Gabriele Dornemann-Beitz zeigt ein Foto ihrer Mutter Marianne Dornemann.
Foto: Berliner Zeitung/Stefanie Loos

Der Anruf kam Mitte November. Die Pflegeleitung war am Apparat. Sie hätten schlechte Nachrichten. „Ihre Mutter wurde positiv getestet.“

Gabriele Dornemann-Beitz war trotzdem hoffnungsvoll. Ihre Mutter war zwar 100, aber bis auf ihren erhöhten Blutdruck und die Sehschwäche gesund. Sie würde es schon schaffen, dachte sie, wie sie immer alles geschafft hatte. Und hatte nicht gerade ein 106-Jähriger Corona überstanden?

Vier Wochen später, ein Nachmittag im Dezember. Gabriele Dornemann-Beitz sitzt in ihrem Wohnzimmer in Charlottenburg, vor sich auf dem Couchtisch ein Bild ihrer Mutter und Notizen mit Lebensdaten: „Marianne Dornemann, geb. Burmeister. Am 6. Juni 1920 in Gremsdorf (Schlesien) geboren. Verstorben am 19. November 2020 in Berlin.“

Sie hat die Notizen für die Trauerrednerin gemacht, aber auch für sich selbst. Und gleich zugesagt, zu erzählen vom Leben einer Frau, die Krieg, Flucht und Mauerbau überlebt hat, aber nicht die Pandemie.

Marianne Dornemann hatte eine schöne Kindheit. Der Vater war kaufmännischer Direktor der Gremsdorfer Herrmannshütte, einer Eisengießerei, die Mutter Bankierstochter. Marianne, das Einzelkind, spielte im Garten mit dem Pekinesen der Oma, ging auf ein Mädcheninternat und anschließend als Hausmädchen zu einer wohlhabenden Familie, ihr einziges Arbeitsverhältnis jemals.

Die Tochter wollte mehr wissen. In Bunzlau hatte es ein Arbeitslager für Juden gegeben. Waren das die ‚Fremdarbeiter‘? Die Mutter schwieg.

Ach nein, stimmt nicht, fällt der Tochter ein, im Krieg war sie auf dem Arbeitsamt von Bunzlau angestellt, zuständig für die Einteilung von „Fremdarbeitern“, wie die Mutter es nannte. Die Tochter wollte mehr wissen. In Bunzlau hatte es ein Arbeitslager für Juden gegeben. Waren das die Fremdarbeiter? Die Mutter schwieg. „Sie hat immer nur gesagt: Wir auf dem Dorf haben nichts mitbekommen. Sie war eine große Meisterin im Verdrängen.“

Plötzlich weint sie, die Tochter. Vielleicht, weil ihr klar wird, dass sie ihrer Mutter nie wieder Fragen stellen kann. Auch keine schwierigen. Es ist ruhig. Nur die große Standuhr am Fenster tickt. Die Tochter wischt die Tränen ab, steht auf, kommt mit einem Foto zurück: eine blonde Frau, schmale Augen, großer Mund, daneben ein Mann in Uniform, auch blond. Beide lachen. Es ist Marianne Dornemanns Hochzeitsfoto. Da war sie 23.

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Sie haben sich auf einem Dorffest kennengelernt. Im Krieg. „Dass damals groß gefeiert wurde“, sagt die Tochter, „kann man sich ja kaum vorstellen“. Das sagt sie oft, wenn sie über die Kriegsjahre spricht. Der Vater, erst im Arbeitsdienst, dann im Krieg. Frankreich, Ukraine, Lazarett, britische Gefangenschaft. Die Mutter, die auf seine Rückkehr wartete, und, als die Sowjetarmee vorrückte, mit ihren Eltern Richtung Westen floh, alles zurückließ, was sie hatten, tagelang zu Fuß lief, abgewiesen wurde, wenn sie eine Unterkunft brauchten. Die Tochter sagt: „So ähnlich wie die Flüchtlinge heute.“

Wenn Hertha im Olympiastadion spielte, schlichen sie sich nach der Pause rein, weil dann niemand mehr die Karten kontrollierte. Die ganze Familie.

Im Vogtland kamen sie bei einer Tante unter, ein Jahr später zogen sie nach West-Berlin. Der Vater, aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, wollte nicht unter russischer Besatzung leben. Aus der ersten Wohnung mussten sie wieder raus. „Da wollten Engländer rein.“ Die nächste Wohnung befand sich in Westend, 30er-Jahre-Bau, zweieinhalb Zimmer, der Block mit Koks beheizt. Nicht schön, aber praktisch.

Als die Kinder geboren waren, Hans-Jörg 1946, Gabriele 1947, zogen sie ein Haus weiter, in eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Dort blieb Marianne Dornemann, bis sie ins Heim musste, dieselbe Wohnung, dieselbe Zimmeraufteilung, dieselben Möbel. Auch als die Kinder auszogen und der Mann gestorben war, veränderte sie nichts. Veränderungen waren nicht gut. Das hatte sie als junge Frau auf der Flucht gelernt. Daran hielt sie fest. Regte sich auf, wenn ihre Tochter Gabi genannt wurde und nicht Gabriele. „Wir haben dich so genannt und so heißt du“, sagte sie. Keine Veränderungen, das hieß auch: ein Leben lang Hausfrau.

Was hat sie da gemacht die ganze Zeit?

Ach, sagt die Tochter. Da gab es viel zu tun. Eine Großwäsche im Keller dauerte drei Tage: Kessel anheizen, Wäsche einweichen, spülen, auswringen, trocknen, im Winter auf dem Dachboden, im Sommer auf dem Hof. Kochen musste sie auch, in der Woche Eintopf, am Wochenende Braten. Und Stullen schmieren für Mann und Kinder. Johannes Dornemann war Vermessungsingenieur beim Bezirksamt, Alleinverdiener. Geld war immer knapp. Wenn sie am Wochenende einen Ausflug nach Mitte machten, liefen sie vom Spandauer Damm über die Straße des 17. Juni bis zur Museumsinsel. Und wieder zurück. Wenn Hertha im Olympiastadion spielte, schlichen sie sich nach der Pause rein, weil dann niemand mehr die Karten kontrollierte. Die ganze Familie. Und freuten sich wie Kinder, noch fast die ganze zweite Halbzeit sehen zu können.

Marianne Dornemann mit ihren beiden Kindern Hans-Jörg und Gabriele Ende der 40er-Jahre.
Foto: Stefanie Loos

Urlaub wurde einmal im Jahr gemacht. Der Vater wollte in die Berge, die Mutter an die See. Zum Urlaub gehörte auch, dass keine Zeitung gelesen, keine Nachrichten gesehen wurden. Einmal, im August 1961, kamen sie aus den Alpen zurück. Da stand eine Mauer mitten in Berlin.

Ihr Leben veränderte das nicht. „Auch als halbe Stadt war West-Berlin immer noch groß“, sagt die Tochter, „und wir in Charlottenburg waren ja mittendrin.“ Die Großeltern, die in Zeuthen lebten, zogen 1964 nach West-Berlin, als Rentner durften sie „rüber“. Marianne Dornemann machte nun auch die Wäsche der Eltern mit und ging für sie einkaufen. Aus dem Lebensmittelladen, in dem sie Milch in der Kanne holte, wurde Meiers, Kaisers, Reichelt. Auch Supermarktketten erzählen, wie die Zeit vergeht.

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Am liebsten ging sie zu Hertie in die Wilmersdorfer, Blusen, Kleider, Mäntel kaufen, ihre Lieblingsfarben waren Blau und Rot. Da hat sie, die sonst so sparsam war, nicht aufs Geld geachtet. Und es ärgerte sie, wenn sie in ihrer Größe nichts „Anständiges“ fand. Marianne Dornemann war 1,72 m groß, eine kräftige Frau.

Was die besten Jahre waren?

Als wir aus dem Haus waren, sagt die Tochter, als Mutter mit ihrem Mann Kreuzfahrten im Mittelmeer unternahm, Italien, Griechenland, Israel. Und immer wieder Bad Füssing, Heilkuren, 25 Jahre lang. Da war sie schon Witwe.

Johannes Dornemann starb einen Tag vor Silvester. Seine Frau wollte ihren Mann schnell unter die Erde bringen, Zähne zusammenbeißen und weiter. Wie immer.

Im Dezember 1978, kurz nach Weihnachten, stürzte Johannes Dornemann plötzlich. Ein Hirntumor, zu spät entdeckt, zu spät operiert. Er starb einen Tag vor Silvester, mit 60 Jahren. Die Kinder hätten gerne mehr gewusst, warum der Tumor nicht eher entdeckt wurde, ob es noch andere Ursachen gab. Ihre Mutter aber wollte ihren Mann nur schnell unter die Erde bringen, Zähne zusammenbeißen und weiter. Wie immer. Da war sie 57.

Es wird dunkel. Draußen und auch hier im Wohnzimmer. Gabriele Dornemann merkt es nicht, schaltet kein Licht an. Die Dämmerung passt zu den Geschichten, sie redet leise, lässt sich Zeit, als verstehe sie erst jetzt, da die Mutter nicht mehr da ist, wer sie war.

Nach dem Tod des Mannes musste sie all die Dinge, um die er sich gekümmert hatte, alleine machen. Versicherungen, Bank, Miete, Strom. Rief bei der Tochter an. Wo bist du? Wann kommst du? Kannst du dich kümmern? Beschwerte sich, dass sie alleine sei, niemand vorbeikäme. Die Tochter sagte: „Daran denkt doch niemand, dass du jetzt zu Hause alleine bist. Du musst dich bei denen melden.“ Sie fragte, wie es denn mit einer neuen Beziehung wäre, sie sei doch noch jung. Davon wollte Marianne Dornemann nichts hören. Für einen Mann zu sorgen, habe ihr gereicht, sagte sie. Und die Tochter fragte sich, was für eine Beziehung ihre Eltern eigentlich hatten.

Ein einziger Mann in einem hundertjährigen Leben! Die Männer ihrer späten Jahre sah sie im Fernsehen: Samstagabendmoderatoren, Tatortkommissare, Nachrichtensprecher, Oberinspektor Derrick, Günther Jauch.

Es gehört zu den Geheimnissen, die Marianne Dornemann mit ins Grab nahm. Zu den Geheimnissen ihrer Generation. Ein einziger Mann in einem hundertjährigen Leben! Die Männer ihrer späteren Jahre sah sie im Fernsehen: Samstagabendmoderatoren, Tatortkommissare, Nachrichtensprecher, Oberinspektor Derrick, Günther Jauch. Sie wurde Rätsel-Fan und kaufte sich ein Fahrrad. Bewegung war wichtig. Im Winter, wenn es draußen glatt war, lief sie die Treppen hoch und runter. Die Wohnung war im zweiten Stock, ohne Fahrstuhl. Fand sie immer gut. Bis sie stürzte, ins Krankenhaus musste, zum Laufen einen Rollator brauchte. Sie wollte unbedingt zu Hause bleiben, nicht ins Heim, auf keinen Fall.

„Aber Mutter, wie stellst du dir das vor? Dich kann doch keiner die zwei Etagen runtertragen.“ Da war sie 97.

Sie suchten lange nach dem „richtigen“ Heim. Ilse, eine Freundin aus dem Nachbarhaus, fünf Jahre jünger, suchte mit. Im „Richtigen“ war dann aber nur ein Doppelzimmer frei. Die Mitbewohnerin hatte Demenz, redete nicht viel, beschwerte sich, wenn der Fernseher lief. Marianne Dornemann, das Internatsmädchen, passte sich an, lag still im Bett. Zum Glück wurde bald ein Einzelzimmer frei, sie lebte wieder auf, saß im Garten, redete mit jedem, der noch reden konnte, nahm an Veranstaltungen teil: Singen, Gymnastik, Klavierabend. Im Rätselraten war sie unschlagbar. Bei der Sommerolympiade gewann sie den ersten Platz.

„Meinste, ich bin hier sicher vor Corona?“, fragte sie, als es losging im März, die erste Welle. Klar, sagte die Tochter. Und glaubte selbst daran. „Die haben das gut gemacht“, sagt sie. Anfangs gar kein Besuch, später im Freien am Gartenzaun. Die Mutter im Rollstuhl auf der einen Seite, die Tochter auf der anderen. Man konnte ihr alles erklären, sagt Gabriele Dornemann, keine Spur von Demenz, sie verstand sogar, dass ihre Tochter sie nicht anfassen durfte. „Mutter, das geht jetzt mal nicht.“

Nur dass zum 100. Geburtstag niemand vom Bezirksamt gratulierte, nicht mal per Post, das verstand sie nicht. In den Jahren zuvor waren immer Glückwünsche gekommen, manchmal kam sogar jemand vorbei, mit Blumen und einem Umschlag. Und nun vergessen! Ausgerechnet zum 100!

Ihr hohes Alter war die größte Leistung in ihrem Leben. Sie genoss, dass sich alles um sie drehte, sie sich schick machen durfte, Geschenke bekam. Zum 75. fuhren ihre Kinder mit ihr nach Heringsdorf, zum 80. nach Gremsdorf, ihren Heimatort, zum 90. ging es nach Timmendorfer Strand. Zum 100. wollte sie nach New York. Hat sie immer gesagt.

Sie feierten im Heim, Anfang Juni, sechs Besucher im großen Saal, das letzte Mal, dass die Familie zusammenkam. Anfang November gab es den ersten Fall in ihrem Wohnbereich. Der Schnelltest war negativ, das Ergebnis vom PCR-Test ließ eine Woche auf sich warten. Dann rief die Pflegeleitung an.

Marianne Dornemann fühlte sich müde und schlapp, bekam erhöhte Temperatur: 37,6. Nach zwei Tagen ging es ihr besser. Dann kam der Husten, tief und rasselnd. Als die Tochter die Mutter besuchen durfte, mit Kittel, Maske, Handschuhen, klang ihr Atem wie ein kaputter Motor, am Nachmittag stand er still.

Der Bereitschaftsdienst, der den Totenschein ausstellte, interessierte vor allem, ob sie mit oder an Corona gestorben war. An Corona, sagte die Tochter, das sei ja wohl klar. Am 19. November 2020 gab es 1251 Neuinfektionen in Berlin und 21 Todesfälle, die zweite Welle. Als die Tochter und ihr Mann nochmal ins Heim zurückkamen, um das Zimmer auszuräumen, hingen in der Ecke, wo der Verstorbenen gedacht wird, mehr Fotos als sonst, fünf oder sechs. Einer war 102 geworden.

Sie hat noch Fragen, die Tochter. Wie das Virus ins Heim kam, warum kein Arzt ihre Mutter untersuchte, ob sie selbst wusste, was sie hatte. Sie haben nicht mehr darüber gesprochen.

Eigentlich wollte sie anonym beigesetzt werden, keine Last sein für die Familie. Aber sie wird einen Stein bekommen, mit ihrem Namen darauf. Der Tochter ist das wichtig. Die Bestattung findet am 16. Dezember auf dem Friedhof an der Heerstraße statt. Eine Pastorin hält die Trauerrede. Danach wird Marianne Dornemanns Lieblingslied gespielt. Udo Jürgens: „Ich war noch niemals in New York“.