Hildegard Knef (undatierte Aufnahme von 1982). Der Todestag der Schauspielerin und Sängerin jährt sich am 01.02.2022 zum zwanzigsten Mal.
Hildegard Knef (undatierte Aufnahme von 1982). Der Todestag der Schauspielerin und Sängerin jährt sich am 01.02.2022 zum zwanzigsten Mal. dpa

Ihre Stimme klang nach vielen Zigaretten, ihre Texte waren ziemlich klug. Hildegard Knef hat etwas von Legende. Hilde, wie sie oft genannt wird, hat das Deutschland der Nachkriegszeit geprägt. Doch was macht sie heute so besonders?

Hildegard Knef hat mal etwas gesagt, das einen lange beschäftigen kann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken. „Vielleicht fragt dich eines Tages jemand, der noch unbestechlich: Wie viel Menschen waren glücklich, dass du gelebt?“ So lautet eine Textzeile in ihren Liedern. Bei der Berliner Künstlerin dürfte die Antwort einfach ausgefallen sein, als vor 20 Jahren eine Eilmeldung durch die Nachrichtenredaktionen ging.

„Die Schauspielerin Hildegard Knef ist im Alter von 76 Jahren gestorben“, berichtete die Deutsche Presse-Agentur am 1. Februar 2002. „Diese Frau ist eine Legende“, hieß es zum Beispiel in der „Frankfurter Rundschau“. Das ist natürlich ein großes Wort. Aber was macht Hildegard Knef bis heute so faszinierend?

Fragt man jüngere Menschen nach ihrem Namen, dann fragen manche schon mal zurück: „Wer?“ Spätestens wenn man ihre Liedtitel nennt, nicken dann manche. „Für mich soll's rote Rosen regnen“ ist das wohl bekannteste Beispiel. Gerade erst hat sich Angela Merkel das Lied zu ihrem Abschied als Kanzlerin gewünscht.

Berlin, 1995. Rote Rosen für Hildegard Knef im Berliner Wintergarten zur Premierenfeier ihres Films „Für mich soll's rote Rosen regnen“.
Berlin, 1995. Rote Rosen für Hildegard Knef im Berliner Wintergarten zur Premierenfeier ihres Films „Für mich soll's rote Rosen regnen“. dpa/Link

Noch heute ist der Liedtext ziemlich erstaunlich. Vielleicht liegt das auch an der Selbstverständlichkeit, mit der eine Frau damals aussprach, wie ihr Leben aussehen soll. „Mit 16 sagte ich still: Ich will. Will alles – oder nichts.“

Das Lied habe sie mal in einem Moment absoluten Größenwahns geschrieben, erzählte Knef in einem Interview aus den 1990ern, das man beim SWR nachhören kann. „Das ist ja ein wirklich hochaggressives Lied, nicht?“ Damals habe sie mit dem Komponisten besprochen, dass es – wenn man dazu Wiener Schmalz raushole und einen Dreivierteltakt – vielleicht doch ganz lustig sein könnte. „Und dann wurde es ein geradezu gigantischer Erfolg, mit dem ich nie gerechnet habe.“

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Knef wirkte in solchen Interviews relativ offen. Rauchte auch mal vor der Kamera. Sprach ehrlich über Misserfolge. Auf Fotos sieht man sie mit den langen Wimpern und den dunkel geschminkten Augen. Ein Anruf beim Berliner Visagisten René Koch. In seinem Lippenstiftmuseum will er zu Knefs Todestag etliche Erinnerungen ausstellen.

Fragt man ihn, was für ein Mensch Hildegard Knef war, dann erinnert er an den Dokumentarfilm „A Woman and a Half“. „Sie war mehr als eine Frau – sie war anderthalb Frauen“, sagt der 76-Jährige. Sie habe viel Kraft besessen und sei ein „Steh-auf-Frauchen“ gewesen. „Wenn man bedenkt, was sie durchgemacht hat, nicht?“

Die Knef als eine KZ-Überlebende, die ins zerbombte Berlin zurückkehrt

Geboren wurde Knef 1925 in Ulm, aufgewachsen ist sie in Berlin. Früher habe sie dem Typ der Zeit nicht entsprochen, sagte Knef in dem SWR-Interview. Damals seien die Mädchen wunderschön und ebenmäßig gewesen. „Kleine Damen“, ergänzt die Reporterin. „Ja, kleine Damen. Und sehr verbindlich und so.“ Sie habe einen etwas zu großen Mund und ein etwas asymmetrisches Gesicht gehabt. Aber ihre Schauspiellehrerin habe an sie geglaubt.

Die Stationen von Knefs Karriere klingen abenteuerlich. Sie drehte mit „Die Mörder sind unter uns“ den ersten deutschen Nachkriegsspielfilm. Darin spielte sie eine KZ-Überlebende, die ins zerbombte Berlin zurückkehrt. Nach einem erfolglosen Versuch in Hollywood übernahm sie in Deutschland die Titelrolle im Film „Die Sünderin“. Der zeigte eine Nacktszene und löste wegen seines Themas einen Skandal aus.

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Schaut man Unterlagen von damals durch, wird einem klar, was das für eine Zeit war. Fotos waren noch schwarz-weiß und der „Stern“ kostete 40 Pfennig. Viele Dokumente finden sich heute auch in der Deutschen Kinemathek in Berlin, die Knefs Nachlass verwaltet. In den Kisten lagern ein Dankesschreiben des Ex-Kanzlers Willy Brandt („Ihr sehr ergebener“) und Typoskripte ihrer Bücher.

Auch dabei: Briefe, die sich Hildegard Knef und Marlene Dietrich geschrieben haben. „Liebstes Hildekind“, schrieb Dietrich 1975. Dietrich beschwert sich, dass sie schon wieder Koffer packen müsse. „I am reading and reading to fill the loneliness“.

Neben der Schauspielerei begann Hildegard Knef weitere Weltkarrieren

Neben der Schauspielerei begann Knef weitere Weltkarrieren. Am Broadway spielte sie Hunderte Vorstellungen von „Silk Stockings“. Ella Fitzgerald soll mal über sie gesagt haben, sie sei die größte Sängerin ohne Stimme. Sie schrieb eigene Liedtexte für ihre Chansons und hatte auch als Buchautorin Erfolg („Der geschenkte Gaul“). Gemalt hat sie auch noch. Sie erlebte auch Krankheiten. Hatte drei Ehemänner. Und in der queeren Community hat sie bis heute eine besondere Position.

Für ihn habe es eigentlich zwei Personen gegeben, sagt René Koch. Es habe die „Hilde“ gegeben, die habe etwas Mütterliches gehabt („Komm, wir gehen Kaffee trinken“). „Und wenn sie die Wimpern dran hatte, dann war sie die Kneeeeeef.“ Einmal habe sie ihm geschrieben, sie sitze auf der Bettkante und könne nicht schlafen. „Ich wollte dir nur sagen: Du hattest recht. Ich brauche wirklich mehr Fettcreme. Du wirst dich wundern: Meine Haut frisst die Creme wie die Boa constrictor das Kaninchen.“

Für ihn sei sie eine Philosophin gewesen, sagt Koch. War Knef denn eine glückliche Frau? „Ich glaube nicht, dass ein Star in der Kategorie glücklich sein kann.“ Sie singe auch in einem ihrer Chansons: „Das Glück kennt nur Minuten. Der Rest ist Warteraum.“ Ihre Texte seien kleine philosophische Miniaturen, sagt auch Nils Warnecke von der Kinemathek in Berlin. Sie habe aus ihrem Koffer vieles rausgeholt. „Ich glaube, dass sie unheimlich mutig war.“