Eine Prostituierte in hochhackigen Schuhen auf einem Berliner Strich. 
Eine Prostituierte in hochhackigen Schuhen auf einem Berliner Strich.  dpa/Kumm

In einschlägigen Reiseführern wird immer noch das Bild einer heilen Berliner Prostitutionswelt verkauft. Mit Porträts williger Strichmädchen, die es kaum erwarten können, ihren nächsten Freier zu bedienen. Die Wirklichkeit ist in weniger satten Farben gemalt. Die Beratungsstellen des Berliner Senats verzeichneten in den vergangenen Jahren mehr als 56.000 Hilferufe aus dem Rotlichtgewerbe.

Die Frauen sind meist arm, kommen oft aus Osteuropa und sprechen kaum Deutsch. Viele der Prostituierten, die sich an die Berater gewandt haben, sind verschuldet oder werden zur Arbeit gezwungen. Beratungsstellen versuchen, ihnen zu helfen.

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Mehr als 56.000 Mal sind drei vom Senat geförderte Beratungsstellen für Prostituierte zwischen 2017 und 2020 aufgesucht worden. Jährlich waren das zwischen knapp 12.000 und rund 16.000 Beratungen, wie aus einer Antwort des Senats auf eine AfD-Anfrage hervorgeht. Die Zahlen zu 2021 lagen noch nicht vor.

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Geschätzt 6000 bis 8000 Huren in Berlin

Die Förderung für die sogenannten Fachberatungsstellen für Sexarbeitende betrugen 2,3 Millionen Euro für den Verein „Hydra“, 2 Millionen Euro für den „Frauentreff Olga des Notdienstes Berlin“ sowie rund 840.000 Euro für die „Hilfe für Jungs“. In Berlin gibt es noch weitere Anlauf- und Beratungsstellen für Prostituierte, etwa die Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung.

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Der Senat stellte fest, die Zahlen zeigten, „dass der Beratungsbedarf in hohem Maße in Anspruch genommen wird und die Beratung infolgedessen eine gewisse Akzeptanz erfährt“. Es gebe aber durchaus weiteren Bedarf am Ausbau von niedrigschwelligen, mehrsprachigen und fachkompetenten Beratungsangeboten.

Ob die Mehrheit der Prostituierten zu Beratungen gehe, lasse sich aber nicht klären, weil die Gesamtzahl nicht bekannt sei. Beratungsstellen schätzen sie auf 6000 bis 8000, ein großer Teil der Frauen komme aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn.

Corona hat die Sexarbeit in den Untergrund gedrängt

In Deutschland gilt Prostitution seit 2002 als Beruf, seit 2017 existiert ein Prostitutionsschutzgesetz. Danach sind Ausweise für Prostituierte Pflicht – samt Gesundheitsberatung und Rechtsbelehrung. Nur wer einen solchen Ausweis besitzt, darf in einem genehmigten Bordell arbeiten. In Berlin wurden bis Mitte vergangenen Jahres knapp 1000 dieser Anmeldebescheinigung ausgegeben.

Oft sind es aber gerade die Wohnungsbordelle, in denen zur Sexarbeit gezwungene Frauen stranden. Und die werden nur schlecht kontrolliert, meist sind sie den Behörden lange unbekannt.

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In der Hauptstadt fordert jetzt ein „Aktionskreis Berlin Pro Nordisches Modell“ bessere Ausstiegsmöglichkeiten für Prostituierte und eine Bestrafung von Freiern. Das sogenannte Nordische Modell folgt der schwedischen Gesetzgebung von 1999. Weitere Länder haben es übernommen. Die Beratungsstelle Hydra sieht das anders und will Sexarbeit entstigmatisieren und die Rechte der Frauen stärken.

In Corona-Zeiten hat sich das Gewerbe mehr und mehr in den Untergrund verzogen. Abstandsgebote sind für Behörden darum kaum kontrollierbar.