Andreas Ulrich hat auf der Fischerinsel große Teile seiner Kindheit verbracht. Jetzt hat er ein Buch über die Bewohner von damals und heute geschrieben.
Foto: Thomas Uhlemann

Ein Hochhaus auf der Fischerinsel, 18. Etage: Andreas Ulrich, Autor, Moderator, Journalist und selten um ein Wort verlegen, hat sich noch nicht ganz daran gewöhnt, dass er seine ehemalige Klassenlehrerin duzen soll. Er klingelt an der Tür am Ende des langen Gangs. Inge Weingart, 75 Jahre alt, Deutsch und Kunsterziehung, bittet uns in die Wohnung. An den Wänden im Wohnzimmer hängen eigene Werke. Es gibt natürlich eine Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer und auf dem Glastisch liegt das Gruppenbuch der Klasse 5a.

Andreas Ulrich hat nach 50 Jahren seine Lehrerin und Klassenkameraden von damals besucht und ihre Geschichten aufgeschrieben. 
Foto: Thomas Uhlemann 

Auf vielen Seiten, gebunden in grünes Leinen, haben Inge Weingarts Schüler in der 15. Polytechnischen Oberschule Berichte von Ausflügen verfasst. Ein Stück im Deutschen Theater, eine Fahrt auf den Fernsehturm, der von hier aus zum Greifen nah scheint, die Kuppel fast auf Augenhöhe, eine Klassenfahrt nach Warnemünde und immer wieder Altpapier. Stolz ist Inge Weingart auf ihre Kinder von der Fischerinsel, ihre erste eigene Klasse.  Und ganz besonders stolz ist sie auf Andreas, der sich aufgemacht hat, die Geschichten derer zu finden und aufzuschreiben, die hier in den 70er-Jahren ihre Kindheit erlebten. Dabei sei er nie eine Leuchte in Deutsch gewesen, sagt Andreas Ulrich über sich selbst, eher ein Spätentwickler. Dennoch hat ihn ausgerechnet sein Buchprojekt nach vielen Jahren wieder dorthin geführt, wo er von 1970 bis 1981 zu Hause war. Auf die Fischerinsel, zwischen die Hochhaustürme auf der Insel zwischen Spree und Spreekanal, in das Dorf mitten in der Großstadt.

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Zwischen 1969 und 1973 war im Zentrum Ost-Berlins die einzigartige Hochhaussiedlung entstanden. In die Neubauten auf der Fischerinsel zogen neben kinderreichen Familien wie den Ulrichs vor allem berühmte Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller, Funktionäre und Diplomaten ein. DDR-Alltag traf hier auf Prominenz und Extravaganz.

Herbert Köfers Sportwagen vor dem Eingang

Schon im Foyer der 60 Meter hohen Häuser müssen sich Besucher entscheiden, welchen Fahrstuhl sie nehmen, den für die geraden Stockwerke oder für die ungeraden. „Es gab Bewohner, die haben sich nie gesehen, weil sie immer den anderen Fahrstuhl nahmen“, erinnert sich Andreas Ulrich. Andere Bewohner des Viertels allerdings sahen die Kinder von der Fischerinsel andauernd.

Bei einem Spaziergang zwischen den Wohntürmen zeigt Ulrich die Stelle, an der Herbert Köfers gelber Wartburg Melkus immer stand.  Einige im Viertel erinnern sich eher an die flotten Damen, in deren Begleitung der Schauspieler immer unterwegs war. Wir blicken hinauf zu den Fenstern in der 20. Etage in Hochhaus Nummer 2, wo Markus Wolf, Chef der DDR-Auslandsspionage, aus zwei zusammengelegten Wohnungen einen Spitzenblick auf den Fernsehturm hatte. Wolf, der Mann ohne Gesicht, von dem man im Westen nur zu gern ein Foto gehabt hätte, ging hier ganz unbefangen mit Kindern und Enkeln spazieren. Nach Wandlitz wollte er lieber nicht umziehen – zu weit weg von den Theatern und Museen in Mitte.

Im mittlerweile abgerissenen Restaurant Ahornblatt wurden auch die Schulkinder mittags versorgt. Am Wochenende gab es Tanz auf der Fischerinsel. Foto: Axel Mauruszat / Bebra Verlag 

Jedes von den Kindern aus der Klasse 5a konnte mit Namen von Promis prahlen, die im eigenen Haus wohnten. Volkmar Kleinert, etwa, Schauspieler am Deutschen Theater, wohnte schräg gegenüber von Frau Weingart. „Wenn ich mit dem hätte Fahrstuhl fahren müssen, wäre mir schon mulmig geworden“, sagt Andreas Ulrich. Kleinert wurde im DDR-Fernsehen gern als Bösewicht besetzt. Für ein Kind wirkte der Mann in den schwarzen Existenzialisten-Klamotten auch im echten Leben bedrohlich. Zum Glück wohnten die Ulrichs im ersten Stock.

Markus Wolf (2.v.r.), Chef der DDR-Auslandsspionage, bei Spaziergang auf der Fischerinsel.  Foto: bebra verlag 

Im Nachbarhaus ging Frank Schöbel aus und ein, die Eltern von Aurora Lacasa wohnten dort. Auch die Schlagersängerin Regina Thoss hatte sich auf der Fischerinsel niedergelassen, bis ein Stalker sie dort ausfindig machte und sie umzog. Auch der Kinderbuchautor Benno Pludra war auf der Fischerinsel zu Hause. Sein Jugendbuch „Insel der Schwäne“ erzählt davon. In Nummer 9 lebte die Dichterin Sarah Kirsch, Andreas Ulrich macht für sein Buch ihren Sohn Moritz ausfindig. Er lebt jetzt in Schleswig-Holstein und erinnert sich an die Zeit auf der Fischerinsel als die traurigste Zeit in seinem Leben. 

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Schwimmtraining für den Fluchtversuch 

Andreas Ulrich aber berichtet in seinem Buch nicht nur von den Berühmtheiten, die hier lebten. Von Dean Reed, Ulrike Krumbiegel und Thomas Lück. Die Kinder von der Fischerinsel selber haben ihre traurigen, tragischen oder erfolgreichen Lebensgeschichten mit dem ehemaligen Klassenkameraden oder Nachbarn  geteilt. Da ist zum Beispiel Kerstin, die in der Schwimmhalle für einen Fluchtversuch über den rumänischen Grenzfluss Drau trainierte, bis der Bademeister immer komischer guckte. Oder Jörg, der in die erste fertige Wohnung auf der ganzen Insel zog, seine Mutter lebt noch heute dort. Marion erinnert sich an ihre Freundinnen, die extra aus Oberschöneweide kamen, um Fahrstuhl zu fahren. Oder Barbara, die schon an der Spree genau wusste, dass sie einmal in Wien leben möchte. Eine bunte Mischung von Menschen hatte sich im Schatten der Hochhäuser zu einer Gemeinschaft zusammengefunden. Donald, der mit seinen Eltern in Syrien gelebt hatte, bevor er auf die Fischerinsel kam, Annette aus dem Westen hier gestrandet. „Es war eine gute Mischung“, sagt Andreas Ulrich. Und: Es sei eine Zeitreise gewesen, nach 50 Jahren zurückzukehren und noch bekannte Namen an den Klingelschildern zu entdecken. 240 in jedem Haus, und hinter jedem eine Geschichte.

Andreas Ulrich und seine ehemalige Klassenlehrerin Inge Weingart auf dem Balkon ihrer Hochhauswohnung auf der Fischerinsel. 
Foto: Thomas Uhlemann

Manche von denen, die hier im mittlerweile wieder heiß begehrten Kiez wohnen, sagen stolz „Erstbezug“, wenn man sie fragt, wie lange sie schon hier sind. Auch Inge Weingart kriegt hier keiner mehr weg. Aus ihrem Wohnzimmerfenster sieht sie den lindgrünen Block der 15. POS. Im Buch über ihre einstigen Schüler hat sie nur einen Rechtschreibfehler gefunden. Die meisten von ihnen sind ihren Weg gegangen. Von der Fischerinsel in die Welt oder manchmal nur kurz um die Ecke. 

Die Kinder von der Fischerinsel, 224 Seiten, 20 Euro, www.bebraverlag.de