Dicke Bretter sägen. Sandra Scheeres in der neuen Werkstatt-Kita.
Gerd Engelsmann

Ein Neubau im Hinterland der Prenzlauer Promenade. Nebenan wird noch gehämmert und gebaut. Doch die Türen in der Selma-Lagerlöff-Straße 6 sind schon geöffnet, der Lavendel im Vorgarten ist eingepflanzt. Hier auf einem Campus der Kreativität – mit Künstlerateliers und Musikschule als Nachbarn – ist die erste Werkstatt-Kita der Berliner Kita-Eigenbetriebe entstanden. An die einhundert Kinder werden bis zum Herbst hier einen Platz gefunden haben. Die Anmeldeliste ist schon jetzt voll.

Was tun in der Werkstatt-Kita?

Aber Bohren und Kneten die Kleinen dann den ganzen Tag?, fragen sich Laien vielleicht. Mitnichten, denn die Idee der Werkstatt-Kita greift viel weiter.

Platz zum Tanzen und Ausprobieren, das Konzept einer Werkstatt-Kita lässt Freiräume.

Bei einem Rundgang mit Senatorin Sandra Scheeres und den Bezirksstadträten Rona Tietje und Torsten Kühne wird schnell eines deutlich: hier gibt  es mehr Platz zum Gestalten als in herkömmlichen Kitas. Auf jeder der drei Etagen ist etwa ein Raum komplett frei gehalten für Projekte und Ideen der Kinder.

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Für den Rundgang haben die Erzieher in einem dieser Räume eine Wand mit Luftballons aufgebaut, darin Farbe, die effektvoll spritzt, wenn man mit dem Dartpfeil trifft. Sandra Scheeres wirft energisch und es knallt. In einem anderen Raum muss die Senatorin die Schuhe ausziehen um für die Fotografen an einer Kletter- und Balancierkombi zu posieren. Bewegungsbaustelle nennen das die Fachleute.

Fast jeder Wurf ein Treffer. Das ist im politischen Alltag eher selten.

Foto: mit Senatorin Sandra Scheeres

Und der Begriff Bewegungsbaustelle umschreibt gut die beiden Pole in Sachen Kitabau im Bezirk. Ja, es ist etwas in Bewegung: 1500 neue Kita-Plätze sind seit 2016 in Pankow entstanden.  850 neue Plätze waren bis 2025 im Bezirk geplant, die meisten in 2021 und 2022. Weitere können hinzu kommen. Dennoch: es gibt berlinweit auch noch jede Menge Baustellen.

Bedarf an Kitaplätzen ist groß

Jedes Kind hat vom ersten Lebensjahr an einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz, der Bedarf an Kindertagesstätten ist riesig. In den nächsten fünf Jahren wächst in Berlin die Zahl der Kinder im Kita-Alter auf bis zu 200.000. Von 2020 bis 2026 müssen 26.000 neue Plätze geschaffen werden, so steht es im Kitaentwicklungsplan des Senats. 15.500 neue Kitaplätze sind Ziel für 2022. Im letzten Jahr wurde das Soll nicht erreicht.

Aber jetzt weiter beim Rundgang, die Senatorin soll noch Sägen. Denn wie es sich für eine Werkstatt-Kita gehört gibt es auch einen Raum, in dem mit Holz gearbeitet wird. Der Zollstock, Laubsägen und Leisten liegen schon parat. In der Mathematikwerkstatt lassen sich Mengen und Zahlen mit den Händen begreifen, im Kreativraum sind die Möbel mit Rollen versehen, sodass nach Bedarf umgebaut werden kann. „Das Werkstattprinzip beinhaltet auch, dass hier richtig große Kunstwerke entstehen, die dann auch stehen bleiben können“, so Elke Bovier, die pädagogische Geschäftsleiterin der Kindergärten Nordost.

Gerd Engelsmann
Kreative Ecke: Nebenan haben Künstler im Atelierhaus an der Prenzlauer Promenade eine Nische gefunden.

Möglichst wenig vollstellen, sondern die Kinder machen lassen. Sie kommen von selbst auf gute Ideen, was man mit Bauklötzen, Farben und Co. anstellen kann. „Kinder können nicht nicht lernen“, sagt Katrin Dorgeist, die zweite Geschäftsführerin des Kitaträgers.

Anstelle von Spielzeugen mit einer fest zugeschriebenen Bedeutung finden sich hier Universalwerkzeuge, die die Phantasie anregen. Eine Bibliothek darf ebenso nicht fehlen, Sandra Scheeres gibt sich als Fan der Grüffelo-Reihe zu erkennen.

Als die Politiker und Pädagogen auf der Kinderbühne ihre Reden halten und die wirklich gelungene 78. Kita des Eigenbetriebs Nordost loben, beobachtet Sandra Scheeres in Pankow einen Trend zum Viertkind, Familien fühlten sich wohl im Bezirk, so die Senatorin. Dies beschere der Politik einen Wettlauf, mit der Infrastruktur hinterherzukommen. Auch Pankows Sozialstadträtin Rona Tietje freut sich über den gelungenen Neubau, es sei schließlich nicht alltäglich, dass die öffentliche Hand eine neue Kita baut. Warum eigentlich nicht, möchte man da fragen.