Gisela Meyer vor ihrem Wäscheschrank – er ist prall gefüllt mit den Tüchern. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

In nahezu jedem Haushalt findet sich heute ein Bügeleisen – zu Großmutters Zeiten war das anders. Wer gewaschene Wäsche plätten wollte, musste eine Wäscherolle aufsuchen. Gisela Meyer aus Lichterfelde begeistert sich für alte Waschtechniken, will an die damalige Zeit erinnern und sammelt deshalb alte Rolltücher – Leinen-Laken, die in den großen Mangel-Maschinen genutzt wurden, um die Wäsche zu plätten. Mehr als 550 Stück hat die 74-Jährige zusammengetragen. Eine historische Sammlung, die Einblicke in längst vergangene Zeiten gibt.

Meyer arbeitete lange als Krankenschwester in der häuslichen Krankenpflege. „Vor 30 Jahren kümmerte ich mich um eine ältere Patientin. Als ich ihre Wohnung aufräumte, fand ich zwei alte Rolltücher“, erzählt die 74-Jährige. Sie waren schmutzig, aber verziert mit Jugendstil-Mustern. „Ich dachte noch: Ach, das ist ja nett.“ Auf Nachfrage sagte die Patientin: „Hau‘ weg, ich gehe nicht mehr zur Rolle!“

Früher gehörten die Leinen-Tücher für die Wäscherolle zum Alltag

Meyer nahm die Tücher mit, reinigte sie und bewahrte sie auf. Etwas später, bei einer anderen Patientin, erzählte sie von dem Erlebnis. „Und die sagte dann: Ach, Rolltücher können Sie von mir auch haben.“ Meyer entdeckte, dass es die eigentlich schlichten Leinentücher in unzähligen Varianten gibt – und dass sie, ohne genutzt zu werden, in vielen Schränken schlummern. Denn früher gehörten sie zum Alltag: Wer seine Wäsche durch eine Mangel drehen wollte, nutzte die zwei Meter langen und 80 Zentimeter breiten Tücher, um die einzelnen Wäschestücke zwischen den großen Rollen zu fixieren und zu schützen.

Wertvolle, alte Rolltücher werden aufgerollt aufbewahrt. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Die Sammel-Leidenschaft war geweckt. „Im ersten Jahr trug ich rund 50 alte Rolltücher zusammen, steckte mit der Begeisterung auch meinen Mann an“, sagt Meyer. Gemeinsam forschten sie, gingen auf Reisen durch Museen und Webereien – auch, um das Wissen über die Herstellung und die Nutzung der Tücher zu sammeln. „Während die Rolltücher in Sachsen eher  einfach gestaltet waren, waren die Tücher in Preußen beispielsweise fester Bestandteil der Aussteuer – und damit auch ein Statussymbol“, sagt Meyer. „Deshalb waren sie viel umfangreicher gestaltet.“ In West- und Süddeutschland wurde kaum gerollt, in Sachsen und Thüringen fanden die Meyers noch Jahre nach der Wende öffentliche Wäschemangeln.

Viele der Tücher sind reich verziert, hier ist eine Hausfrau beim Waschen dargestellt. Foto: Gisela Meyer

Bei ihren Recherchen stießen sie auch auf interessante Geschichten rund um die Tücher. Zu DDR-Zeiten waren sie etwa nur mit roten oder blauen Randstreifen verziert. „In Neukirch in der Oberlausitz lernten wir einen ehemaligen Weber kennen. Er erzählte uns, dass er damals versuchte, andersfarbige Streifen einzuweben“, berichtet Meyer. „Dann bekam er von den Funktionären gesagt, dass er das bitte nicht mehr machen soll – weil die Hausfrauen der DDR es eher einfach mögen.“

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Manche der Tücher sind regelrechte Kunstwerke. „Anhand der Muster können wir oft ungefähr sagen, wann das Tuch hergestellt wurde“, sagt Meyer. Oft sind Waschutensilien abgebildet – aber auch Frauen, die sich um die Wäsche kümmern. Ein Blick auf die Stücke ermöglicht Rückschlüsse auf das Frauenbild der Zeit. „Zuerst sind die Frauen als Hausfrauen dargestellt, in den 20er-Jahren tragen sie kurze Röcke.“ 

Diese einfach gestalteten Tücher dürften vielen noch bekannt sein. Foto: Gisela Meyer

Ein Blick in den Wäscheschrank der Meyers ist heute ein Blick in die Vergangenheit: Mehr als 550 Tücher haben sich angesammelt. Sie lagern gefaltet oder – bei wertvollen Exemplaren – auf großen Rollen. Viele der Tücher kommen von Flohmärkten oder aus dem Internet. Jedes einzelne hat die 74-Jährige vermessen, beschrieben und auf einer Karteikarte erfasst. Jedes? „So richtig kommen wir nicht hinterher“, sagt Meyer. Ihr Mann ergänzt: „Es ist auch nur eines von 25 Hobbys.“ Gisela Meyer betreut etwa auch eine Dauerausstellung über alte Waschtechniken im Heimatmuseum Teltow – und erzählt in Schulen von diesem Kapitel der Geschichte.

Mehr als 550 Rolltücher hat Meyer gesammelt. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Auch sie selbst freut sich über die Sammlung. „Wenn ich die Tücher raushole, habe ich schon ein gewisses Glücksgefühl – und wenn ich eine Ausstellung plane, sitze ich hier tagelang und überlege, welche ich dort zeigen möchte“, sagt sie. „Und selbst nach Jahren kann ich auf den Tüchern immer wieder neue Details entdecken.“ Auch liebt sie es, das Wissen von damals zu erhalten. „Denn es geht verloren, wenn man es nicht dokumentiert. Für die älteren Leute ist es ein spannendes Gebiet, weil sie die Dinge wiedererkennen und mitreden können – und die jüngeren bekommen einen Einblick in eine längst vergessene Zeit. Die Generationen kommen darüber miteinander ins Gespräch.“ Gerade dieses profane Wissen aus dem Alltag werde in großen Museen oft nicht vermittelt. „Aber es ist das Wissen der kleinen Leute.“

Jede Sammel-Leidenschaft kennt ihre Grenzen

Jede Sammelleidenschaft kennt aber ihre Grenzen – das haben auch die Meyers bereits erfahren müssen. Denn eigentlich ging die Leidenschaft fürs Waschen viel weiter. Vor Jahren gehörten zur Sammlung auch rund 200 alte Bügeleisen, dazu Waschbretter, Seifen und Waschpulver. „Aber davon mussten wir aus Platzgründen trennen“, sagt Meyer. Die Exponate sind heute ebenfalls im Heimatmuseum in Teltow zu sehen.