An öffentlichen Orten wie dem Alexanderplatz gilt noch immer die Maskenpflicht. Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die Inzidenzen sind deutlich im Sinkflug, in einigen Berliner Bezirken sogar im einstelligen Bereich. Sollte man jetzt nicht endlich in der Stadt die Maskenpflicht aufheben? Vor allem im Freien, wenn in der kommenden Woche die Temperaturen die 30-Grad-Celsius-Marke überschreiten, dürfte für Berliner das vorgeschriebene Tragen von FFP2-Masken auf Einkaufsstraßen, öffentlichen Plätzen, beim Anstehen an den Freibäderkassen und bei Besuchen im Tierpark oder im Zoo zur Qual werden. In Berlin gibt es bereits erste Forderungen und auch Überlegungen, die Maskenpflicht zu beenden.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) brachte den Stein ins Rollen, entfachte  am Wochenende  erneut die Diskussion über Sinn und Unsinn der Maskenflicht bei fallenden Inzidenzwerten. Sie plädiert dafür, jetzt eine Fortdauer der Maßnahme bundesweit zu überprüfen. Die Länder müssten klären, „ob und wo eine Maskenpflicht noch verhältnismäßig ist, wenn die Inzidenzzahlen niedrig sind und weiter sinken“, sagte Lamprecht der Bild am Sonntag. Als Beispiel für eine Überprüfung nennt die Ministerin die Schulen, „denn Schülerinnen und Schüler sind von der Maskenpflicht besonders betroffen“.

Einen Schritt weiter als die Bundesjustizministerin geht Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP). Angesichts der sinkenden Werte fordert er ein komplettes Ende der Maskenpflicht. „Bei einer klaren Inzidenz unter 35 darf der Staat gar keine Grundrechte pauschal für alle Bürger einschränken. Die allgemeine Maskenpflicht müsste daher bei strenger Auslegung des Infektionsschutzgesetzes aufgehoben werden, erst recht draußen“, sagt Kubicki.

„Es gibt keinen Grund, weiter an der Maskenpflicht festzuhalten“

Der Sieben-Tage-Inzidenzwert für Berlin steht bei 15,4 (Stand 13. Juni). In drei Bezirken liegt er sogar unter der Zehnermarke. Pankow hat mit 8,3 den niedrigsten Wert, gefolgt von Treptow-Köpenick (8,8) und Lichtenberg 9,2. Die höchste Inzidenz weist Spandau mit einem Wert von 38,3 auf. Dass immer mehr Berliner geimpft werden und sich auf Corona testen lassen, habe unter anderem dazu beigetragen, das die Werte fallen, sagt Wolfgang Albers (Linke), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus.

Wolfgang Albers (Linke) ist für eine Aufhebung der Maskenpflicht. Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Dem KURIER erklärt der Politiker, dass er „keinen Grund sieht“, dass man in Berlin an der Maskenpflicht konsequent weiter festhält. Albers, selber Arzt, verweist auf seriöse Studien von Aerosolforschern, in denen erklärt wird, dass im Freien die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus wesentlich geringer sei. „Die Politik hörte auf die Wissenschaft, als etwa die Lockdown-Maßnahmen beschlossen wurden. So sollte sie nun ebenfalls auf die Wissenschaft hören, wenn es um die Lockerungen geht“, sagt Albers. Dies gelte auch für ein Aufheben der Maskenpflicht bei sinkenden Inzidenzen.

Christopher Mostafa (35) aus Wilmersdorf-Charlottenburg ist für das Aufheben der Maskenpflicht. „Ich habe das noch nie für notwendig gehalten“, sagt er.

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Aerosolforscher wie Gerhard Scheuch erklären, dass in großen Theatern und Museen, Freibädern und  Sporthallen das Ansteckungsrisiko nicht so hoch wäre, weil dort sehr viel Raum und Luft seien. „Da reicht die Aerosolkonzentration kaum aus, um andere zu gefährden“, sagt Scheuch. Die Ansteckungsgefahr in kleinen, engen, unbelüfteten Räumen wie Aufzügen sei wesentlich höher. Dort könne man sich sogar während einer kurzen Fahrt anstecken.

Bernd Fiedler (30) aus Tempelhof-Schöneberg setzt weiter auf die Maskenpflicht. „Die Unvernunft kommt früh genug“, sagt er.

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Ein Wegfall der Maskenpflicht würden viele Berliner begrüßen. Wie die Neuköllnerin Carmen Bergner (35), die das Maskentragen an der frischen Luft für nicht notwendig hält. Aber es gibt auch andere Stimmen. Ginge es nach Bernd Fiedler (30) aus Tempelhof-Schöneberg, sollte die Maskenpflicht „erst bei einem Inzidenzwert von null“ aufgehoben werden. „Die Unvernunft kommt früh genug", sagt er.

Carmen Bergner (35) aus Neukölln freut sich, wenn sie wieder ohne Maske durch den Zoo gehen könnte: „In öffentlichen Bereichen sind an der frischen Luft die Masken nicht mehr notwendig. In geschlossenen Räumen sollte die Pflicht aber weiter beibehalten werden.“
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Fällt am Montag die Entscheidung?

Am Montag werden sich die Staatsekretäre aus den Senatsverwaltungen treffen. Es sei durchaus möglich, dass sie auch über Lockerungen bei der Maskenpflicht sprechen werden, heißt es in Senatskreisen. Ob diese bereits ab 18. Juni gelten, sei fraglich. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) sei erst für Lockerungen, wenn der Berliner Inzidenzwert einstellig sei.

In Berlin gilt derzeit die FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Raum überall dort, wo der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann – etwa in Supermärkten, Bahnhöfen, Krankenhäuser, Behörden, Busse, S-, U- und Straßenbahnen. Eine mögliche Lockerung der Maskenpflicht gilt dort eher als  unwahrscheinlich. Wegfallen könnte die Maskenpflicht eher im Freien, die etwa für die Warteschlangen an den Kassen von Freibädern, in den Außenbereichen der Hauptstadtzoos oder auf belebte Einkaufsstraßen und Plätze wie dem Alexanderplatz, der Schlossstraße in Steglitz oder dem Potsdamer Platz noch immer gilt.