Die Tierpark-Eisbären Tonja und Wolodja bei der Paarung (2017): Zu diese Geschwisterliebe hätte es nicht kommen dürfen. Foto: Imago/Olaf Wagner

Es war ein Schock, als der Tierpark Berlin in dieser Woche mitteilte,  dass Eisbär-Star Hertha (2) das Ergebnis einer Inzucht ist. Tragisch ist, dass sie vorerst keinen Nachwuchs bekommen und damit auch keinen wichtigen Beitrag zur Erhaltung ihrer vom Aussterben bedrohten Art leisten darf.

Inzucht hätte verhindert werden können

Dabei hätte die Inzucht bei den Tierpark-Eisbären vor acht Jahren verhindert werden können, sagt Fan Ulrike Joerres. So unglaublich es klingt: Die Frau aus Nordrhein-Westfalen, die sich leidenschaftlich für die größten Landraubtiere der Welt interessiert, fand bereits vor acht Jahren in Zuchtbüchern Hinweise, dass Herthas Eltern, Tonja und Wolodja, aufgrund einer Verwechslungspanne im Moskauer Zoo Geschwister sein könnten. Nur, warum ging die damalige Tierpark-Leitung diesem Verdacht nicht nach?

Eisbär-Fan Ulrike Joerres (hier mit einem Lemuren) in einem französischen Zoo: Sie endreckte als Erste, dass Tonja und Wolodja Geschwister sein könnten. Foto: privat

Diese Frage stellt sich Joerres heute. Die 68-Jährige aus Düren bei Köln listet seit über zehn Jahren in ihrem Internet-Blog alle Eisbären auf, die in europäischen Tiergärten leben. „Mein Hobby fing mit dem Berliner Zoo-Star Knut an“, sagt sie. Eine gewaltige Datensammlung wurde daraus, mit deren Hilfe sie 2013 als Erste auf eine mögliche Verwandtschaft zwischen Tonja und Wolodja stieß. „Die Sache mit Tonja, bei der nun bewiesen ist, dass sie 2009 nach ihrer Geburt im Moskauer Zoo falsche Eltern zugeordnet bekam, wäre wohl nie zu einem Problem geworden. Sie war ja ursprünglich als Braut für Knut bestimmt.“

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Das Schicksal wollte es anders. Tonja kam im August 2011 in den Tierpark, da war Knut schon fünf Monate tot. So suchte das Europäische Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für die Eisbärin ein neues Männchen, das aus genetischer Sicht zu ihr passen würde. Die Wahl fiel auf den zwei Jahre jüngeren Wolodja, der wie Tonja im Moskauer Zoo zur Welt kam und im Sommer 2013 im Tierpark eintraf.

Daten beider Eisbären abgeglichen

Joerres begann damals die Daten beider Eisbären abzugleichen. Das geschah im Fall von Tonja anhand von Zuchtbucheinträgen. Die Bloggerin bekam diese über ihre Kontakte aus der Zoo-Welt zugespielt. „Darin waren für den Moskauer Zoo zwei Eisbärenpaare verzeichnet, die im November 2009 fast zeitgleich Nachwuchs bekamen“, sagt Joerres. Das eine Paar, Murma und Untay, hatte ein Weibchen mit der Nummer 2916, die man später Tonja zuordnete. Das zweite Paar, Simona und Vrangel, die späteren Eltern von Wolodja, hatte weibliche Zwillinge mit den Zuchtbuchnummern 2917 und 2918.

Zweieinhalb Jahre ist Hertha alt, zeigt ihre Kräfte beim Spielen mit dieser Boje. Aufgrund des Inzest-Falls darf sie weiter in Berlin bei ihrer Mutter Tonja bleiben. Foto: Pressefoto Wagner

Doch Joerres wurde stutzig. Denn das Jungtier mit der Nummer 2916 taucht in den Zuchtbüchern gleich zwei Mal auf. Einmal ging sie im Januar 2011 nach Peking, wo tatsächlich ein Weibchen ankam, so Joerres. Und in einem anderen Zuchtbucheintrag steht, dass die Nummer 2916 als Tonja im Sommer 2011 über den Zoo Rostow in den Tierpark Berlin kam. „Das ein Tier in einem Jahr an zwei Orten ist, kann nicht sein“, sagt Joerres. „Ich vermutete, dass man bei den Einträgen die Jungtiere verwechselt hatte. Es lag sehr nahe, dass Tonja in Wahrheit die Tochter von Simona und Vrangel und damit eine Schwester von Wolodja sein könnte.“

Bloggerin wollte Tierpark warnen

Den Verdacht schrieb Joerres im August 2013 in ihrem Internet-Blog, um den Tierpark vor einer Verpaarung von Wolodja mit Tonja zu warnen und löste damit viel Wirbel aus. Denn auch die Tierschutzverbände lasen ihren Eintrag. Ohne die Quelle ihrer Erkenntnisse zu nennen, beschuldigten sie den damals ungeliebten Berliner Tierpark- und Zoo-Chef Bernhard Blaszkiewitz, er wolle einen neuen medienträchtigen Eisbär-Star züchten, nehme dabei auch eine Inzucht in Kauf.

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„Blaszkiewitz war damals beim Thema Inzucht kein unbeschriebenes Blatt“, sagt James Brückner, Chef des Deutschen Tierschutzverbandes. „Da wären die damaligen Löwen im Zoo, deren Jungen infolge von Inzucht entstanden, oft nicht überlebten. Systematische Inzucht sorgt bei Jungtieren für eine hohe Sterblichkeit, man muss beim Nachwuchs mit Krankheiten oder Gendefekten rechnen.“

Es dauerte, bis Blaszkiewitz sich zu den Vorwürfen der Tierschützer äußerte. Einen Tag vor der Präsentation Wolodjas ließ er im August 2013 ausrichten, dass der Eisbär kein Bruder von Tonja sei. Dies würden Tonjas Papiere eindeutig belegen. Eisbär-Fan Joerres, die die Unkorrektheiten in den Zuchtbüchern fand, akzeptierte damals diese Aussage. „Ich konnte ja nicht den wissenschaftlichen Beweis für meinen Verdacht erbringen“, sagt sie. „Dies hätte aber damals der Tierpark gekonnt.“

Tierpark-Direktor Andreas Knieriem an der Eisbärenanlage: Er ging den Hinweise über die Unstimmigkeiten im Zuchtbuch von Eisbärmutter Tonja nach. Foto: dpa

Wie Joerres acht Jahre zuvor stolperte nun auch die jetzige EEP-Chefin, die russische Biologin Marina Galeshchuk, über Ungereimtheiten in Tonjas Zuchtbuch, als es um die Zuchtzukunft ihrer Eisbär-Tochter Hertha ging. Dass der heutige Tierpark-Chef Andreas Knieriem dem Hinweis nachging, eine Genanalyse bei Tonja durchführen ließ, sei der richtige Schritt gewesen, so Joerres. „Ihm ist hoch anzurechnen, dass er das Ergebnis öffentlich machte, dass Tonja und Wolodja tatsächlich Geschwister sind und es mit Hertha einen Inzucht-Fall gibt.“

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Doch warum führte der Tierpark 2013 keine Genanalyse durch, als es den ersten Verdacht gab? Man hatte entschieden, dass man den vorliegenden Dokumenten aus dem Zoo Moskau, den darauf basierenden Empfehlungen des EEP sowie den Tiertransport-Papieren zu vertrauen, so eine Sprecherin. „Dies sind offizielle Dokumente, ähnlich einem Reisepass, auf dessen Gültigkeit in aller Regel Verlass ist.“ Daher gab es auch keinen Grund, daran zu zweifeln.

Trotz des Vorfalls habe der Tierpark nach wie vor Vertrauen in die Arbeit wichtiger internationaler Institutionen. Auch zu dem Moskauer Zoo, durch dessen Hinweis der Fall erst überhaupt aufgeklärt werden konnte. Das Ganze zeige, „wie wichtig es ist, dass wir unsere Arbeit zukünftig in allen Bereichen verstärkt auf eine wissenschaftliche Basis stellen“, so die Sprecherin. Außerdem seien die  Möglichkeiten für Genanalysen „heute ganz andere, als noch vor zehn Jahren“.