das macht unsere gemeinsamen Lieder so besonders.“

Beste Freunde: Gisela Steineckert und Dirk Michaelis bei einem Auftritt im vergangenem September in Pirna (Sachsen). Imago

„Als ich fortging“: „Udo Jürgens dachte, es ist ein Volkslied“

Auch den Hit „Als ich fortging“, der mittlerweile zu den meistgecoverten Ostrock-Songs gehört. Clueso, Rosenstolz und Tokio Hotel spielten es, mit Matthias Reim und Sarah Connor sang Michaelis den Mega-Hit im Duett. Welche Version ihm am besten gefällt?

„Da ich kein Richter bin, sollen die Leute entscheiden. Ich gehe davon aus, dass sich jeder Sänger und jede Sängerin die größte Mühe gegeben haben. Und davor habe ich Respekt“, sagt Michaelis. „Der große Udo Jürgens fragte mich, ob mein Lied ein Volkslied sei. Ich antwortete ihm: ,Nein, es ist von mir, aber vielleicht wird es ja mal eins.‘ Ich denke, es ist bereits auf dem Weg und wird noch gesungen werden, wenn ich selbst es nicht mehr tue. Ein schöner Gedanke, und darauf dürfen Gisela und ich sicher stolz sein.“