Vater und Sohn bei den Hausaufgaben.  Foto: imago images

In einer deutschlandweiten Elternumfrage der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Raphaela Porsch von der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität wurde kürzlich erhoben, wie Eltern das Homeschooling mit ihren Grundschüler erlebt haben.

Einem Monat lang wurden knapp 4000 Eltern, der größte Teil davon Mütter, online befragt. Von Chancen in der Krise aber auch von Potenzial für Konflikte ist in der Studie die Rede. Auch ich hätte da einiges zu berichten.

Von einem brüllenden Erstklässler etwa, der mich am Ende einer Schulstunde am Küchentisch und noch im Schlafanzug anschrie: „Mama, geh mal meditieren“. Ich hatte mit etwas mehr Nachdruck als gewohnt versucht, ihn zum Schreiben des folgenden Satzes zu animieren: Der Koch kocht noch mit dem Kochbuch Kohlsuppe. Nenne Wörter mit „K“ – Kollaps, Klapse, Krampf fallen mir ein. „Corona“, sagt das Kind. Zählt nicht.

Die Auswertung der Studie zeigt, dass fast alle Grundschulen Aufgaben in den Fächern Mathematik und Deutsch zur Verfügung stellten, 66 Prozent der Schulen auch Material für den Sachunterricht. Andere Fächer wurden eher zurückgestellt. Gott sei Dank, kann ich nur sagen. Das Flötenvideo, welches die Musiklehrer uns schickten, habe ich bis heute nicht geöffnet. Wir waren auch so beschäftigt. Mit der Herstellung eines Milchzahngebisses aus Salzteig zum Beispiel.

Das Kind hatte immer öfter Burnout 

Gehobelte Mandeln sollten die Schneidezähne sein, Haselnüsse die Backenzähne. Zum Glück hatte die Lehrerin einen handschriftlichen Kommentar unter die Anleitung geschrieben. „Nur wenn möglich“. Es war uns nicht möglich. Nach zwei Wochen anfänglicher Begeisterung hatte das Kind nämlich immer öfter Burnout und war nur noch schwer zu irgendetwas zu motivieren. Dabei legten wir das „Ch“ aus Gummibären und machten alle Nase lang große Pause. Doch am Ende fehlte mir als Hilfslehrer oft das pädagogische Gewicht. Man kann nicht Autoritätsperson sein und gleichzeitig Fischstäbchen braten.

Die Studie sagt, dass die Kinder im Zeitraum der Befragung ca. 2 bis 3 Stunden pro Tag mit ihren Aufgaben beschäftigt waren. Wie lange aber die Eltern darüber hinaus beschäftigt waren, wurde wohl nicht erhoben. Ich jedenfalls legte nach Schulschluss gewissenhaft ein umfangreiches Ordnersystem an, um den Überblick über die unzähligen Arbeitsblätter zu behalten. Und kapierte erst nach Feierabend das Prinzip der Rechenmauern. Entfernte man sich während des Unterrichts vom Lernenden mehr als zwei Armeslängen, stellte er umgehend seine Arbeit ein und wandte sich den Legomännchen zu. Ich hätte mir von ihnen oder irgendwem ein Machtwort zur rechten Zeit gewünscht.

Mathe-Lernvideo aus dem Wohnzimmer 

Auffallend sei, so Prof. Dr. Raphaela Porsch, dass nicht einmal 2 Prozent der Grundschulkinder synchrone Unterstützungsangebote, wie Videochats, nutzten. „An der Technikausstattung kann das nicht gelegen haben, denn fast alle befragten Eltern verfügen über internetfähige Geräte.“ Aber auch die Lehrer? Auch die Pädagogen waren gezwungen, in der Krise an ihren Aufgaben zu wachsen. Kamen zuerst handgeschrieben Aufgabenzettel per privater Mail, waren es später eingescannte Blätter, noch eine Woche später waren sie sogar mit Bildchen verziert. Am Ende gab es sogar ein Mathe-Video aus dem Lehrerwohnzimmer. Rote und blaue Kreise auf dem Esstisch vor Schrankwand. Wo das noch hinführt? Am Ende muss wohl bei uns allen auf dem Corona-Zwischenzeugnis stehen: Sie waren stets sehr bemüht. Bei uns steht jedenfalls als nächstes das Projekt Wiese an. Ich werde mich drauflegen, während der Sohn eine Weinbergschnecke beobachten soll. Wo um Himmelswillen kriege ich eine Weinbergschnecke her? Geht auch gefroren?

Insgesamt lasse sich sagen, dass Eltern die Situation der vergangenen Wochen sehr unterschiedlich erlebt hätten, so die Erziehungswissenschaftlerin Porsch. „Belastung, Angst, aber auch Begeisterung beim Homeschooling zeigte sich in allen Ausprägungen. War die Unterstützung der Schule gut und hatten die Eltern das Gefühl, den Kindern helfen zu können, wurde die Belastung als deutlich niedriger eingestuft, ganz unabhängig von den Rahmenbedingungen Zuhause.“ Für stressfreies Homeschooling möchten Eltern durch die Schulen angeleitet und unterstützt werden – digitale Medien sind dazu nicht entscheidend.