Der Havel-Ripper zerstückelte eine junge Frau und verteilte 42 Teile im Oder-Havel-Kanal. Foto: dpa

Der 25. Juni 1994 ist der erste heiße Tag des Jahres. Die Ostseeregion bereitet sich an jenem Sonnabend auf einen Besucheransturm vor. Hoch York bringe die Menschen zum Schwitzen, schreibt die Nachrichtenagentur dpa. In Berlin und Brandenburg klettert das Thermometer auf 30 Grad. Die Hitze führt auf dem Berliner Ring zu gefährlichen Fahrbahnaufwerfungen, sodass Teile der Autobahn gesperrt werden müssen. In der Hauptstadt verabschieden sich rund 1500 Soldaten der Berlin-Brigade der russischen Streitkräfte bei strahlendem Sonnenschein mit einer Militärparade aus Deutschland. 40.000 Menschen schauen zu. Doch die meisten Berliner und Brandenburger streben an die Badeseen.

Zuerst wird auch ein Badeunfall erwogen

Auch der Oder-Havel-Kanal ist am Nachmittag dieses Tages mit Sportbooten und Motorbooten gut befahren. In Höhe des Kilometers 19,5, der zwischen den Ortschaften Hohen Neuendorf und Borgsdorf liegt, ist ein Paddler unterwegs. Kurz vor 16 Uhr sieht er etwas in der Mitte des Kanals treiben. Neugierig nähert er sich. Doch als er erkennt, was da vor dem Bug seines Bootes im Wasser schwimmt, dreht er entsetzt um und steuert mit rasanter Schlagzahl dem Ufer entgegen. Der Kanute hat eine weibliche Brust erkannt. Wenig später holt die Wasserschutzpolizei das Leichenteil aus dem Wasser.

Zwei Tage später informiert die Staatsanwaltschaft über den Fund des 30 mal 40 Zentimeter großen Teils eines Frauenkörpers. Nach bisherigen Ermittlungen könne weder ein Tötungsdelikt noch ein Badeunfall ausgeschlossen werden, heißt es in einer offiziellen Mitteilung. Es sei denkbar, dass die unbekannte Frau beim Baden von einer Schiffsschraube erfasst, getötet und zerstückelt wurde.

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Doch drei Tage nach dem ersten schrecklichen Fund revidiert die Ermittlungsbehörde ihre Meinung. Mittlerweile waren Leichenspürhunde am Ufer des Kanals im Einsatz, haben Polizisten im Umkreis von zehn Kilometern insgesamt 32 weitere Leichenteile aus dem Wasser gefischt. Darunter Arme und Beine, die in einen Kopfkissenbezug gewickelt waren. Auch der Kopf der unbekannten Toten mit kastanienbraunen schulterlangen Haaren, die zu einem Knoten gebunden sind, wurde gefunden. Die Ermittler sind sich sicher: Die Frau wurde Opfer eines Verbrechens.

Bis Anfang Juli werden es mehr als 40 Leichenteile sein, die aus dem Kanal geborgen wurden. Vermutlich hatte sie der Täter von der nahen Autobahnbrücke ins Wasser geworfen. Nach der Obduktion der nun fast vollständigen Toten steht fest: Es handelte sich um eine 20 bis 25 Jahre alte Frau, die nur 1,54 bis 1,60 Meter groß und 65 bis 70 Kilogramm schwer war. Die Leichenteile trieben etwa eine Woche im Wasser. Der Oberkörper der Frau sei im Schulterbereich auffallend muskulös gewesen, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Das lege die Vermutung nahe, dass sie aktive Sportlerin gewesen sei.

Der Oder-Havel-Kanal in Berlin. Foto: Imago Images

Frau erkennt in der Toten ihre Tochter Dana F.

Die Gerichtsmediziner finden auch Einstiche von Injektionsnadeln im Brustbereich. Bei der toxischen Untersuchung werden Beruhigungsmittel und Narkotika gefunden. Vor allem wegen der Narben hinter den Ohren der Toten, die von einer kosmetischen Operation stammen, hoffen die Fahnder, die Tote schnell identifizieren zu können. Beim Bundeskriminalamt werden die Fingerabdrücke der Toten abgeglichen, Vermisstenanzeigen in Berlin, Deutschland und schließlich ganz Europa durchforstet. Alle Spuren führen ins Nichts. Schließlich lobt die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 10.000 Mark für Hinweise aus, die zur Ergreifung des sogenannten Havel-Rippers führen.

Vier Monate vergehen, ohne dass die Fahnder weiterkommen. Dann endlich gehen die Ermittlungen einen wichtigen Schritt voran. Der Fall der zerstückelten Frauenleiche wird Ende Oktober in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ thematisiert. Dabei wird ein Bild ausgestrahlt. Es zeigt, wie die Tote zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte. Wenig später meldet sich eine Frau bei der Polizei. Die Zeugin erklärt, dass die Tote ihre Tochter sein könnte, zu der sie keinen engen Kontakt mehr pflege. Anfang Juni habe sie sie das letzte Mal lebend gesehen.

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Nun hat die Polizei einen Namen: Dana F. Die 23-Jährige lebte in Moabit, war drogenabhängig und arbeitete im Rotlichtmilieu. Deswegen ist sie für die Polizei keine Unbekannte. Ihre Fingerabdrücke liegen auch vor. Ein nochmaliger Abgleich beim Bundeskriminalamt bringt Gewissheit. Die Fingerabdrücke der Toten stimmen mit den registrierten Spuren von Dana F. überein. Die Ermittler hatten nicht beachtet, dass durch die lange Liegezeit im Wasser die Abdrücke größer geworden waren.

Dana F. hatte vor ihrem Tod als Prostituierte auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße gearbeitet. Lernte sie dort auch ihren Mörder kennen?

Doch obwohl die Tote nun endlich identifiziert ist, treten die Fahnder der Ersten Mordkommission in Berlin bei ihren Ermittlungen auf der Stelle. Sie haben keine Spuren, die zum Mörder von Dana F. führen könnten. Sie kennen noch nicht einmal den Tatort. Zwei Jahre vergehen, dann kommt der Mordkommission ein Zufall zu Hilfe. Die Polizei in Stuttgart erhält ein Video mit schrecklichem Inhalt. Es zeigt, wie eine junge Frau vergewaltigt und schließlich zerstückelt wird. Bei der Frau handelt es sich um Dana F. Das Band wird Anfang Juni 1996 nach Berlin geschickt.

„Doktor Porno“ filmte heimlich nackte Patientinnen

Nun sind sich die Berliner Fahnder sicher, den Fall doch noch aufklären zu können. Die Videoaufnahme stammt aus dem Besitz eines deutschen Arztes, der im März 1996 im brasilianischen Salvador de Bahia wegen schwerer Sexualdelikte und Folter an Frauen festgenommen wurde und von dem es zunächst heißt, er habe in dem südamerikanischen Land vier Frauen ermordet: Gerd Wenzinger.

Die Berliner Ermittler finden nun auch den Tatort, an dem die 23-jährige Dana F. zu Tode kam: ein Grundstück im Schönerlinder Weg in Karow. Dort werden zahlreiche Beweise sichergestellt. Unter anderem soll sich im Haus auch eine Hängematte befunden haben, auf der offenbar Frauen gefoltert wurden. Das 812 Quadratmeter große Anwesen mit einer Art Fachwerkhäuschen und einem Holzbau als Nebengelass hatte Wenzinger 1991 gekauft, als er von Stuttgart nach Berlin zog, oder sollte man besser sagen: floh.

Denn in Baden-Württemberg war dem Mediziner mit einst gutem Ruf, der Geige spielte, malte und oft Urlaub in Brasilien machte, Anfang 1990 die Zulassung entzogen worden. Jahrelang hatte er in seiner Privatpraxis in Feuerbach bei Stuttgart seine Patientinnen heimlich nackt gefilmt. Bei der Durchsuchung der Praxis wurden 386 Videofilme mit heimlich gedrehten Aufnahmen beschlagnahmt. Neben dem Entzug der Approbation musste sich Wenzinger damals auch vor dem Amtsgericht verantworten. Er erhielt einen Strafbefehl. Und die Stuttgarter Zeitung titelte: „Doktor Porno kommt mit 6000 Mark Geldstrafe davon“.

In Berlin sind die Ermittler indes sicher, den von den Medien als Havel-Ripper bezeichneten Mörder von Dana F. gefunden zu haben. Unter dem Aktenzeichen 353 Gs 1874/96 erlässt ein Richter in Berlin am 12. Juni 1996 Haftbefehl gegen den in Südamerika in Haft sitzenden Mediziner. Darin wird der Arzt beschuldigt, am 23. oder 24. Juni 1994 „einen Menschen zur Befriedigung seines Geschlechtstriebes getötet zu haben“. Demnach soll Wenzinger am Abend des 23. Juni 1994 auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße die 23 Jahre alte Prostituierte Dana F. getroffen haben. Im Haus in Karow habe Wenzinger seinem Opfer in Tötungsabsicht eine Überdosis Betäubungsmittel beigebracht, „woran Dana F. alsbald verstarb“. Anschließend habe der Beschuldigte an dem Leichnam der Frau sexuelle Handlungen vorgenommen. „Schließlich zerteilte er die Leiche und warf die Leichenteile in den Oder-Havel-Kanal“, heißt es im Haftbefehl. Vor allem die Videoaufnahme, die Wenzinger selbst gemacht habe, untermauere den dringenden Tatverdacht.

Vor der Auslieferung erhängt er sich in seiner Zelle

Die Staatsanwaltschaft beantragt die Auslieferung Wenzingers nach Deutschland. Im Gefängnis in Brasilien bestreitet der Beschuldigte fast zeitgleich, gemordet zu haben; auch das Verbrechen an Dana F. leugnet er. Gegenüber brasilianischen Medien behauptet Wenzinger, die junge Frau sei während seiner Abwesenheit an einer Überdosis Kokain gestorben. Er gibt aber zu, sich an der Leiche vergangen und sie anschließend zerstückelt und in Plastiksäcken verstaut zu haben.

Auch in Brasilien begangene Straftaten räumt er ein. Er gesteht, mehrere Prostituierte in seinem Haus in Salvador mit Tabletten betäubt zu haben, um mit ihnen Pornovideos zu drehen und die wehrlosen Frauen dabei auf sadistische Weise zu misshandeln. Die zuständige Ermittlerin in Brasilien berichtet, Wenzinger habe die Folterungen und Vergewaltigungen an 19 Frauen auf Video festgehalten, ihm drohe in Brasilien eine langjährige Haftstrafe.

Trotzdem will Wenzinger „unter keinen Umständen“ nach Deutschland zurückgeschickt werden. Das ist auch der Grund, warum er Ende Juni 1996 versucht, sich das Leben zu nehmen. Er schluckt eine Überdosis Tabletten, die er in seiner Zelle gehortet hat. Wärter finden ihn bewusstlos in seiner Zelle. Wenzinger überlebt.

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Um seiner Auslieferung zuvorzukommen, will er eines seiner mutmaßlichen Opfer, das ihn letztlich entlastet hat, in Südamerika heiraten. Doch seine Bemühungen sind vergebens. Am 12. Juni 1997 stimmt der Oberste Gerichtshof Brasiliens dem deutschen Auslieferungsantrag zu. Wenzinger wird der Beschluss zugestellt. Doch der Arzt kommt seiner Rückkehr nach Deutschland zuvor. Vier Tage nach der Entscheidung der obersten Richter erhängt sich der 54-Jährige mit einem Bettlaken am Fenstergitter seiner Zelle.

Bis zum Schluss ist Wenzinger uneinsichtig. In seinem Abschiedsbrief, den er auf liniertem Papier in altdeutscher Schrift an seine Schwester verfasst, schreibt er in wehleidigem Ton: „Zunächst das Wichtigste: Ich habe in meinem Leben niemals einen Menschen umgebracht. Die Mädchen auf den Videos waren nur narkotisiert, sind alle wieder nach ein paar Stunden aufgestanden. Ich gehe nicht als Mörder hinüber. Auch dieses eine Mädchen ist nicht an mir gestorben. Ich hatte ihr 600 DM für das Video vorausgezahlt, und sie hat eine größere Menge gekauft an Heroin und sich einen goldenen Schuss gesetzt. Da ich vorher das Problem mit Isabellas Entzugsträumen hatte, habe ich sie zerlegt (was für einen Arzt kein großes Problem darstellt).“

„Wenn ich den Weg der langen Reise wähle, dann nicht, weil ich viel verbrochen habe.“ Der Grund liege einfach in ihm. „Ich habe an nichts mehr richtig Freude.“