Sebastian und Lukas Dehl (v.l.) Foto:  Gerd Engelsmann

Lukas und Sebastian Dehl betreiben in Britz den Anbau von Kräutern, Salaten und essbaren Blüten mit ressourcenschonenden Methoden. Der Wildsalat wächst bei ihnen in Kisten und die Kräuter nicht nur in Töpfen, sondern auch vertikal an der Wand in die Höhe. Als Stadtgärtner für den Berliner Markt verstehen sich die beiden, schließlich schmeckt es vor der eigenen Haustür immer noch am besten.

Im Februar vor zwei Jahren haben sich Lukas und Sebastian Dehl ein Ziel gesetzt: Wenn wir es schaffen, im Mai ein Bund selbst gezogenes Basilikum an jemanden zu verkaufen, den wir nicht kennen, machen wir weiter. Ein Fremder kaufte Basilikum und mit den folgenden Jahreszeiten und ihren Kräutern wuchsen auch die Dehls an ihren Aufgaben.

Regional wollen sie produzieren und so ressourcenschonend wie möglich. „Ein großer Teil von Nahrungsmitteln geht ja meist schon während des langen Transports zum Verkauf verloren“, sagt Lukas Dehl. Besonders empfindliche Ware wie Gemüse, Salat und Kräuter leiden unter zu langen Wegen.

Augenschmaus Kapuzinerkresse. Foto:  Gerd Engelsmann

Wer kennt nicht das Töpfchen Basilikum, welches im Laden noch frisch aussah und daheim schon nach wenigen Tagen kümmerlich eingeht? „Diese Töpfe kommen aus der Hightech-Produktion und sind für den Moment des Verkaufs schön“, so Dehl. Wie wäre es also, so die Idee der Brüder, wenn die Kräuter direkt beim Kunden wachsen? Ohne Wege, versorgt mit genügend Nährstoffen und platzsparend an der Wand in die Höhe?

Bei einem längeren Aufenthalt in Ägypten kam Lukas Dehl auf das Thema vertikales Gärtnern. Wie kann man auf kargen Böden Gemüse und Essbares anbauen, ohne auf gute Erde angewiesen zu sein, lautete dort die Frage. Und auch in deutschen Städten wird die lokale Versorgung auf begrenztem Raum zunehmend interessant. Das alte System zeigt längst seine Schwächen: Lebensmittel für eine Stadt werden häufig von außerhalb geliefert. Zum Teil aus der  Region, oft jedoch von noch weiter her. Die Zahl der Kleinbauern geht zurück, Transportwege werden länger. Der Verbrauch von Düngemitteln und Pestiziden steigt. Die Folge sind Artenschwund, Wasserknappheit und Bodenverschlechterung. Mensch und Umwelt leiden – einige von ihnen lassen sich etwas einfallen, um den Trend umzukehren.

Lukas und Sebastian Dehl wollten mit der Produktion ihrer Kräuter nah ran an die City. Doch die Suche nach geeigneten Gewächshäusern gestaltete sich schwierig. Auch am jetzigen Standort in Britz ist der Mietvertrag befristet. Schon jetzt suchen die Dehls für ihre Borretschbeete und die Kapuzinerkresse einen neuen Standort. 1000 bis 2000 Quadratmeter Gewächshaus und noch einmal so viel Freifläche müssten es schon sein, die Nachfrage nach Berliner Kräutern steigt. 

Herzstück der Dehl’schen Gärtnerei sind die grünen Wände, die sie häufig für Berliner Gastronomen bestücken. Die Minze für den Cocktail ernten Barkeeper dann vom hängenden Kräuterbeet direkt in der Bar. Das Topping für feine Gerichte ebenso. Dabei kommt die grüne Wand ohne Erde aus. Ein Baumwollvlies leitet Wasser zu den Pflanzen, die von einer Art Wolle aus recyceltem Plastik an ihrem Platz gehalten werden. Minze, Mangold, Kerbel, Koriander und Basilikum gehen gut. Ein neuer Prototyp für eine platzsparende grüne Wand kommt demnächst aus dem 3D-Drucker. Gut, dass Lukas Dehl ursprünglich Werkstoffwissenschaften studiert hat. Das Gärtnern haben sie sich bei erfahrenen Kollegen abgeguckt und viel experimentiert.

Köstlich: Microgreens, das sind sehr junge Pflänzchen, hier ein Radieschen.  Foto:  Gerd Engelsmann

Ihr Angebot haben die Dehls dann auf Microgreens und essbare Blüten sowie Wildkräutersalat ausgeweitet. Winzige Pflanzen von Senf, Mizuna, Rettich, Radieschen, Erbsen, Sonnenblumen und Koriander auf Hanfvlies gezogen und in Pappschalen zu 1,90 verkauft, peppen jedes Gericht auf.

Probieren kann man die ganze Palette im erst kürzlich eröffneten Café direkt im Gewächshaus der Britzer Kräuter-Jungs. Im kleinen Hofladen gibt es Selbstgemachtes aus der Region. Von eingelegten Gurken über Honig bis Gin. Die jungen Leute bieten hier von Donnerstag bis Sonntag mit viel Herzblut und Handarbeit auch Kuchen, Quiches und Stullen an. Natürlich werden die Britzer Kräuter, die gleich hinter der Holzwand wachsen, frisch verwendet. Den Himbeer-Cheesecake ziert Minze, in der Quiche sind Zucchini und Kräuter von hier. Den Wildkräutersalat mit Sauerampfer, Löwenzahn, Schafgarbe, Spitzwegerich und Blüten gibt es auch zum Mitnehmen. Und bald stehen auch Picknickkörbe für den Ausflug in den Britzer Garten bereit. „Der Lieferweg für die Kräuter beträgt 28 Sekunden“, sagt Lukas Dehl. Er ist extra langsam gelaufen.

Britzer Kräuter, Sonnabend in der Markthalle Neun und jetzt auch im Grünen Café in der Mohriner Allee 69. Donnerstag bis Sonntag ab 12 Uhr.