60 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer sind noch heute die Spuren im Stadtgebiet zu finden, die seit ihrem Fall im November 1989 wohl in
Vergessenheit geraten sind: die Pankower Hinterlandmauer. 
DDR-Museum

Viel ist nicht mehr übrig von der Mauer, die fast 30 Jahre lang Ost- von West-Berlin trennte und deren Bau vor 60 Jahren die Geschicke zweier Staaten auf lange Zeit bestimmte. Touristen pilgern heute zur East Side Gallery, bestaunen den Kuss zweier Diktatoren. Auch an der Bernauer Straße stehen noch einige Mauersegmente. Doch nach Pankow, ins letzte Eckchen des Ortsteils Wilhelmsruh verirren sich nur wenige Interessierte. Dort aber wurde jetzt ein 150 Meter langes Mauerstück unter Denkmalschutz gestellt.

An einem warmen Nachmittag ist es still am Ende der Schillerstraße. Sören Marotz, der Ausstellungleiter des DDR-Museums wartet an einer Ecke und führt uns zum dem Mauerstück, das bis jetzt für die Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten war. Bei einem Spaziergang vor einiger Zeit war es ihm, der die Gegend hier kennt wie seine Westentasche, wie Schuppen von den Augen gefallen:

Diese nun zugewucherte Betonmauer war einst Teil der Grenzsicherungsanlagen der DDR. Das Teilstück der Hinterlandmauer, an welches heute ein idyllisches Gartengrundstück und eine Kita angrenzen, trennte Wilhelmsruh im Osten von Reinickendorf im Westen. Es ist einer der letzten komplett intakten und zusammenhängen Abschnitte der Hinterlandmauer, welcher denkmalrechtlich bisher noch nicht gesichert war.

Sören Marotz (48), Ausstellungsleiter des DDR-Museums, stieß auf die Mauerreste. 

Volkmar Otto

Auf dem großen Industrie- und Gewerbeareal, dem heutigen PankowPark befand sich zu DDR-Zeiten der VEB Bergmann-Borsig. Hier wurden sämtliche Kraftwerksanlagen der DDR gebaut. Ab dem 13. August 1961 lag der Betrieb mit seinen 4500 Mitarbeitern direkt an der neuen Grenze zu Westberlin und es galten besondere sicherheitspolitische Richtlinien für die Beschäftigten.

Sören Marotz selber hat hier in den letzten Monaten der DDR eine Lehre zum Elektromechaniker mit Abitur absolviert. Sein Ziel: Kernkraftwerke in der DDR bauen. Bei der Einstellungsuntersuchung in der betriebseigenen Poliklinik musste er einen Passierschein vorweisen. Für die Mitarbeiter, die in unmittelbarer Nähe zur Grenze arbeiteten genügte es, jeden Morgen den Betriebsausweis beim Passieren der Pförtnerloge hochzuhalten.

Passerschein Bergmann-Borsig , Sören Marotz Sören Marotz, DDR-Museum

Die Arbeit mit dem Blick durch vergitterte Fenster auf die Häuser des Märkischen Viertels erlebt Marotz als eintönig. „Wir haben acht Stunden gefeilt, Gleichspurmaße für die Reichsbahn.“, erinnert er sich. Keiner der Lehrlinge hätte 1989 geahnt, dass die DDR bald Geschichte sein würde. „Das war eine Lehrzeit in einer grauen DDR, die ich in Müdigkeit erlebt habe“, sagt Marotz.

Als wir in dem Gebüsch stöbern, um dichter an die wiederentdeckte Mauer zu kommen, findet Marotz einen alten Tacho. „Wartburg“, diagnostiziert der Experte schnell und sichert den Fund. Entlang des ehemaligen Grenzstreifens waren hier zwar nur Trabi-Kübelwagen im Einsatz, dennoch können Historiker  so einen Fund wohl nicht einfach liegen lassen.

Die Mauer, drei bis dreieinhalb Meter hoch, und in der jetzigen Form anstelle einer vorherigen in den 1970er Jahren gebaut, sollte Grenzübertritte verhindern. Die Übereinandergestapelten Teile entsprechen dem etwa ab 1965 verwendeten Bauprinzip der von den Experten so genannten „Grenzanlagen der dritten Generation“. Dass sie auch westliche Spione davon abhalten sollte, Betriebsgeheimnisse auszukundschaften, davon ist Sören Marotz nicht überzeugt. Es wäre einfacher gewesen einen der 4500 Mitarbeiter dafür zu gewinnen, glaubt er. Die eigentliche  Kernkrafttechnik sei ohnehin aus der UdSSR gekommen. Und Konsumgüter wie die Rasierapparate der Marke Bebo Scher, die hier direkt an der Grenze hergestellt wurde, dürften weniger interessant für Spione gewesen sein.

Flucht durch die Mauer am Wochenende

Seit dem Bau der Mauer gab es auch auf dem Gelände des VEB Bergmann-Borsig mehrere Fluchtversuche. Breschen wurden in die Ziegelmauer der ersten Generation geschlagen, die Fliehenden nutzen dazu die Wochenenden, an denen nicht gearbeitet wurde. Auch ein Tunnel in den Westen wurde gegraben, die Fluchten gelangen.

Und noch eine Besonderheit weist das neue Denkmal auf. Es gibt eine  rostige, kleine Tür in der Mauer. Sören Marotz gerät ins Schwärmen. So erhalten fände man das sonst nirgends in Berlin. Die Tür taugt allerdings nicht  für Spionageromane, sie ist nicht mehr als ein Tribut an die Bequemlichkeit. Auf dem verwinkelten VEB-Gelände befand sich in ihrer Nähe ein Baulagerplatz, es war schlicht einfacher, Materialien nicht um die gesamte Mauer herum transportieren zu müssen, sondern mitten hindurch. 

Die rote Linie verdeutlicht, wo die Hinterlandsicherungsmauer vor der Wende verlief. Die braune Linie kennzeichnet die eigentliche Mauer.
DDR-Museum

Dass das Stück Mauer nun unter Denkmalschutz steht, bedeutet zunächst, dass es nicht abgerissen werden darf. Auch Streichen und Bemalen sind unzulässig. Der Eigentümer, die Niederbarnimer Eisenbahngesellschaft, ist für den Erhalt der Mauer verantwortlich. In der Zukunft soll  die Trasse der zu reaktivierenden Heidekrautbahn direkt an der Mauer entlang führen.