Ärztin Jule Teufel testet Menschen in der Kreuzberger Bar Die Lilie auf das Coronavirus. Foto: Berliner Kurier/Markus Wächter

Jule Teufel sitzt am Tresen, als wollte sie ein Getränk bestellen. Nur dass die junge Ärztin Mundschutz, Plastikvisier und Schutzkittel trägt. Denn Die Lilie in Kreuzberg ist keine Bar mehr, sondern ein Testzentrum.

Früher kamen die Gäste für Drinks in die kleine Cocktailbar in der Muskauer Straße, heute kann man sich für 30 Euro auf Covid-19 schnelltesten lassen. Die Aktion soll nicht nur der Lilie sowie den benachbarten Bars Bateau Ivre in der Oranienstraße und Schwarze Traube in der Wrangelstraße durch den Lockdown helfen, sondern dem ganzen Kiez nahe dem Görlitzer Bahnhof.

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Dafür setzte sich Jule Teufel auch nach Feierabend an den Tresen. „Ich bin jeden Tag nach der Arbeit hier und an meinen freien Tagen mindestens sechs Stunden“, erzählt die Assistenzärztin. „An normalen Tagen sind das zehn, elf Stunden.“ Denn zusätzlich absolviert die 34-Jährige ihre Schichten in einer Rettungsstelle und einer psychosomatischen Klinik in Neukölln.

Schnelltestzentren schießen derzeit in Berlin wie Pilze aus dem Boden. Die dort angebotenen Antigen-Tests zeigen in bis zu 30 Minuten mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit an, ob man sich mit Covid-19 infiziert hat oder nicht. Viel mehr als die Aufsicht eines zugelassenen Arztes benötigen die Betreiber dafür nicht.

In Kreuzberg war es die Ärztin Teufel, die auf die befreundeten Barbetreiber zuging. „Es gibt mir auch eine Aufgabe“, sagt die Wahl-Berlinerin aus Baden-Württemberg. „Ich leide wie alle anderem am Lockdown, bin gewohnt, viel zu machen.“

Nun sitzt Teufel unter einem Kronleuchter in einer Kneipe und testet auf Corona. In den Regalen stehen keine Schnapsflaschen und Gläser mehr, nur Desinfektionsmittel. Die Bartischchen sind mit Schutzfolien abgeklebt, neben dem Tresen stehen Trennwände, selbst gebastelt aus Holz. Eine Lüftungsanlage sowie ein separater Ein- und Ausgang sorgen dafür, dass sich Die Lilie überraschend gut als Testzentrum eignet. „Selber etwas auf die Beine zu stellen, das funktioniert, diese Selbstwirksamkeit tut mir sehr gut“, sagt Teufel, während sie auf die ersten Patienten wartet, die online einen Termin im Schnelltestzentrum gebucht haben.

Man sollte eigentlich meinen, dass eine Ärztin in diesen Zeiten genug zu tun haben sollte. Zumal Teufel nicht nur in einer psychosomatischen Klinik arbeitet, sondern auch Nacht- und Wochenendschichten im Vivantes Klinikum Neukölln macht, in der meist angefahrenen Rettungsstelle Deutschlands. Doch wo andere Ärzte verzweifeln, übernimmt Teufel noch einmal mehr Verantwortung. Für sie auch eine persönliche Sache, in Projektarbeit fühlt sie sich oft wohler als in den Strukturen einer Festanstellung.

Bei ihrer Arbeit in den Kliniken hat sie mitbekommen, dass die Pandemie zwar gemeistert wird, die Häuser mitunter aber auch an ihre Grenzen bringt. Wenn wegen eines Covid-Patienten etwa eine Station geschlossen werden muss oder depressive Patienten noch mehr über Einsamkeit klagen, weil Therapieangebote als Sozialfaktor wegfallen.

Im Schnelltestzentrum bekommt Jule Teufel den Kopf frei

Auch an den Medizinern geht die Krisenzeit nicht spurlos vorbei. „Für mich hat die Belastung schon zugenommen, weil viele Leute von Corona belastet sind“, berichtet Jule Teufel. „Als Therapeut muss man sich eigentlich immer abgrenzen, aber wir sind auch nur Menschen.“ Zu Hause sei alles ruhig und still, da wirke alles noch mal nach. „Hier kriege ich den Kopf frei, habe noch mal anderen Kontakt zu Menschen. Viele sind sehr dankbar, sagen: Hey toll, dass ihr im Kiez seid und die Gastronomie unterstützt.“

Die energische Ärztin war schon immer ein Energiebündel, vor Corona galt ihre Leidenschaft dem Pole Dance, dem Tanz an der Stange. „Viele Leute finden Pole Dance unseriös, aber es ist ein wahnsinnig gutes Ganzkörper-Workout. Ich mache viel in Richtung Artistik, wäre schon als Kind am liebsten zum Zirkus gegangen.“

Mit einer Freundin sei sie zum Tanztraining an den Moritzplatz gefahren, erzählt sie, habe sich auf dem Rückweg oft einen Kaffee im Bateau Ivre gegönnt und sich mit Besitzer Atalay Aktas angefreundet. Und irgendwann fragte sie, ob sie helfen könne. Als Teufel selbst am Jahresende zum Corona-Schnelltest im KitKat-Club ging, sah sie, dass dies auch andernorts funktionieren könnte. „Ich sagte ihr: Mach das. Wenn die Miete reinkommt: schön“, berichtet Aktas, der auch Mitbesitzer der Lilie und der Schwarzen Traube ist. Aber dem früheren Barmann geht es „vor allem um die Leute hier im Kiez, wir testen sie zur Not umsonst“.

Aktas, selbst im Kiez aufgewachsen, berichtet von vielen älteren Leuten aus der türkischen Community, die Probleme hätten, die Informationen der Ämter zu verstehen. Neben günstigen Tests wolle man auch Beratung und Hilfestellung anbieten. „Hier in dem Bezirk haben viele ältere türkische Leute keine E-Mail zum Anmelden, die lassen wir auch so vorbeikommen und testen sie“, erklärt Teufel. Im Fenster der Lilie hängen die Info-Zettel nicht nur auf Deutsch und Englisch, sondern auch auf Türkisch.

Dabei ist Teufel als Medizinerin, was die boomenden Schnelltestzentren angeht, selbst zwiegespalten. „Einerseits können wir andere Teststellen entlasten, aber die Zentren sollten natürlich seriös und richtig arbeiten. Wir wollen ja auch nicht Brandbeschleuniger der Pandemie sein durch falsch-negative Tests.“ Laut Hersteller haben die in der Lilie verwendeten Tests eine Sensitivität von 97,1 Prozent und eine Spezifität von 99,76 Prozent.

Woran es bei vielen Tests hapert, die privat oder halb-professionell durchgeführt werden, weiß Teufel auch: Bei vielen gebe es eine zu große Hemmschwelle, die Teststäbchen tief genug in Rachen und Nase zu schieben.

Nur ein positives Ergebnis im Kreuzberger Schnelltestzentrum

Bisher laufe das seit Jahresbeginn geöffnete Schnelltestzentrum Kreuzberg eher schleppend, berichtet die Ärztin: Gut 120 Menschen habe man in den ersten zwei Wochen getestet, nur ein Ergebnis sei dabei positiv gewesen. Anders als anderen Testzentren wie etwa dem am Moritzplatz fehlt kleinen Betreibern das Geld für eine Anzeige bei Google.

An diesem Tag stehen allerdings schon gleich nach Öffnung die ersten Testkandidaten vor der Lilie Schlange. Martin etwa wohnt hier im Kiez, hat von einer Freundin vom Testzentrum erfahren. So spart er sich weite Wege im Lockdown. „Ich finde es gut, etwas für den Kiez und die Gastronomie zu tun“, sagt er. Andere in der Schlange haben ebenfalls über Freunde vom Testzentrum erfahren oder aus dem Internet.

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Alleine durch Schnelltests wird die Gastronomie in Berlin sicher nicht überleben. „Es geht nicht darum, die Betriebe zu retten, sondern auch ein bisschen Präsenz zu zeigen“, sagt Atalay Aktas, der sich zu helfen weiß und längst mehrere Standbeine hat. So kochte das Bateau Ivre eine eigene Sirup-Reihe oder verkaufte T-Shirts, füllte Glühwein in Flaschen ab. Doch als auch der Glühweinverkauf unterbunden wurde, musste man sich eine andere Einnahmequellen suchen.

„Die Betreiber und Anwohner finden es toll, wenn die Bar belebt ist“, sagt Jule Teufel. „Es ist ein Angebot für die Bevölkerung. Wenn es nicht genug einbringt, auch schön, dann hören wir auf, aber haben wenigstens etwas für die Leute gemacht.“ Dann muss sie sich verabschieden, die nächsten Patienten klingeln an der Tür.