Ralf (l) und sein Bruder Jens Fangerow machen mit ihren Kaltblutpferden Amigo (l) und Paco eine Pause in einem Wald mit Küstentannen. Mit Hilfe der Rückepferde wird geschlagenes Holz aus dem dichten Wald gezogen. Die starken Kaltblutpferde haben auch ein cooles Gemüt. 
Ralf (l) und sein Bruder Jens Fangerow machen mit ihren Kaltblutpferden Amigo (l) und Paco eine Pause in einem Wald mit Küstentannen. Mit Hilfe der Rückepferde wird geschlagenes Holz aus dem dichten Wald gezogen. Die starken Kaltblutpferde haben auch ein cooles Gemüt.  dpa/Patrick Pleul

Die Brüder Fangerow aus der Uckermark arbeiten mit ihren Kaltblutpferden im Brandenburger Waldumbau. Was sie tun, mutet an wie aus der Zeit gefallen. Aber Maschinen können diese Arbeit nicht übernehmen.

„Komm!“, ruft Ralf Fangerow (65) mit einem langgezogenen „O“. Auf sein Kommando hin stemmt sich der polnische Kaltblüter Amigo in das hölzerne Kumt - einen Bügel - um seinen Hals und zieht scheinbar mühelos den tonnenschweren, mächtigen Stamm einer Küstentanne aus einem Waldstück bei Oderberg (Landkreis Barnim). „Brrr“, sagt der Mann hinter dem Geschirr, um das große, kräftige Tier auf dem Waldweg zu stoppen. „Das Kumt ist eine Maßanfertigung, das Pferd schiebt die Last dort hinein“, erklärt Fangerow.

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Sein neun Jahre alter tierischer Helfer ist ein echter Zugpferd-Champion. Schon mehrfach hat er bei der größten Kaltblutpferde-Sportveranstaltung Europas, Titanen der Rennbahn, in Brück (Potsdam-Mittelmark) abgeräumt – in den Disziplinen, in denen es um Kraft und Stärke ging. „Unter anderem muss ein 1,2 Tonnen schwerer Schlitten über eine Distanz von 60 Metern gezogen werden“, erklärt Amigos Besitzer. 19 Jahre lang nahmen die Uckermärker Ralf Fangerow und sein Bruder Jens mit ihren Tieren daran teil, Dutzende Pokale und Siegerschleifen zeugen davon.

Diese Kaltblüter sind die stärksten Pferde Deutschlands

„Die Kaltblüter der Fangerows sind tatsächlich die stärksten Pferde Deutschlands“, sagt Thomas Haseloff, dessen Familie Veranstalter der Titanen der Rennbahn war. Aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland traten dort Teams mit 500 Pferden an. Der Erfolg der uckermärkischen Kaltblüter kommt nicht von ungefähr. „Wir arbeiten tagtäglich mit unseren Pferden“, sagt der 65-jährige Ralf Fangerow, der mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Jens seit 15 Jahren im Angermünder Ortsteil Altkünkendorf (Landkreis Uckermark) die Firma Die Holzrücker führt.

Ralf Fangerow macht neben seinem Kaltblutpferd Amigo eine Pause. Das Pferd kann bis zu einer Tonne schwere Baumstämme über den Waldboden ziehen.&nbsp;
Ralf Fangerow macht neben seinem Kaltblutpferd Amigo eine Pause. Das Pferd kann bis zu einer Tonne schwere Baumstämme über den Waldboden ziehen.  dpa/Patrick Pleul

Mit den Pferden wird der Waldboden gepflügt 

Gemeinsam mit ihren großen, starken Pferden ziehen sie nicht nur tonnenschwere Baumstämme aus unwegsamen Waldgebieten, in denen nicht mit schweren Maschinen gearbeitet werden kann. „Wir sind auch beim Waldumbau im Land Brandenburg dabei, pflügen den Waldboden für Neuanpflanzungen und reißen hier nicht heimische, invasive Traubenkirschen mitsamt der Wurzeln aus“, erklärt Jens Fangerow.

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„Wir greifen gern auf erfahrene Unternehmer wie die Fangerows zurück“, sagt Jan Engel vom Brandenburger Landesbetrieb Forst. „Der Bedarf ist hoch, doch leider gibt es zu wenige dieser Spezialisten.“ Der Vorteil des Pferdeeinsatzes im Wald: Der Boden sowie der restliche Baumbestand werde geschont, es gebe weder Lärm noch Gestank, beschreibt er. Außerdem könnten die Tiere im Gegensatz zu Maschinen auch in Hanglagen und feuchten Gebieten arbeiten.

Die Pferde müssen aufs Kommando hören - sonst kann es gefährlich werden

Ihre vier Pferde haben die Brüder Fangerow sorgsam ausgesucht. „Sie müssen groß sein, mit einer Widerristhöhe von ungefähr 1,75 Metern, und ungefähr 900 Kilogramm schwer, um richtig Kraft zu haben.“ Zwei Jahre dauere die Ausbildung, bei der es darum gehe, auf Kommando zu hören, erzählen die Holzrücker. Das A und O sei das Vermögen der Tiere, stehen zu bleiben. „Pferde sind Fluchttiere. Wenn die mit Gewicht hintendran einfach losrennen, wird es gefährlich“, meint Jens Fangerow. Er und sein Bruder haben Kaltblüter, von denen es in Europa rund 20 verschiedenen Rassen gibt, schätzen gelernt. „Sie sind ruhig und ausgeglichen, nicht schreckhaft. Was sie einmal gelernt haben, vergessen die nicht wieder“, erzählt der 63-Jährige.

„Kaltblüter sind unkompliziert und haben ein cooles Gemüt“, bestätigt Haseloff, dessen Familie diese Pferde bereits seit den 1980er Jahren züchtet. Rund 60 Tiere haben Haseloffs aktuell, spannen sie für Touristenausflüge vor Planwagen, nutzen sie aber auch für den Reitsport und therapeutisches Reiten. Die beiden gelernten Schlosser Fangerow haben Kaltblüter, die seit Jahrhunderten als Zugpferde eingesetzt werden, erst nach der Wende kennengelernt. „Wir wollten uns mit einem Kutsch- und Kremserbetrieb selbstständig machen, merkten jedoch schnell, dass damit kein Geld zu verdienen ist“, sagt Ralf Fangerow. Also fingen sie „im Holz an“, wie beide Brüder sagen.

Die Pferde müssen ausgewachsen sein, um große Lasten zu ziehen

Erst mit sechs Jahren sei das Knochenwachstum der Kaltblüter ausgewachsen. Vorher sollten sie nicht für schwere Arbeiten wie das Holzrücken eingesetzt werden, erklären sie. Etwa neun Jahre lang haben die Pferde nach den Erfahrungen der Fangerows Kraft genug für das Ziehen großer Lasten.

Jens Fangerow zieht mit seinem starken&nbsp; Kaltblutpferd Paco Baumstämme durch einen Wald.&nbsp;
Jens Fangerow zieht mit seinem starken  Kaltblutpferd Paco Baumstämme durch einen Wald.  dpa/Patrick Pleul 

Die beiden wollen allerdings nur noch wenige Jahre mit ihren Tieren im Wald arbeiten. „Wir werden nicht jünger, die Arbeitsbedingungen immer schlimmer: Erdwespen, Zecken, Hirschläuse können einen plagen. Die Sommer werden immer heißer, was auch die Pferde an Grenzen bringt“, beschreibt Ralf Fangerow die Situation.

Die Kaltblüter ziehen auch Hochzeitskutschen 

Ihr Handwerk haben sie an ihre Neffen vererbt, Fangerows wollen mit ihren Kaltblütern dann nur noch Hochzeitskutschen oder Kremser fahren. Gern wären sie weiter bei den Titanen der Rennbahn angetreten, doch die Veranstalter-Familie Haseloff wird die beliebte Veranstaltung mit jährlich 30 000 Besuchern nicht mehr ausrichten. „Wir schaffen es nicht mehr, viele Mitstreiter sind inzwischen verstorben. Tierschutzorganisationen machen uns das Leben schwer“, sagt Thomas Haseloff.