Wolt-Fahrer Sedrick Kumas (Name geändert) traut sich nachts nicht mehr nach Kreuzberg.
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sie treten an, um zu gewinnen. Oder sich zumindest ein ordentliches Stück vom boomenden Markt der Essenslieferungen zu sichern. Der finnische Lieferdienst Wolt sammelte gerade 440 Millionen Euro von Investoren ein, um in Deutschland zu investieren und das Monopol von Lieferando zu brechen. Im vergangenen Pandemiejahr stieg die Zahl der Bestellungen bundesweit um 43 Prozent auf über 112 Millionen. Inzwischen sind allein in Berlin 1500 Wolt-Fahrer unterwegs. Wie sieht ihr Alltag aus. Wir haben zwei von ihnen begleitet.

Als Fahrradkurier hätte ich ein Problem. Zu meiner ersten Schicht als Essensauslieferer komme ich über fünf Minuten zu spät angeradelt. Beim Lieferdienst Wolt bekäme ich dafür wohl Abzüge vom Lohn.

Aber ich bin ja nur Reporter, der eine Fahrerin und einen Fahrer durch Berlin begleitet. Man sieht sie derzeit fast überall: Junge Menschen mit riesigen Boxen auf dem Rücken, die mitten im Lockdown alleine draußen durch die Kälte radeln. Sie arbeiten für Lieferando, Wolt oder kleinere Dienste und Restaurants, man erkennt sie an leuchtenden Jacken und Taschen in Orange oder Blau, aber kaum einer kennt ihre Namen.

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Es ist ein Donnerstagabend im Januar, noch weiß ich nicht, dass ich bei meiner ersten Schicht fast sterben werde. Und nach meiner zweiten Fahrt vor Rührung weinen.

Laura Hickel wartet geduldig mit Fahrrad am S-Bahnhof Warschauer Straße. Die 33-Jährige ist eine zierliche, aber keinesfalls zerbrechliche Person. Mit ihrer Fellmütze, blonden Zöpfen und Nasenring könnte sie für einen Nachtclub anstehen, aber sie startet gerade ihre Abendschicht als Kurierin.

Ich würde Laura gerne fragen, wie sie dazu kommt, für Wolt zu fahren in diesem umkämpften Markt, der durch den Lockdown wächst. Die Restaurants servieren ihr Essen ja nur noch zum Abholen oder per Lieferservice.

Doch bevor ich ihr eine Frage stellen kann, rast Laura schon über den Bürgersteig und springt mit ihrem Mountainbike auf die Straße. Die erste Lieferung wartet. Ich folge ihr auf meinem klapprigen Damenrad. Einen großen Teil des Abends ist Laura für mich ein rotes Rücklicht am Horizont. Außer uns sind abends fast nur Lieferboten auf den Straßen unterwegs.

Lieferbotin Laura Hickel hat oft die Lichter der Stadt abends ganz für sich alleine.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Laura hält vor einem Asia-Restaurant in der Revaler Straße, das ihr die App auf ihrem Handy anzeigt. Sie geht hinein, ruft ihre Bestellnummer und wartet kurz draußen. Eine gute Minute Wartezeit zum Reden. „Ich bin erst seit November dabei, eher so aus der Not heraus“, erzählt sie, „ich bin eigentlich Yoga-Lehrerin, aber die ganzen Studios haben gerade keinen Bedarf.“ Zudem wolle sie sportlich aktiv bleiben. Dazu hat Laura gleich Gelegenheit, das Essen ist fertig und muss nun in die Ehrenbergstraße.

Auch in Friedrichshain, gut anderthalb Kilometer entfernt. Die App zeigt als Zielzeit fünf Minuten an. Laura will schneller sein. Stürzt sich die Warschauer Brücke herab, ohne einmal zu bremsen. Ich folge so gut ich kann, überhole andere Fahrräder, nehme Kurven scharf, interpretiere Fahrspuren und Ampeln großzügig, zu unseren Gunsten. Wie viele Verkehrsregeln wir an diesem Abend brechen, verschweige ich lieber, zu unser beider Schutz.

Die Firma Wolt kommuniziert nicht offen, was ihre angestellten Kuriere verdienen. Nur, dass pro Lieferung und zurückgelegter Strecke gezahlt wird. Je mehr Aufträge, desto mehr Geld. Die Schlüssel sind kompliziert berechnet. Es gebe aber einen garantierten Stundenlohn, der über dem Mindestlohn liege. Es existieren auch Zielvorgaben, für die es Boni gibt. Im Schnitt verdiene ein Fahrer laut Wolt etwa zwölf bis 14 Euro pro Stunde.

Die Boten sollen im Idealfall drei Lieferungen pro Stunde erledigen. Laura will vier schaffen. Ein sportliches Ziel. Das hieße: nur fünf Minuten Weg zum Restaurant. Fünf Minuten Warten aufs Essen. Fünf Minuten Fahrt zum Kunden. Ist da auch ein Kick dabei? „Auf jeden Fall“, sagt sie und grinst, bevor sie wieder scharf abbiegt.

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Alles, was Laura tut und sagt, ist schnell. Ich muss an ein Buch denken, in dem ich über die ersten Astronauten gelesen habe: Testpiloten, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Heute würden sie wohl per App Essen liefern.

Laura kommt an der Zieladresse an, aber der Name der Kundin steht nicht an der Klingel. Das kostet sie oft die meiste Zeit. Im Laufe des Abends sehe ich Laura immer wieder durch Innenhöfe irren, Aufgänge suchen, Nachbarn fragen. „Wollen die mich veräppeln?“, keucht sie dann, flucht: „Ich raste gleich aus!“ Oft muss sie die Kunden anrufen, die gehen nicht immer gleich ran. Öffnen dann die Tür, verpennt in Jogginghosen. Murmeln „Sorry“ auf Englisch, manchmal „Danke“ auf Deutsch. Selten Bargeld.

Laura trägt im Treppenhaus oft keine Maske, schließt auch ihr Fahrrad im Eingangsbereich oder auf der Straße meist nicht ab. Schnelligkeit geht ihr vor Sicherheit. „Hast du denn keine Angst vor Corona?“, frage ich. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Straßenverkehr sterbe, ist deutlich höher“, sagt sie.

Mehrmals werde ich fast angefahren, beim Versuch ihr zu folgen. Stoße einmal mit ihr zusammen, als sie hart bremst. Dennoch hat Laura noch nie einen nennenswerten Unfall im Job gebaut. Sagt Laura.

Wie beim Yoga reizt sie gern körperliche Grenzen aus. „Dann spürst du das Leben“, sagt Laura, während sie auf dem Sattel Dehnübungen macht. „Wann gehen wir im Alltag noch Risiken ein?“ Sie sei dankbar für den Job, er bewahre sie davor, zu Hause zu sitzen und depressiv zu werden. Auch wenn die Muskeln in der Kälte schmerzen.

„Ich kann meine Stadt bereisen“, sagt Laura, sie finde es wunderschön, „ein bisschen Zeitzeuge zu sein, was gerade passiert.“ Denn es gibt auch die ruhigen Momente, wenn keiner auf der Straße ist. Sie zeigt Kirchen, die angeleuchtet werden, für wen auch immer. „Gerade nachts ist es so romantisch, wenn du in Mitte unterwegs bist und die ganzen Gebäude für dich allein siehst.“

Kaum Trinkgeld in vier Stunden

So steht Laura Hickel auf einmal ganz alleine an der East Side Gallery und schaut auf die Spree im Mondlicht. Doch plötzlich ist es vorbei mit der Romantik. Die Pizza ist spät dran, minus sechs Minuten sagt die App. „Die fahre ich raus“, sagt Laura und zieht quer über drei Fahrbahnen zur Kreuzung Oberbaumbrücke.

Ich drohe sie zu verlieren, vor mir wird eine Ampel rot, neben mir patrouilliert die Polizei. Soll ich es wagen? Nein, ich lasse Laura ziehen. Als ich sie auf ihrem Handy erreiche, bin ich klatschnass geschwitzt und sie schon im Prenzlauer Berg. Dafür hat sie heute in vier Stunden Schicht am Ende 50 Euro an Boni herausgefahren, für fast 50 Kilometer Gesamtstrecke, nur Restaurant zu Kunde. Und drei Euro Trinkgeld online. Minus Steuern.

Am nächsten Tag treffe ich Sedrick Kumar. Der Inder heißt eigentlich anders, aber ich habe ihn nicht über Wolt angefragt und er soll keinen Ärger bekommen. Viele der Essenskuriere in Berlin kommen aus Indien, Bangladesch oder Pakistan, sind froh über den ersten Job hier.

Das Treffen ist schwieriger, Sedrick schickt mir seinen Standort: ein Punkt auf der Karte, der wild zwischen Potsdamer Platz, Gleisdreieck und Friedrichsstraße springt. Als ich ihn erreiche, schmerzen meine Beine noch vom Vortag. Zum Glück, stelle ich fest, ist Sedrick ein gemütlicherer Typ als Laura.

Der 35-Jährige watschelt mehr als er geht, die Schläfen sind grau, er fährt ein schweres E-Bike. Als er aus einem Burger-Laden kommt, nimmt er die Maske auch auf dem Fahrrad erst mal nicht ab. Sicherheit geht vor, sagt er. Mehr als zwei Lieferungen pro Stunde seien ohnehin nicht zu schaffen.

Also fahren wir ganz gemächlich den Potsdamer Platz entlang. „It is a great experience to visit the Berlin, Sir“, sagt Sedrick in eigenwilligem Englisch. Wir sind fast gleich alt, aber er lässt sich nicht ausreden, mich „Sir“ zu nennen. Seit August ist Sedrick in der Stadt, fährt seit vier Monaten für Wolt. Heute fährt er zum ersten Mal durchs Brandenburger Tor, sucht auf dem Handy eine Straße namens „Unter den Linden“. Läuft mit einem Rucksack, der fast so groß ist wie er, vor einem Büro auf und ab.

Er ruft schließlich an, sagt, dass er hier sei. „What do you want from me?“, antwortet eine genervte Stimme mit deutschem Akzent. Schließlich kommt ein Mann im Anzug und nimmt ihm das Essen ab. Oft können die Fahrer nichts für Verzögerungen, übernehmen verspätete Aufträge nur von anderen. „95 Percent of people are happy with us“, sagt Sedrick dennoch. Wenn die Kunden lächelten und Danke sagten, das sei die größte Motivation.

Sedrick wollte in der Computer-Branche arbeiten, dann kam Corona

Der Computer-Ingenieur ist nach Berlin gekommen, weil er gehört habe, es sei die Hauptstadt für Start-ups. Dann kam Corona. „Nobody gives us jobs“, sagt er, während er an der Spree entlangradelt. Er habe sich bei 200 Firmen beworben und bei 300 Restaurants. Dann gab ihm Wolt den Job. „I like to explore, I love Germany“, sagt er. Ich frage ihn, ob er das Gebäude da vorne kenne. „University?“, fragt er. Reichstag, antworte ich.

Manchmal telefoniert Sedrick unterwegs mit seiner Mutter. Oder seiner Frau, die in Indien geblieben ist, mit seinem vierjährigen Sohn. Er frage oft: Daddy, wann spielen wir wieder Cricket? Wann fahren wir mal Fahrrad zusammen? Seit über einem Jahr hat er die Familie nicht gesehen, will sie bald besuchen und irgendwann nachholen. Demnächst will er mit dem Deutschlernen anfangen, wenn er endlich die Zeit dafür habe.

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Ein beliebtes Gebiet für Pausen ist der Hauptbahnhof. Hier macht Sedrick öfter Selfies von sich, er zeigt mir einige auf seinem Handy, Fotos von seinem Sohn, der Familie. In seinen freien Stunden setzt Sedrick sich gerne an die Spree und schreibt Gedichte. Ich kaufe uns Pausenkaffee. „That really gives me a kick, Sir“, sagt er.

Und so stehen wir am Hauptbahnhof, während in Berlin langsam die Sonne untergeht und Sedrick sagt: „Can I tell you a secret, Sir?“ Dann verrät er es mir: Er habe seit bald fünf Monaten nicht einen Tag freigenommen. Nicht einen. Er arbeite sieben Tage die Woche, Minimum vier Stunden. Um seinen Bonus zu bekommen.

Ein Freund habe ihm erzählt, er müsse auch mal freinehmen, so etwas sehe die Firma nicht gern. Was er denn mit so einem freien Tag anstellen würde, frage ich ihn. Sedrick weiß es nicht. „I am very proud, Sir“, sagt er nur. Er füttere hungrige Menschen und sie segneten ihn dafür. Das sei doch Aufgabe genug.