Chemie-Ingenieurin Alina Bassi auf einem Berg von Kleidung. Foto: Kleiderly

Kleidung wärmt uns nicht nur an kalten Tagen oder bedeckt schlicht unsere Blöße. Mit unserer Kleidung drücken wir uns aus. Zeigen, wer wir sind, zu wem wir gehören wollen und zu wem nicht. Und wir tragen damit einen nicht unbeträchtlichen Teil zum menschengemachten Klimawandel bei.

Insgesamt acht Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen sind auf die Bekleidungsindustrie zurückzuführen – mehr als der gesamte Flug- und Schiffverkehr zusammen, schreibt die Nachhaltigkeitsagentur Quantis in ihrem Bericht „Measuring Fashion“. Zusätzlich entstehen Emissionen bei der massenhaften Vernichtung getragener und ungetragener Kleidung. Es sind Unternehmen, die nicht verkaufte Ware vernichten – aber auch Verbraucher, die in Deutschland rund 60 Kleidungsstücke im Jahr kaufen und dementsprechend viele Stücke aussortieren. Doch ein Großteil von ihnen wird nicht wiederverwendet, sondern ebenfalls vernichtet. Die Chemie-Ingenieurin Alina Bassi will sich mit ihrem Startup Kleiderly diesem Problem annehmen – und damit auch gleich ein anderes lösen.

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Gegenüber dem KURIER skizziert die 30-Jährige folgendes Problem: „87 Prozent des Materials, das für Kleidung verwendet wird, landet auf Mülldeponien, wo es 200 Jahre überleben kann, oder in Verbrennungsanlagen, wo es CO2 verursacht.“ Gleichzeitig fallen bei der Herstellung von einem Kilogramm ölbasiertem Kunststoff sechs Kilogramm CO2 an. Bassi schickt sich mit ihrer Idee an, zur Lösung beider Probleme beizutragen: Weggeworfene Kleidung soll zu einem Material recycelt werden, dass klimaschädlichere Kunststoffe ersetzt. Ein Patent hat sie dafür bereits angemeldet.

Mit 14 Jahren begann Bassi, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Sie beschäftigte sich mit Nachhaltigkeit und wollte später in dem Bereich arbeiten. Ihren Master als Chemie-Ingenieurin schloss sie mit Bestnoten ab. Seit mehr als acht Jahren arbeitet die 29-Jährige in Energieberatungsfirmen und in der Planung von Industriefabriken, die Abfälle in Biobrennstoffe verwandeln. Sie sammelte viele Erfahrungen im Abfall-Sektor und sah aus erster Hand, „was mit dem Textilmüll geschieht“.

Die Idee für die eigene Gründung kam der gebürtigen Londonerin im Jahr 2018, als sie zu einer Familienfeier nach Tansania reiste. Denn viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent werden mit bereits getragener Fast-Fashion aus Europa geflutet. Es ist schier unmöglich, für jedes Kleidungsstück eine erneute Verwendung zu finden, und so landen viele Stücke auf dem Müll. Als sie die CO2-Bilanz dieser Prozesse recherchierte, entschied Bassi, aktiv zu werden.

Ein Blick auf die Homepage des Unternehmens verrät, dass Kleiderly in Berlin gegründet wurde. „Ich liebe Berlin“, sagt Bassi dem KURIER. „Es ist eine großartige Stadt. Für Gründer und im Allgemeinen.“ Die Stadt sei aufregend, schnelllebig und es werde hier nie langweilig – und dennoch sei sie klein genug, um sogar zufällig Freunden in die Arme zu laufen. Wenn Bassi über Berlin als Gründer-Stadt spricht, ist sie voll des Lobes. Sie schwärmt von den enormen Möglichkeiten, die Karriere voranzutreiben, und von der lebendigen Start-up-Szene in der deutschen Hauptstadt. Es gebe hier „viele Beschleuniger, Veranstaltungen, staatliche Förderungen und Kapitalgeber“, zählt sie die Vorteile auf. In ihrer Heimatstadt London gebe es zwar mehr Geld für Gründerinnen und Gründer, aber es sei schwieriger, ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen. Und, das betonte sie auch: In Deutschland seien die Menschen offener für Nachhaltigkeitsthemen als in England.

Bassi arbeitet oftmals zwölf oder sogar 14 Stunden am Tag, um ihr Unternehmen aufzubauen. Es hilft ihr, sagt sie dem KURIER, dass sie weiß, warum sie das alles tut – und dass sie Freude daran hat. Kleiderly vereint ihre drei großen Leidenschaften: Ingenieurwesen, Nachhaltigkeit und Mode.

Kleiderlys erstes Produkt sind Kleiderbügel

Aktuell arbeitet Kleiderly mit vielen Einzelhändlern und Wohltätigkeitsorganisationen zusammen und hilft ihnen beim Recycling ihrer Textilabfälle. Und Bassi und ihr Team sind im Gespräch mit Unternehmen, die Produkte aus Kunststoffen fertigen. „Wir wollen zusammen herausfinden, wie sie unser Endmaterial verwenden können.“ Das Endmaterial ist der Kern von Bassis Gründung. Das Patent für den erdölfreien Kunststoff ist bereits angemeldet. Doch laut Bassi ist er vielseitig einsetzbar. „Das Material ist haltbar und fest“, erklärt sie. „Wir können alles herstellen, von Kleiderbügeln über Stühle bis hin zu Pflanzentöpfen.“ Als erstes Produkt werden tatsächlich Kleiderbügel auf den Mark gebracht. „Wir bieten sie den Modemarken an, damit sie Bügel aus herkömmlichem Plastik ersetzen können“, sagt Bassi. „Das ist unser erstes großes Projekt, hier einen Kreislauf zu erschaffen.“

100 Milliarden Kleidungsstücke produziert die Modeindustrie jährlich. Ein Großteil davon landet auf dem Müll. Foto: Kleiderly

Was als unscheinbarer Kleiderbügel startet, soll, wenn es nach Bassi geht, ein Gamechanger in der Branche werden. „Wir wollen die Art und Weise ändern, wie Abfall deponiert wird, und ihn als wertvolle Ressource zur Wiederverwendung betrachten“, sagt sie. Das Ziel sei es, mit großen Marken zusammenzuarbeiten, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Mit einigen großen Playern seien bereits Projekte auf den Weg gebracht worden, sagt Bassi, ohne dabei Namen zu nennen.

Alte Gewohnheiten aufzugeben und Barrieren zu durchbrechen begleitete Bassi, die es im Jahr 2020 auf die Forbes 30 unter 30 Liste im Bereich „Fertigung und Industrie“ schaffte, schon ihr ganzes Leben, schließlich gilt das Ingenieurwesen als männlich dominiertes Fachgebiet. „Es war sicher keine leichte Berufswahl“, sagt Bassi. Gerade als sie in Fabriken arbeitete, seien Menschen überrascht gewesen, jemanden wie sie in den Sitzungen zu sehen. Doch sie habe auch viel Unterstützung erfahren, sagt sie. Hinzu komme, dass sie eine sichtbare Migrationsgeschichte habe, die in unserer Gesellschaft ein nicht zu unterschätzender Nachteil sei. Kinder aus Einwandererfamilien hätten oft einen Mangel an Einsicht in Bereiche wie Ingenieurwesen, Wirtschaft oder Start-ups. Bassi fordert mehr Unterstützung, um die Hürden für Menschen mit einem „diversen ethnischen Hintergrund“ zu verkleinern. Dabei nimmt sie Regierungen, aber auch Unternehmen in die Pflicht.

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Bei Kleiderly will sie das ohnehin vorleben. „Ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, andere junge Frauen mit Migrationsgeschichte zu einem Karriereweg zu inspirieren, über den sie vielleicht noch nie nachgedacht haben“, sagt Bassi, die auch immer wieder Vorträge an Schulen hält. Wegen der Corona-Pandemie aktuell vorwiegend auf digitalem Wege. „Es macht mir Spaß, jungen Frauen zu zeigen, dass alles möglich ist.“ Sogar, die Modeindustrie mit ihren 100 Milliarden produzierten Kleidungsstücken im Jahr ein bisschen grüner zu machen.