Anna B. lehnt an einen Baum im Klinikpark. In zwei Monaten erwartet sie ihr erstes Kind, obwohl sie vor zwei Jahren schwer krank war. Foto: Thomas Oberländer/Helios-Klinikum Berlin-Buch.

Anna B. lehnt an einem Baum im Klinikpark. Sie hält ihren Bauch mit beiden Armen umschlossen. Er wird von Tag zu Tag größer, denn in ihm wächst ein neues Leben heran. Dabei hätte die Veranstaltungskauffrau aus Reinickendorf vor zwei Jahren beinahe ihr eigenes Leben verloren. Damals erlitt sie mit 24 Jahren einen schweren Schlaganfall.

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„Mein Mann und ich freuen uns sehr auf das Baby und sind sehr aufgeregt. Es wird ein Mädchen“, verrät Anna B. Kurz vor Weihnachten soll ihr Kind im Helios-Klinikum Berlin-Buch zur Welt kommen – in dem Krankenhaus, in dem ihr die Ärzte damals das Leben retteten.

Annas Frauenärztin, Dr. Annette Isbruch, begleitet die junge Patientin durch die Schwangerschaft.
Foto:  Thomas Oberländer/Helios-Klinikum Berlin-Buch

Am 22. März 2018 wachte Anna B. morgens gegen sieben Uhr auf. Sie hatte starke Kopfschmerzen. „Ich dachte mir zunächst nichts dabei, weil ich häufiger Migräne habe und diese Schmerzen kenne“, sagt sie. An diesem Morgen war sie mit ihrer Schwester Katharina zum Frühstück verabredet und schrieb ihr eine SMS, um mitzuteilen, dass sie starke Kopfschmerzen habe. Doch sie habe keinen vernünftigen Satz zustande bekommen. „Ich habe dann versucht, ihr eine Sprachnachricht zu schicken, aber fand die Worte nicht“, erinnert sie sich.

Anna B. und ihr Ehemann Peter. Das Paar freut sich auf das erste gemeinsame Kind.
Foto: Privat

Ihre Schwester habe sich große Sorgen gemacht und sei sofort zu ihr gekommen. Als Anna B. den Frühstückstisch decken wollte, sei ihr ständig alles aus der Hand gefallen und sie habe Taubheitsgefühle gespürt. „In diesem Augenblick haben wir gewusst, dass das nicht normal ist“, sagt sie. Die Schwester habe nach den Symptomen im Internet gesucht und dann vorsichtshalber einen Rettungswagen gerufen.

„Machen Sie sich keine Gedanken, das ist bestimmt nur Migräne."

Doch als die Sanitäter dann eintrafen, habe sie  sich nicht ernstgenommen gefühlt. „Machen Sie sich keine Gedanken, das ist bestimmt nur Migräne. Legen Sie sich wieder hin und schlafen sich aus. Wenn es nicht besser wird, gehen Sie zum Hausarzt“, hätten sie zu ihr gesagt. Erst auf hartnäckiges Drängen sei Anna B. in die  Notaufnahme gebracht worden. 

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In der Klinik habe der Arzt ein MRT von ihrem Kopf gemacht. Anschließend habe er mehrere Kollegen dazu geholt und sie hätten besorgt geschaut. Da habe sie auf einmal große Angst bekommen. „Sie sind ein Notfall. Sie hatten einen Schlaganfall, wir müssen Sie sofort operieren“, sagte der Mediziner.

Wenn Anna B. heute an diesen schrecklichen Moment zurück denkt, komme die Angst sofort wieder, die sie während der Diagnose ausstehen musste. Sie hätte so gern noch einmal mit ihrer Schwester gesprochen oder mit ihrem Mann, die im Krankenhaus auf sie warteten, aber das ging nicht mehr. Es ging nur noch darum, ihr Leben zu retten und keine einzige Minute mehr zu verschwenden.

Blutgerinnsel im Kopf entfernt

Bei der Operation wurde Anna B. per Kathetertechnik, einer so genannten Thrombektomie, das Blutgerinnsel im Kopf entfernt. Das sei nur bis zu sechs Stunden nach Symptombeginn üblich, erklärt Professor Dr. Marius Hartmann, Chefarzt am Institut für Neuroradiologie des Helios Klinikums Berlin-Buch. Das Problem: Bei Anna B. war schon zu viel Zeit verstrichen, so dass keine herkömmlichen Behandlungsmethoden mehr möglich waren. „Eine medikamentöse Therapie ist nur bis zu viereinhalb Stunden nach Symptombeginn erlaubt und hilfreich“, so Hartmann.

Doch Anna B. hatte Glück und überstand den Eingriff besser als erwartet. „Ich hatte kaum noch Sprachstörungen, und die Taubheitsgefühle wurden auch weniger “, sagt die junge Frau. Da sie keine Vorerkrankungen hatte und als ehemalige Leistungssportlerin im Eiskunstlauf körperlich fit war, kämpfte sich mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Ausdauer schnell wieder zurück ins Leben.

Bei der Reha halfen ihr Logopäden und Physiotherapeuten, die Sprache zu trainieren und den Gleichgewichtssinn wieder zu erlangen. Nur die Kopfschmerzen habe sie noch ein Jahr lang ertragen müssen. Damit sie keinen erneuten Schlaganfall bekommt, muss sie weiterhin ein blutverdünnendes Medikament einnehmen. Nächste Woche muss sie es allerdings vorübergehend absetzen, weil die Geburt ihres Kindes naht und sie sonst bei der Entbindung zu viel Blut verlieren könnte.  

Schlaganfall kein Grund, von der Schwangerschaft abzuraten

Anna B. und ihr Mann Peter (27) hatten sich schon eher ein Baby gewünscht. Nur vier Monate vor dem Schlaganfall haben sie geheiratet und wollten danach eigentlich mit der Familienplanung beginnen. Aber dann hat ihnen das Unglück einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Nun freuen wir uns umso mehr, dass wir doch noch Eltern werden können“, sagt Anna B.

Einer Schwangerschaft stand trotz ihres Schlaganfalls, medizinisch gesehen, nichts im Wege. Sie hat sich vor ihrem Kinderwunsch mit ihren Ärzten ausgiebig beraten. „Bei jungen Frauen, die einen Schlaganfall erlitten haben, gibt es grundsätzlich keinen Grund, von der Schwangerschaft abzuraten“, erklärt Dr. Annette Isbruch, leitende Oberärztin Geburtsthilfe und Gynäkologie, dem KURIER. Wichtig seien der interdisziplinäre Austausch und die intensive Beratung. „Das Risiko für einen weiteren Schlaganfall ist sehr gering“, sagt Isbruch.

Das Schicksal von Anna B. ist kein Einzelfall. Immer mehr junge Menschen sind von einem Hirninfarkt betroffen. Allerdings wird die Anzahl der Fälle aus Datenschutzgründen in Deutschland nicht erfasst. Nach einer aktuellen Hochrechnung der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe in Gütersloh erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland pro Jahr einen Schlaganfall, rund 30.000 von ihnen sind jünger als 55 Jahre. Dass die Betroffenen immer jünger werden, führten Experten  auf eine veränderte Lebensweise wie mehr Stress, schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung zurück.

„Die Inzidenz von ischämischen Schlaganfällen bei jungen Erwachsenen unter 40 steigt und wird derzeit auf 15-18 Prozent aller ischämischen Schlaganfälle geschätzt“, sagt der Experte aus dem Helios-Klinikum Berlin-Buch, Professor Dr. Marius Hartmann. Mehr als 80 Prozent seien durch klassische Gefäßrisikofaktoren bedingt: Lifestyle-Faktoren wie Bewegungsmangel, Rauchen, Alkohol, Fehlernährung. Für die restlichen 15 bis 20 Prozent seien Herzerkrankungen, Gerinnungsstörungen, Schwangerschaft, Migräne, Medikamenteneinnahme (Pille) und systemische Gefäßveränderungen verantwortlich.

Anna B. hat sich zurück ins Leben gekämpft. Für sie ist der Schlaganfall nun Vergangenheit, und sie schaut glücklich in die Zukunft, wie sie sagt: „Ich bin sehr froh, dass mir ein zweites Leben geschenkt wurde und nun noch ein weiteres durch meine Schwangerschaft hinzukommt.“ Die Freude auf ihr Baby ist stärker als ihre Angst.