RBB-Radiomoderatorin Lydia Mikiforow (31) in den Gärten der Welt in Marzahn-Hellersdorf. In dem Hochhaus-Bezirk hat sie die ersten Jahre nach der Deutschen Einheit erlebt. Foto: Gudath

Für die DDR war es der letzte Frühling, als Lydia Mikiforow im März 1989 geboren wurde. Sie konnte krabbeln, als die Mauer fiel, die ersten Worte sprechen, als am 3. Oktober 1990 Deutschland wiedervereinigt wurde. 30 Jahre später sitzt Mikiforow als Frühmoderatorin im Radiostudio des RBB-Senders 88.8, weckt werktags ab fünf Uhr mit ihrer Stimme die Berliner. Dass noch immer Deutsche in Ossi oder Wessi unterscheiden, kann sie schwer verstehen. „Für meine Generation gibt es kein Ost und West, sondern nur ein Land, ein Berlin“, sagt Mikiforow.

Fast hätte sie die Wiedervereinigung miterlebt. „Meine Mutter wollte unbedingt in der Nacht zum 3. Oktober 1990 zu dem Festakt vor dem Reichstag. Doch mein Vater war dagegen, weil er es für keine so gute Idee hielt, wenn man mit mir im Kinderwagen in der Menschenmasse stehen würde“, sagt Mikiforow, als sie den KURIER in den Gärten der Welt in Marzahn trifft.

Die Gärten sind ein Ort in der Stadt, an dem die Deutsche Einheit offenbar funktioniert. Ihn besuchen alle Berliner, egal ob Ost oder West. „Die Gärten sind ein Beispiel dafür, dass man nun in Marzahn-Hellersdorf mehr sieht als nur DDR-Plattenbauten“, sagt Mikiforow. „Für mich gehört der Bezirk zu den schönsten Kiezen in der Stadt.“ Darüber erzählt sie auch in einer Folge der gerade gestarteten RBB-Fernsehreihe „100xBerlin“ (16. Oktober).

Aber der Bezirk ist für Mikiforow noch mehr. Hier erlebte sie die ersten Jahre nach der Einheit. „Natürlich in der ,Platte‘, wo das Leben sehr schön war“, sagt sie. „Mit den Eltern lebte ich damals in einem sechsstöckigen Hochhaus. Das hatte zwar keinen Fahrstuhl, aber einen grünen Innenhof mit Spielplatz, in dem wir als Kinder oft waren.“

Lydia Mikiforow moderiert seit zwei Jahren die Früh-Show beim RBB-Radiosender 88.8. Foto: privat

Ein Ost oder West gab es in ihrer Kinderwelt nicht. „Ich habe mit dem Pittiplatsch genauso wie mit der Monchhichi-Puppe gespielt“, sagt die Moderatorin. „Als Ossis haben wir uns Kinder nie gefühlt, nur weil wir etwa in einer DDR-Plattenbausiedlung lebten. Auch später nicht, als wir zur Schule gingen oder studierten. Wir fühlten uns immer nur als Berliner. So ist es geblieben.“ Auch wenn Mikiforow andere Menschen aus ihrer Generation trifft, mache sich niemand darüber Gedanken, wer Ossi oder Wessi in der Runde ist, meint sie. „In Berlin will man heute eigentlich nur wissen, aus welchem Kiez man kommt.“

Mikiforow kennt die DDR nur aus Erzählungen der Eltern. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, durch Berlin zu gehen und plötzlich geht es nicht mehr weiter, weil da eine Mauer steht. Ich denke, wir sollten uns freuen, dass wir heute in einem Land und in einem Europa ohne Grenzen leben können.“

Lydia Mikiforow in den Gärten der Welt: „Wir leben in einem Land ohne Grenzen, uns steht die Welt offen“, sagt sie. Foto: Gudath

Die Moderatorin ist froh, ohne Vorurteile in das vereinte Deutschland hineingewachsen zu sein. „Das lag auch daran, dass ich daheim keine trennenden Ossi-Wessi-Debatten erlebte.“ Ihre Eltern seien optimistisch in die neue Zeit gegangen. „Im Gegensatz zu manch anderen Familien bedeutete die Einheit für meine Eltern keinen großen Bruch in ihrem Leben“, sagt Mikiforow. „Sicher sahen sie so manches mit einigen Sorgen, fragten sich, was aus den Menschen wird, deren Leben nun einen anderen Verlauf nahm als erhofft, die plötzlich ohne Arbeit waren, weil ihre Firmen nicht mehr existierten.“

Mikiforows größter Wunsch: dass die Trennung nach Ost und West bald aus unseren Köpfen verschwindet. Vielleicht schafft es ja die Generation der Einheitskinder.