Emilio Eichler ist Blindenfußballer bei Hertha BSC.
Emilio Eichler ist Blindenfußballer bei Hertha BSC. dpa/Pedersen

Es ist erst 15 Jahre alt und in seiner Liga schon ein Fußballstar. Emilio Eichler von Hertha BSC. Er ist der jüngste Spieler der Bundesliga und seit einem Jahr schon Nationalspieler. Und er ist blind. Aber er spielt besser Fußball als manch einer, der sehen kann.

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„Ja“, Ja“, „Voy“, „Ja“, „Voy“, „Ja“, „Voy“ – das Stimmengewirr auf dem Platz wirkt wie eine summende Maschine, die ihre Arbeit unter Rasselgeräuschen verrichtet. Die Rasseln befinden sich dabei in einem kleinen Ball, den vier Personen sich hin und her passen.

Die kurzen Worte sind als akustische Orientierung dazu da, dass die Blindenfußballer von Hertha BSC wissen, wohin sie laufen oder schießen müssen. „Im Fokus steht die Kommunikation, das ist das A und O. Man muss darauf achten, dass der Bereich, in dem die Spieler sich bewegen, sicher ist“, sagt Fikret Can, Co-Trainer der Berliner.

Hertha-Spieler Emilio Eichler erblindete im Alter von vier Jahren

Mit einem enormen Tempo und dem Ball ganz nah am Fuß sausen die Spieler durch die Trainingshalle des Louise-Schröder-Oberstufenzentrums in Lichterfelde. Neben einem Sichtschutz tragen sie noch einen speziellen Kopfschutz, falls sie im Spiel doch einmal mit den Köpfen zusammenstoßen.

„Um sich zu verständigen, müssen die den Ballführenden angreifenden Spieler ‚voy‘ sagen, was auf Spanisch Achtung oder ich komme heißt“, sagt Emilio Eichler, der im Alter von vier Jahren nach einem schweren Autounfall erblindete.

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Im Zweikampf: Emilio Eichler (r.) und Lars Stetten beim Training.
Im Zweikampf: Emilio Eichler (r.) und Lars Stetten beim Training. dpa/Pedersen

Der 15-Jährige ist der jüngste Spieler der Bundesliga und seit einem Jahr auch schon Nationalspieler. Sein Ehrgeiz ist damit aber nicht gestillt.

In der Bundesliga, die seit ihrer Einführung im Jahr 2008 von der DFB-Stiftung Sepp Herberger, dem Deutschen Behindertensportverband und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband organisiert wird, will er im kommenden Jahr besser als Platz fünf abschneiden, den die Herthaner in ihren ersten beiden Spielzeiten in der Achterliga belegt hatten.

„Wir hatten bis drei Spiele vor Schluss sogar noch die Chance, Meister zu werden“, sagt der Trainer, „wir wollen so weit oben wie möglich spielen und wollen irgendwann Meister werden.“

Blindenfußball ist eine körperbetonte Sportart

Rund 100 Sportlerinnen und Sportler spielen für die acht Vereine in der Bundesliga. „Insgesamt sind in Deutschland nach unserer Kenntnis etwa 120 bis 140 Blindenfußballerinnen und -fußballer aktiv“, sagt Nico Kempf von der Herberger-Stiftung. Die gestiegene mediale Präsenz – mit Serdal Celebi gelang einem Blindenfußballer im August 2018 das Tor des Monats - führte laut Kempf zu einem „erhöhten Interesse von Fußballvereinen, zukünftig eine Blindenfußball-Mannschaft aufzubauen“.

Allerdings sei die Nachwuchsarbeit schwierig – auch aus einem positiven Grund: Durch den medizinischen Fortschritt erblinden immer weniger Menschen, sagt Kempf. Auf der anderen gibt es Berührungsängste: „Blindenfußball ist eine durchaus körperbetonte Sportart, quasi eine Mischung aus Fußball, Handball und Eishockey.“

Emilio Eichler (Mitte) und Lars Stetten (r.) sind blind. Nur Torwart Martin von Hermann kann sehen.
Emilio Eichler (Mitte) und Lars Stetten (r.) sind blind. Nur Torwart Martin von Hermann kann sehen. dpa

Allerdings besitze der Blindenfußball auch eine hohe soziale Komponente. Über die Teilnahme am Sport erleben die Fußballerinnen und Fußballer Gemeinschaft. Auf dem Platz können sie sich ohne Hilfsmittel (etwa einem Blindenstock) bewegen und individuelle Freiheit erfahren, sagt Kempf. Zudem sei es bemerkenswert, „dass der Blindenfußball ein aktives und inklusives Zusammenspiel ermöglicht zwischen blinden und sehenden Menschen, die beispielsweise als Trainer, Torhüter oder Tor-Guides engagiert sind“.

Der Torhüter ist auf dem in drei Drittel geteilten 40 mal 20 Meter großen Feld der einzige Spieler, der sieht und die Abwehr dirigiert. Im Mitteldrittel leitet der Trainer die Spieler. Die Angreifer werden von einem dritten Betreuer informiert, der hinter dem gegnerischen Tor steht und für die Tore zuständig ist, die zum Meistertitel führen.

Emilio Eichler: Der Traum von den Paralympics 2024

Die Titelträume von Emilio und Hertha können aber nur noch in der kommenden Spielzeit erfüllt werden, weil der Schüler anschließend die zehnte Klasse auf der Marie-und-Hermann-Schmidt-Schule in Königs-Wusterhausen beendet hat.

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Sein Abi will Eichler in Marburg ablegen und anschließend studieren. In der hessischen Kreisstadt, in der seit über 100 Jahren die Blindenstudienanstalt (blista) Sehbehinderten Möglichkeiten zur Weiterbildung bietet, sieht Eichler, der neben dem Fußball auch noch Klavier in einer Band spielt, bessere Chancen auf Meistertitel – nicht nur in der Bundesliga. Beim SF Blau-Gelb Blista Marburg spielen bereits vier Nationalspieler: „Mein Ziel mit der Nationalmannschaft ist es, die WM zu spielen und die Paralympics 2024 in Paris zu bestreiten.“