Die bislang in Berlin angesiedelte Modemesse Fashion Week zieht im kommenden Jahr nach Frankfurt um.  Foto:  Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa 

Berlin verliert das Herzstück seiner Modewoche Fashion Week. Die Modemesse Premium – und mit ihr die kleinere Modenschau Neonyt mit einem besonderen Augenmerk auf Nachhaltigkeit – verlässt nach fast zwei Jahrzehnten die Stadt und geht nach Frankfurt am Main. Dort sollen beide Schauen ab kommendem Jahr Bestandteil einer „Frankfurt Fashion Week“ werden. Das wurde heute morgen bei einer live im Netz übertragenen Pressekonferenz verkündet. Die „Frankfurt Fashion Week“ soll erstmals im Sommer 2021 und danach einmal im Jahr stattfinden.

Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen unterstützen das Vorhaben. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) bestätigte in der Pressekonferenz den Umzug gemeinsam mit Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) und Premium-Geschäftsführerin Anita Tillmann. Frankfurt freue sich auf die Modemesse und biete als Handelsknotenpunkt mit 700-jähriger Tradition allerbeste Voraussetzungen. Die Aussteller träfen auf ein „hockkompetentes, offenes, internationales Publikum“. Schon heute sei die Haupteinkaufsstraße Zeil „jeden Tag ein Laufsteg“, so Feldmann. Den Umzug der Messe nannte er eine „einmalige wirtschaftliche Chance“.

„Das Format Fashion Week wird neu gedacht werden müssen“, sagt die Geschäftsführerin der Premium Group, Anita Tillmann. „Man kommt nicht sofort auf Frankfurt, aber es ist der beste Platz“, so Tillmann. „In einer so großen Stadt, die strukturell so aufgestellt ist wie Berlin, da kriegst du kein Wir-Gefühl hin. Und das ist anders in Frankfurt. Du hast 15 Minuten vom Flughafen zum Messegelände. Du hast einen internationalen Flughafen, bist schnell aus Paris da, schnell aus Mailand. Ohne Umsteigen. Und du kannst die Stadt ganz anders einbinden, ganz anders eventisieren."

Was bedeutet der Weggang der Fashion Week für Berlin?

Der „beste Platz“ zum Eventisieren – oder wozu auch immer – war für die Premium in den vergangenen Jahren stets Berlin. Was der angekündigte Weggang des Flaggschiffs für die zweimal jährlich stattfindende Mercedes Benz Fashion Week im Besonderen und für den Modestandort Berlin im Allgemeinen bedeutet, ist noch nicht absehbar.

So oder so hat der Ruf der einst so gewichtigen Modewoche in Berlin in den vergangenen Jahren stark gelitten. Konzeptionelle und finanzielle Turbulenzen führten dazu, dass sie immer weniger wahrgenommen wurde. Dieses Jahr kommt das Verbot wegen der Coronakrise hinzu. Auch ein zunächst angedachter späterer Termin im September war nicht zu halten.

Davor war die Fashion Week immerhin stets ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Sie brachte pro Saison mehr als 70.000 Besucher in die Stadt. Nach Angaben der Senatswirtschaftsverwaltung bringen zusätzlichen Einnahmen durch Übernachtungen, Gastronomie und andere Dienstleistungen der Stadt 240 Millionen Euro ein. Ein komplettes Aus der Fashion Week wäre also ein herber Schlag für die Messestadt Berlin und natürlich ein Politikum.

CDU kritisiert die Landesregierung

Prompt nimmt die oppositionelle CDU das Aus der Modewoche vorweg und kritisiert die Landesregierung dafür. „Die Flucht dieser angesehenen Messe aus unserer Stadt ist ein weiterer Tiefpunkt für den rot-rot-grünen Senat“, sagt CDU-Chef Kai Wegner. Und hat sich Wirtschaftssenatorin Ramona Pop zur Zielscheibe ausgesucht. Die Grünen-Politikerin beweise „wieder einmal, dass sie mit ihrer Aufgabe hoffnungslos überfordert ist. Ihre verfehlte Wirtschaftspolitik und mangelnde Unterstützung führen zum Verfall des Messestandorts Berlin“, so Wegner.

Die angegriffene Senatorin Pop weitet den Blick hin auf die Coronakrise, aber auch auf ein offenbar sehr weitgehendes Entgegenkommen der Messestadt Frankfurt. „Dass geschäftliche Entscheidungen stark durch finanzielle Anreize motiviert sind, ist in solchen schwierigen Zeiten nachvollziehbar“, sagt Pop, doch natürlich sei der Wegzug der Premium „für Berlin dennoch bedauerlich“.

Die Senatorin mahnt jetzt einen Runden Tisch zum „Neustart des Messe- und Kongressgeschäfts nach Corona“ an, um, „gemeinsam mit der Wirtschaft zukunftsfähige Perspektiven zu diskutieren“.

Das scheint überfällig. So mutmaßt nicht nur Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Tourismus- und Kongressgesellschaft Visit Berlin, dass die Stadt Frankfurt und das Land Hessen den Premium-Machern „das berühmte Angebot gemacht hat, das man nicht ablehnen kann“. Nachdem die Mainmetropole die Auto IAA an München verloren hat, musste Ersatz her, nach Kiekers Einschätzung nach dem Prinzip „Koste es, was es wolle“. Die Stadt müsse in „solchen Momenten cool bleiben“. In jedem Fall sei man von „Berlin ist over“ weit entfernt, so Kieker.

Modemessenbranche in Berlin großen Umbrüchen unterworfen

Bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner halten sich Trauer und Trotz die Waage. „So enttäuschend der Verlust auch sein mag, die Berlin Fashion Week hat noch mehr zu bieten“, sagt Geschäftsführer Stefan Franzke. „Dennoch ist und bleibt Berlin das Herz der deutschen Modeindustrie. Sie wird auch in Zukunft Besucher aus aller Welt anlocken.“

Tatsächlich ist die Modemessenbranche in Berlin seit Jahren großen Umbrüchen unterworfen. So halten viele das Prinzip eines halbjährlichen Branchentreffens mit orchestriert Modenschauen in Zeiten von Digitalisierung für überholt. Nicht nur Frankfurt hat jetzt die Konsequenzen gezogen.

Dennoch ist der Verlust der Premium natürlich eine Zäsur für die Fashion Week – vergleichbar wohl nur mit dem langen Sterben der Bread & Butter. Die Messe für Jeans- und Streetwear wurde 2001 in Köln gegründet. Dann lockte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD)  die Macher ab 2003 nach Berlin. Die Bread & Butter wurde zum Inbegriff des Slogans „arm, aber sexy“. Das wurde zwar nie offizieller Claim der Stadt, setzte sich aber durch - und wird bis heute selbst von Konkurrenten zitiert. Warum sonst sagte OB Feldmann am Montag: „Frankfurt soll nun auch die sexiest Großstadt werden.“

Ob Feldmann weiß, wie es in der „sexy Großstadt“ mit der Bread & and Butter weiterging? Einen ihrer vielen Neubeginne feierte die Messe 2009 in den Hangars von Tempelhof. Dort blieb sie, bis sie 2014 insolvent ging. Der Onlinehändler Zalando übernahm die Markenrechte und ließ die Messe nur noch einmal im Jahr stattfinden.

Doch der Niedergang war offenbar nicht mehr aufzuhalten. Seit einem Jahr ist die Bread & Butter Geschichte. Ausgerechnet die Messen Panorama und Neonyt zogen als Nachfolger nach Tempelhof.