Frau und Herr Wisent: Außerhalb der Paarungszeit hat der Bulle nichts zu melden, hält sich wie hier im Hintergrund. Gerd Engelsmann

Gemütlich in der Sonne liegen, das  Frühstück verdauen, ein wenig an der zotteligen Frisur des Nachwuchses herumschnüffeln, der noch Reste des  Winterfells trägt: Die Wisente in ihrem weitläufigen Gehege haben die Ruhe weg. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort gleich links hinter dem Haupteingang des Berliner Tierparks wichtiger Teil des großen Vorhabens ist, das größte europäische Wildtier dahin zu bringen, wo es hingehört: In die Wildnis.

Peng, und aus: Ein Wilderer erschoss 1927 das letzte frei lebende Wisent Europas im Kaukasus. Eine erwartete Katastrophe, auf die sich auch der Berliner Zoo vorbereitet hatte: Angesichts der rasant schwindenden Bestände gründeten hier Zoodirektoren und Wissenschaftler bereits 1923 die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“.

Seit 1872 lebten die Wildrinder – kleinere Verwandte des amerikanischen Bisons – im Berliner Zoo, nach Eröffnung des Tierparks 1955 auch dort. Über 200 Stück wurden in Berlin bislang geboren. Bestände wie die in Berlin halfen, die  Art zu erhalten.

Gemütlich, aber mit Abstand zu genießen: Wisente sind wilde Tiere

Sascha Nartschik (32) ist einer derjenigen, die die acht Wisente im Tierpark betreuen (der Zoo hat weitere drei). Der Tierpfleger kann sie gut leiden: „Sie sind gemütlich und vertrauen uns.“

Tierpfleger Sascha Nartschik und seine zotteligen Schützlinge. Gerd Engelsmann

Es dauere auch nicht lange ihnen beizubringen, morgens in den Stall zu gehen, damit das Freigehege gereinigt und dort frisches  Heu ausgebracht werden kann: Kraftfutter-Pellets locken.

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Zuneigung und Vertrauen verleiten die Tierpfleger aber nicht dazu, den Tieren ohne schützendes Gitter im Stall begegnen zu wollen, geschweige denn das Gehege zu betreten, wenn sie nicht im verschlossenen Stall stehen: „Es sind Wildrinder, die haben ihren eigenen Kopf. Wenn sie sich bedrängt fühlen, geht der runter und das Tier geradewegs los.“

Da hat der Mensch keine Chance: Die Bullen werden bis zu einer Tonne schwer, die Kühe bis zu 600 Kilogramm, und sie rennen schneller als jeder Sprinter.

Eine gerade angekommene Wisent-Gruppe, noch im Eingewöhnungsgehege vor der Kulisse des Kaukasus. WWF

Bei den Wisenten hat eine Kuh das Sagen in der Herde

Unter sich sind die Tiere meistens  friedlich.  Die Herde wird von einer Leitkuh angeführt, die aktuelle Chefin heißt Tigana (das Ti- steht für Tierpark). Der Bulle ist wie in freier Wildbahn Einzelgänger. Nur im Herbst während der Paarungszeit sucht er die Nähe seiner Damen, damit neun Monate später zusammen mit dem neuen Grün neue Wisente da  sind.

Eine erwachsene Wisent-Kuh schubbert mit der Nase über das ausfallende Winterkleid ihres Nachwuchses. Gerd Engelsmann

Nartschik hat Spaß daran, dass die Herde im Tierpark regelmäßig Zulauf aus anderen Zoos bekommt, das schafft Abwechslung. Die emsige  Reisetätigkeit hat einen Grund: Eigenzüchtungen und  „Zugereiste“ werden in Berlin zu einer Herde zusammengeführt, um anschließend gemeinsam in angestammte Lebensräume transportiert zu werden.

Vier Mal reisten Wisente bereits über Berlin in ihre wahre Heimat

„Seit 2018 sind schon 21 Wisente aus Berlin in die weite Welt gereist. Dafür wurden bisher vier Gruppen gebildet: 2018 ging die Reise nach Rumänien, 2019, 2020 und 2021 nach Aserbaidschan. Bis 2028 sollen zusammen mit dem World Wildlife Fund WWF noch weitere 70 weitere Wisente im dortigen Shadhag Nationalpark angesiedelt werden“, vermeldet der  Tierpark.

So viele Wisente kann Berlin nicht allein bieten, deshalb die Zulieferung aus anderen Zoos. Außerdem soll mit ihr eine Mischung von „Blutlinien“ erreicht werden: Die Tiere, die ostwärts reisen, sollen nicht eng verwandt sein, um Inzucht zu vermeiden. Zwei Jahre müssen die Tiere mindestens alt sein, bevor sie verschickt werden können. Nartschik freut sich auch über derlei Rückmeldungen: „Nach der ersten Auswilderung haben wir gehört, dass eine Wisent-Kuh dort ein Kalb geboren hat.“

2021 wurden Wisente aus zwei schwedischen, einem tschechischen und vier deutschen Zoos in Berlin zu einer Herde versammelt und in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku geflogen. WWF/Aurel Heidelberg

Nicht nur das Wisent wollen Tierpark und Zoo Berlin retten

Seit 1951 laufen Auswilderungsversuche, mehr als 7000 Wisente leben inzwischen wieder in freier Wildbahn, vorwiegend in Polen, Rumänien, im Kaukasus. Aurel Heidelberg, beim WWF Referent für den Kaukasus, berichtet über bislang 20 Wisente, die  in der Kernzone des rund 1300 Quadratkilometer großen Shadhag- Nationalparks ausgewildert wurden. Neun weitere Tiere befinden sich momentan noch im Auswilderungsgehege, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.

In einer kürzlich unterschriebenen Absichtserklärung von Zoo und WWF wurde vereinbart, dass zunächst über sieben Jahre immer im Herbst Wisente zur Auswilderung verschickt werden. In diesem Sommer sollen außerdem zwei aserbaidschanische Mitarbeiter des dortigen Nationalparks zum Erfahrungsaustausch nach Berlin kommen.

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Im Gehege des Tierparks soll es Umbauten geben, damit die jährlich bis zu zehn zusätzlichen Tiere untergebracht und in die Transportboxen verladen werden können.

Zoo  und Tierpark sind an verschiedenen Projekten zum Artenschutz beteiligt, die man hier findet. Finanziert werden sie über einen Artenschutz-Beitrag von 50 Cent pro Ticket, den man nicht bezahlen muss.