Auf Inszenierung versteht sich Nina Hagen noch immer: So hat sich die Musikerin für ihr neues Album fotografieren lassen.
Auf Inszenierung versteht sich Nina Hagen noch immer: So hat sich die Musikerin für ihr neues Album fotografieren lassen. dpa/Gabo Photos

Stimmgewaltig, vielseitig, verrückt. Nina Hagen hat ein neues Album aufgenommen. Mit „Unity“ zeigt sich die Sängerin erfrischend unberechenbar. So wild, wie sich die 67-Jährige da gibt, so sehr wünscht sie sich aber auch einen harmonischeren Umgang im täglichen Miteinander. Vor allen Dingen in den sozialen Medien.

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„Menschen sollten sich abkehren von irgendwelchen aggressiven Auseinandersetzungen, die zu nichts führen“, sagt Nina Hagen beim Interview in Berlin. „Wenn Menschen sich zum Beispiel in sozialen Netzwerken gegenseitig beleidigen und neumodische Schimpfwörter in Großbuchstaben tippen, dann hat das nichts mehr mit Liebe zu tun. Da müssen wir einen anderen Weg finden.“

Als Christin glaube sie an die Liebe, die über allem stehe. „Die Liebe ist nicht totzukriegen. Das sollten wir uns zunutze machen“, sagt Hagen. „Wir sollten uns lieben und diese Ratschläge beherzigen, sich zu respektieren. Einer achte den anderen höher als sich selbst, einer liebe den anderen wie sich selbst.“ Auf dem neuen Album „Unity“, das 9. Solo-Album der Musikerin, das am Freitag erscheint, geht es in vielen Songs um Solidarität und Gemeinsamkeit.

Nina Hagen in der Corona-Zeit: „Geduld war die Yogaübung der Stunde“

Es gluckst, reibt, röhrt, kratzt. Nina Hagen ist zurück. Nach elf Jahren hat die einstmals selbsternannte Godmother of Punk ein neues Album aufgenommen. „Unity“ ist ein neuerlicher Beweis für die Bandbreite der Sängerin. Ob härtere Töne, ruhiger Pop, exzellenter Funk oder einlullende Balladen – die 67-Jährige hat mit elf Songs eine hörenswert schräge Mischung zusammengestellt.

Nina Hagen auf der Bühne: bei einem Konzert im Jahr 2018
Nina Hagen auf der Bühne: bei einem Konzert im Jahr 2018 dpa/Matzka

„Das Album ist die Erfüllung eines Wunschtraumes“, sagt Hagen. „In der Zeit von Corona konnten meine zirkuspferdartigen Auftritte nicht mehr stattfinden. Es gab keine Livekonzerte mehr, aber die Produktion am Album ging fleißig weiter. In der Zeit war mehr Geduld gefragt. Geduld war die Yogaübung der Stunde.“

Die Frage nach dem hörbaren Einfluss verschiedener Musikrichtungen hat sie sich nach eigenem Bekunden noch nie gestellt. „Jedes Lied bekommt das, was es gerne möchte, was es braucht oder was wir glauben, was es brauchen könnte.“ Produziert hat das Album Warner Poland, seit Jahrzehnten Bandleader und Gitarrist von Hagen. „Wir haben mehrere Songs zusammen geschrieben und Sessions gehabt.“ So sei eine große Sammlung von Aufnahmen und Samples entstanden.

Es geht viel um Solidarität und Miteinander auf dem Album „Unity“

Mit „Shadrack“ greift sie auch gleich mit dem Opener des Albums auf biblischen Stoff zurück. Dazu ein leicht sphärisches Intro, ein paar geschlagene Becken, ein cooler Funk-Lauf und schon übernimmt eine noch immer scheinbar endlos tiefe Stimme Hagens die Erzählung.

Über die Songs verteilt spannt sich Hagens Stimme oktavenweit zwischen knarrenden Tiefen und gackernden Höhen mit der ihr eigenen Koloraturkompetenz. Dabei nutzt sie noch immer alles, was die Bezeichnung Ton rechtfertigt.

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Es geht viel um Solidarität und Miteinander auf dem Album. In „United Women Of The World“ besingt Hagen weibliche Kraft und Stärke. Der Titelsong „Unity“, entstanden mithilfe des US-amerikanischen Funk-Spezialisten Georg Clinton, ist eine Unterstützung für die Black-Lives-Matter-Bewegung. „Das Geschehen hat die ganze Welt und mich tief betroffen gemacht über den Geist, der in Amerika anscheinend vorherrscht, nämlich Aggression, Mord und Totschlag, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Deswegen bin ich besonders froh, dass viele tolle Leute auf dem Album mitgemacht haben.“

Für „Atomwaffensperrvertrag“ wühlt sie in alten Beständen. Der Text ist die Collage einer Rede Hagens zu Abrüstung. „Es ist unsere niemals erkaltende Zunge, die sich für die absolute Abschaffung aller Atomwaffen einsetzt. Nur so geht es. Das muss man immer weiter propagieren“, sagt sie.

Im Februar 1988 in Hamburg: Nina Hagen mit Ziehvater Wolf Biermann und ihrer Mutter Eva-Maria Hagen
Im Februar 1988 in Hamburg: Nina Hagen mit Ziehvater Wolf Biermann und ihrer Mutter Eva-Maria Hagen dpa/Probst

Poppige Rhythmen mit sphärischer Stimme begleiten in „Geld, Geld, Geld“ ihre Kapitalismuskritik: „Große Städte stinken/Reklameschilder blinken“. Die Untiefen von Zweisamkeit („Beziehungskisten gehen immer zu Bruch“) beschreit Hagen im Refrain von „Gib mir deine Liebe“. Mit dem rockigen „Venusfliegenfalle“ entführt sie auf eine schräge Tour durch das All.

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Für das Album hat Hagen wieder reichlich auf Material anderer Künstler zurückgegriffen. „16 tons“ und „Redemption day“ sind dabei. Es gibt auch eine deutsche Version von Bob Dylans Klassiker „Blowin’ in the wind“. „Ich mache schon, seit ich denken kann, Cover“, sagt Hagen. Die Menschheit brauche Lieder, die sie zusammen singen könne. „Wir brauchen das als Gesellschaft, dass wir nicht nur diese Castingshows über uns ergehen lassen müssen.“

Sie hoffe, „dass in dem ganzen musikalischen Blumenstrauß des Angebots auf dem Album zwischendurch auch mal Lieder kommen, die jeder schon kennt, und man mitplärren kann.“ Der Strauß ist zur schrägen Mischung geworden, crazy wie Nina Hagen selbst. „Ich habe einfach versucht, etwas Schönes zusammenzubekommen with the help of all my real good friends.“