Die „Velvet Bar“ bietet einen Cocktail-Lieferservice an. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Kurzarbeit, Sperrstunde, Ladenschließungen: Während der Corona-Pandemie mussten Gastronomen zahlreiche Rückschläge im alltäglichen Betrieb hinnehmen. Das Jahr 2020 ist für viele Wirte, Barbesitzer und Restaurantchefs das Jahr der großen Verluste – ihre Branche gehört zu den Verlierern der Krise. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) berichtete Anfang der Woche von beispiellosen Umsatzeinbrüchen: 71 Prozent der gastgewerblichen Betriebe sehen sich laut Verband aktuell in ihrer Existenz gefährdet.

Doch es gibt Gastronomen, die sich gegen die schwierige Situation stemmen – mit besonderen Konzepten und Ideen. Sie liefern ihre Produkte aus, bringen Getränke per Fahrrad zu ihren Stammkunden oder halten sich mit Spenden-Aktionen über Wasser. Sechs Berliner berichten, wie sie der Krise trotzen.

Bagels und Bücher kommen gemeinsam per Lieferung

Bücher und Bagels: Laurel Kratochvila liefert mit ihrem Mann beides aus. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Schon im ersten Lockdown kurbelte Laurel Kratochvila (36) ihr Geschäft mit speziellen Liefertüten an. Die Inhaberin des „Fine Bagels“ auf der Warschauer Straße in Friedrichshain verpackte zwei Dinge in einem: Bagels und Bücher. Seit zehn Jahren ist es das Konzept ihres Ladens, Kultur und Gastronomie zu vereinen. „Wenn du in ein Buchgeschäft gehst, hast du eine gewisse Erwartung. Du willst dort meist länger als gewöhnlich verweilen. Wenn du dazu einen Bagel und einen Kaffee bekommst, ist es eine großartige Sache“, sagt Kratochvila.

Weil das mit dem Verweilen derzeit nicht möglich ist, kann man alle Produkte online für zu Hause ordern. Ihr Mann liefert jeden Donnerstag und Freitag in Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Neukölln und in einem Teil von Mitte aus. „Mit unseren Kunden in Kontakt zu bleiben, gibt uns aktuell viel Energie“, sagt Kratochvila. Was war das meistbestellte Buch im ersten Lockdown? „Wir haben 50 Bücher übers Brotbacken verkauft.“

In der „Küche“ hilft sogar Hollywood beim Spendensammeln

Nina Zilvar, Chefin der Bar „Küche“, setzt auf schräge Dankeschöns für Spender. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Seit Jahren ist Crowdfunding, das Sammeln von Spenden im Netz, ein Trend – und in Zeiten von Corona hilft es auch einigen Betrieben durch den Lockdown. Ein Beispiel ist die Bar „Küche“ am Tempelhofer Ufer. „Ich habe mich erst gesträubt, weil ich nicht um Geld betteln wollte“, sagt Chefin Nina Zilvar. „Aber beim Crowdfunding werden Dinge angeboten, die die Leute gegen Spende kaufen können.“ Diese Dankeschöns sind bei der „Küche“ inspiriert vom Zusammenhalt mit Stammgästen.

Wer 30 Euro spendet, bekommt etwa eine Mailboxansage mit der Stimme von Jean-Claude Van Damme. „Synchronsprecher Charles Rettinghaus ist ein Freund des Hauses“, sagt Zilvar. Für 250 Euro gibt es einen Babysitter für einen ganzen Abend – und für 5000 Euro eine Pyjamaparty in der Bar. Vielleicht hilft die Aktion, denn rosig ist die Lage nicht. „Dass große Feiern wegbrechen, ist für uns ein herber Schlag. Von Zweier-Pärchen, die nur eine Weißweinschorle trinken, kann man so einen Laden nicht über Wasser halten.“

Vor der Kneipe „Attenzione“ gibt es Bier zum Mitnehmen

Monique M., die Wirtin der Kneipe „Attenzione“, verkauft ihr Bier jetzt an der Tür. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Viele Berliner vermissen es, gemütlich in der Kneipe zu sitzen, über Gott und die Welt zu plaudern und ein Bierchen zu trinken. In der Stampe „Attenzione“ in der Oderbruchstraße gibt es den Gerstensaft trotz Lockdown. Denn: Chefin Monique M. (33) verkauft das Bier jetzt einfach an der Tür. „Denn die Soforthilfen, die es gab, waren bisher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auf den Zuschuss zur Miete warten wir noch heute. Und irgendwie müssen wir uns über Wasser halten.“ Die Wirtin hat sich deshalb erkundigt, ob ein Außer-Haus-Verkauf möglich ist.

„Wir haben einen Bistrotisch an die Tür gestellt, damit die Leute nicht in den Laden kommen. Da verkaufen wir nun Bier, Schnäpse, Cocktails und andere Getränke im Plastikbecher zum Mitnehmen.“ Die Umsätze werden, sagt sie, natürlich nicht die gleichen sein. „Die Temperaturen lassen auch nicht zu, dass die Gäste draußen das Bier trinken, um sich vielleicht noch ein zweites zu holen.“ Dass sich die Lage entschärft, glaubt die Kneipen-Chefin nicht.

„Schließlich wurde schon der Karneval abgesagt. Außerdem sind die Gäste ängstlich – da viele in die finanzielle Not geraten sind, sitzt das Geld nicht mehr so locker. Und die neuen Hilfen lassen leider auf sich warten.“

Das „Nobelhart & Schmutzig“ verschickt Weihnachtsboxen

Billy Wagner vom „Nobelhart & Schmutzig“ fokussiert sich auf das Weihnachtsgeschäft. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Viele Weihnachtsmärkte fallen in diesem Jahr aus. Um die Berliner dennoch mit kulinarischen Köstlichkeiten zu versorgen, packen Billy Wagner (39) und sein Team in der Friedrichstraße in Kreuzberg Geschenkboxen für die Weihnachtszeit zu Hause. Der Wirt des „Nobelhart & Schmutzig“ setzt auf regionale Spezialitäten und unterstützt somit lokale Bauern und Lebensmittelproduzenten. „Das Geld, das wir schon während des ersten Lockdowns für Lebensmittel ausgegeben haben, ist fast komplett in die Region Berlin-Brandenburg gegangen“, sagt Wagner.

In den Boxen sind etwa Kamille-Zwiebel-Marmelade, Wacholderbeeren-Öl, Walnüsse oder Eisenkraut. Zusätzlich liefert das Fine-Dining-Restaurant Gerichte wie Königsberger Klopse oder Himmel und Erde mit Blutwurst aus. „Die Idee ist, dass wir unsere normalerweise im Restaurant angebotenen Mahlzeiten so umgestalten, dass sie auch zu Hause funktionieren“, sagt Wagner. Der Markt sei mittlerweile extrem wandlungsfähig. „Auf kurzfristige Veränderungen in der Krise wollen wir auch künftig schnell reagieren.“

Das Team der „Velvet Bar“ bringt Cocktails mit dem Fahrrad

Ruben Neideck ist der Chef-Barkeeper im „Velvet“, liefert Cocktails mit dem Fahrrad aus. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Wenn die Menschen nicht zu den Getränken kommen können, müssen die Getränke zu den Menschen. Auch einige Bars bieten deshalb einen Lieferservice für Cocktails an, meist in Flaschen abgefüllt. Ruben Neideck (31), Chef-Barkeeper im „Velvet“ in der Ganghoferstraße, hatte da eine andere Idee. „Wir wollten unsere Getränke selbst ausliefern, auch um die Verbindung zu den Stammgästen zu halten“, sagt er. „Deshalb musste alles etwas kompakter sein.“

So entstand die „Quarantini-Box“ – eine Kiste mit fertig gemischten Drinks, abgefüllt in Plastiktüten. Wöchentlich kann bestellt werden, jeden Donnerstag schwingen sich Neideck und seine Kollegen auf ihre Fahrräder. Das Konzept half schon im ersten Lockdown – „wir mussten niemanden entlassen“, sagt er. Auch jetzt sollen die Tüten-Drinks Unterstützung sein. „Einen ersten und zweiten Lockdown kann man noch überbrücken“, sagt Neideck. „Aber wenn es im nächsten Jahr so weitergeht, wird es für Branchen wie die Gastronomie und die Kultur kritisch – und vor uns läge eine traurige Zukunft.“

„Curry-Paule“ verteilt Prepaid-Currywurst

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel klemmte den ersten Gutschein an die Tafel.
Foto: CandyStorm PR

Mit einer guten Portion Solidarität möchte Andreas Kämpf (56) jene unterstützen, die durch Jobverlust oder Kurzarbeit besonders leiden. Natürlich habe er nicht die Umsätze wie vor der Krise, über 25 Veranstaltungen seien weggebrochen. Aber: „Vielen aus der Eventbranche geht es so schlecht, dass sie sich nicht mal mehr eine Currywurst leisten können“, sagt Kämpf. Das brachte ihn auf eine Idee: In seinen beiden „Curry-Paule“-Wurstbuden in der Stubenrauchstraße und am Buckower Damm in Neukölln dürfen Kunden eine Currywurst mehr bezahlen als sie essen.

Der Gutschein wird an ein Holzbrett gepinnt, Hilfsbedürftige nehmen diesen ab und bekommen eine Wurst gratis. Kämpf selbst spendiert täglich zehn Currywürste. „Viele Kunden haben sogar nur die ‚Prepaid-Currywurst‘ gekauft und gar keine eigene gegessen“, berichtet Kämpf über die bisherige Resonanz. Er hofft auf Nachahmer in der Gastronomie. „Mein Wunsch wäre, dass auch Dönerläden, Bäckereien und Schnellimbisse mitmachen und sich solidarisch mit ihren Kunden zeigen.“