Das syrische Mädchen Nour sitzt in ihrem Zimmer im Oderbruchort Golzow (Brandenburg) und spielt Gitarre.  Foto: Patrick Pleul/dpa

„Ich bin nicht schüchtern, gehe direkt auf andere zu und verstehe mich mit den meisten gut“, sagt Nour Alahmad Alhammash. Das 14-jährige syrische Mädchen ist zum neuen Schuljahr auf das Gauss-Gymnasium in Frankfurt (Oder) gewechselt, eine Spezialschule für Naturwissenschaften. Im Gespräch wird schnell klar, dass sie genau weiß, was sie will. „Ich möchte Ärztin werden, und dafür muss ich gute Leistungen bringen“, sagt das Mädchen, während es in der Schulbibliothek büffelt.

Vor fünf Jahren war Nour mit Eltern und zwei jüngeren Geschwistern ins Oderbruch-Örtchen Golzow (Märkisch-Oderland) gekommen, gemeinsam mit einer weiteren syrischen Familie und nach jahrelanger Flucht vor dem Krieg in Syrien. Ihr einstiges Zuhause in einem Vorort von Damaskus steht schon längst nicht mehr. Golzow wurde zur Chance auf einen Neuanfang, den die Familie genutzt hat. Vater Mahmoud ist gelernter Fliesenleger, fand schnell Arbeit in einer Frankfurter Firma. Mutter Mervat macht gerade eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement.

„Ich bin stolz und habe große Achtung vor ihnen. In einer neuen Gesellschaft mit fremder Sprache haben sie ihren Platz gefunden“, sagt Golzows Bürgermeister Frank Schütz (CDU), wohl wissend, dass die Golzower einen großen Anteil an der gelungenen Integration von Familie Alahmad Alhammash haben. Schütz selbst hatte sich für die Aufnahme von Flüchtlingsfamilien in dem 800-Seelen-Dorf stark gemacht. Sie bezogen Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus, bekamen einen Garten dazu, Nachbarn halfen beim Einrichten und bei Behördengängen, luden sie zu Festen ein. „Zuwanderung ist immer eine Chance“, sagt der Bürgermeister. Im Fall von Golzow war es die Möglichkeit zum Erhalt der nur einzügigen Golzower Grundschule. Um eine neue erste Klasse aufmachen zu können, fehlten damals Schüler. Nour sowie die zwei Kinder aus der zweiten syrischen Familie lösten das Dilemma.

Das syrische Mädchen Nour und ihr Vater Mahmoud beim den Hausaufgaben für die Schule Foto: Patrick Pleul/dpa

Das Mädchen lernte schnell, nicht nur die deutsche Sprache, wurde Klassensprecherin. „Wenn man von woanders her kommt und angenommen wird, sollte man sich auch Mühe geben“, erklärt die 14-Jährige ihre Zielstrebigkeit. Sprachen haben es ihr offenbar besonders angetan. „Englisch ist mein Lieblingsfach. Aber ich versuche auch, Arabisch nicht zu verlernen.“ Die neue Schülerin sei offen, aufgeschlossen und emphatisch, beschreibt Nours neue Klassenlehrerin am Gauss-Gymnasium Martina Kurczyk ihren „rundrum positiven“ ersten Eindruck. „Sie ist gut angekommen in der Klasse, nie allein, und ihr Deutsch ist wirklich beachtlich“, sagt die Pädagogin.

Die ganze Familie sei ja quasi schon in Frankfurt, erklärt das Mädchen den Schulwechsel vom Seelower Gymnasium in die Oderstadt. „Ende Oktober ziehen wir aus Golzow ganz hierher.“ Nour freut sich bereits: Die langen Wege zur Schule und zum Einkaufen fallen weg. Zudem gebe es in Frankfurt mehr Freizeitmöglichkeiten. „Meinen Eltern fällt der Umzug schwerer. Sie haben unter den Nachbarn Freunde gefunden, fühlen sich wohl in Golzow“, weiß sie. Sie seien angekommen in Deutschland, würden sich nicht mehr fremd fühlen, sagt Mutter Mervat. „Das ist so ein Gefühl wie einst in Syrien vor dem Krieg“, erzählt die 33-Jährige. Neben den guten Freunden in Golzow wird sie auch den Garten vermissen. „Ich suche schon in Frankfurt nach einem neuen“, sagt Mervat.

2015 erhielt die damals neunjährige Nour eine Urkunde für ihre Deutsch-Kenntnisse in den Händen. Foto: Bernd Settnik/dpa

An ihre alte Heimat Syrien kann sich Nour nur noch bruchstückhaft erinnern: an die Hühner bei der Oma, an große Feiern, bei denen die ganze, große Familie zusammenkam. Dorthin zurück möchte das syrische Mädchen nicht. „In Deutschland hast du bessere berufliche Perspektiven, wenn du dich anstrengst“, findet Nour, die gern fotografiert, zeichnet und Keyboard spielt. Ihre Eltern seien nur aus Sorge um die Zukunft der Kinder aus Syrien geflüchtet. Ihre Erwartungen will das Mädchen erfüllen. „Ich bin so stolz auf meine drei Kinder. Da sie fleißig sind, haben sie in Deutschland eine Zukunft“, sagt Mervat.

Etwas aus ihrer Vergangenheit hat sich Nour bewahrt. Die 14-Jährige ist bekennende Muslima, trägt seit einem Jahr wie ihre Mutter „Hijab“, also Kopftuch, das ihre hüftlangen dunklen Haare verhüllt, dazu auch im Hochsommer lange Strümpfe und langärmelige Blusen. „Die Kleidung ist nicht nur mein Bekenntnis zu meiner Religion, sie schützt auch vor neugierigen Blicken, so dass ich mich wohler und selbstbewusster damit fühle“, erklärt Nour. Dass sie damit erst recht auffällt, ist ihr bewusst. „Ich brauche mich nicht zu verstecken“, sagt sie fast kämpferisch.

Auch die zweite syrische Familie lebt seit dem Sommer nicht mehr in Golzow. Dort werde es auch weiterhin international zugehen, sagt der Bürgermeister. „Im Dorf wohnen eine kurdische, eine bulgarische und mehrere polnische Familien. Demnächst ziehen auch zwei neue Flüchtlingsfamilien aus Syrien zu uns.“