Jäckelsbruch: Eine alte Skulptur mit Moos bewachsen steht im verwilderten Park des einstigen Rittergutes Jäckelsbruch, wo früher der Bildhauer Arno Breker sein Atelier hatte und arbeitete. Heute arbeitet der Bildhauer Jörg Engelhardt, Sohn von Horst Engelhardt, in diesem Atelier auf dem Gelände des ehemaligen Rittergutes. dpa

 Im verwilderten Park des einstigen Rittergutes Jäckelsbruch säumen versteckt im Dickicht acht Skulpturen einen Weg. Einige sind kopflos, von anderen steht nur noch ein Sockel. Bemooste große Steinblöcke finden sich auf dem vergessen wirkenden Areal im Landkreis Märkisch-Oderland ebenso wie ein altes Schwimmbecken mit türkisfarbenen Kacheln und ein verklinkertes Pumpenhaus. „Das sind die Überbleibsel aus der Zeit, als der Bildhauer Arno Breker hier lebte“, sagt Detlef Mallwitz. Breker, einer der prominentesten Künstler des Nationalsozialismus, soll das Anwesen 1940 von Adolf Hitler zu seinem 40. Geburtstag geschenkt bekommen haben.

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Jörg Engelhardt, Bildhauer, und Detlef Mallwitz (r.), Künstler, stehen im früheren Atelier des Bildhauers Horst Engelhardt. Der im Oderbruch lebende Künstler Detlef Mallwitz hat ein Kapitel der Regionalgeschichte erforscht, das längst in Vergessenheit geraten schien: In Wriezen planten und bauten die Nationalsozialisten eine Künstlerkolonie. 

Mallwitz, der seit den 1990er Jahren im Oderbruch lebt, hat zu diesem Detail deutscher Geschichte in der Region ausgiebig recherchiert. Seine Erkenntnisse veröffentlichte Mallwitz, der vom Landes-Museumsverband als engagierter Historiker und langjährigen Leiter des Oderlandmuseums geschätzt wird, im vergangenen Jahr sowohl in einem Buch, als auch in einer Ausstellung. Die Schau im Rathaus Wriezen blieb aufgrund der andauernden Corona-Beschränkungen allerdings wenig beachtet.

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Nazis planten Künstlerkolonie in Wriezen 

Dabei hatte Brekers Anwesenheit in Jäckelsbruch laut Mallwitz damals weitreichende Folgen: Im benachbarten Wriezen planten die Nationalsozialisten seinen Recherchen nach eine Künstlerkolonie, in der Monumentalkunstwerke für die Metropolen Berlin , München, Nürnberg und Hamburg entstehen sollten. Hitler habe diese Städte völlig umgestalten wollen. „Breker bekam die Leitung über die Bildhauerwerkstätten, für die in Wriezen 1941 große Hallen gebaut wurden, die teilweise heute noch stehen“, erzählt Mallwitz. Steine für die Kunstwerke – Reliefs und Figuren - seien in Franken gebrochen und per Schiff über die Oder im Wriezener Hafen angeliefert worden.

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Viele Skulpturen stehen im früheren Atelier des Bildhauers Horst Engelhardt.

Nazis planten S-Bahn von Berlin bis Wriezen 

Eine Krananlage sollte dort noch gebaut werden. In einer Gastwirtschaft hätten Anwohner nach 1945 vier große Webstühle entdeckt, die wohl für die geplanten Bildteppichwerkstätten gedacht waren, in der überdimensionale Gobelins entstehen sollten. In alten Unterlagen hat der geschichtsinteressierte Künstler Planungen für weitere große Werkshallen gefunden. „Was dort stattfinden sollte, habe ich allerdings bisher nicht herausgefunden.“ Nach Recherchen von Mallwitz planten die Nationalsozialisten sogar eine Verlängerung der Berliner S-Bahn-Strecke bis ins etwa 70 Kilometer entfernte Wriezen unweit der Oder sowie eine Autobahn-Anbindung und neue Wohngebiete. Denn mindestens 10.000 Künstler und Arbeiter sollten in den Werkstätten beschäftigt werden.

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Kriegsgefangene in Bildhauerwerkstätten der Nazis

Für die schweren Hilfsarbeiten waren Kriegsgefangene vorgesehen. „In den Bildhauerwerkstätten schufteten tatsächlich einige während des Zweiten Weltkrieges“, weiß Reinhard Schmook, Regionalhistoriker aus Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland). Als die Rote Armee Anfang 1945 schließlich an der Oder stand, seien Volkssturmleute aus Wriezen dorthin geschickt worden, um sie aufzuhalten. „Darunter waren auch Mitarbeiter von Breker. Während sie kämpften, hat er sich aus dem Staub gemacht“, erzählt Schmook. Die historischen Ereignisse um die Nazi-Künstlerkolonie sind in der Region nicht mehr präsent, meint er. „Zu DDR-Zeiten war dieses Kapitel regionaler Geschichte tabu.“ Er selbst habe noch mit Augenzeugen gesprochen, die bis zum Kriegsende in den Bildhauerwerkstätten gearbeitet hätten.

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Detlef Mallwitz (l), Künstler und Jörg Engelhardt, stehen vor einem ehemaligen Schwimmbecken im verwilderten Park des einstigen Rittergutes Jäckelsbruch, wo früher der Bildhauer Arno Breker arbeitete. 

Arno Breker-Touristen in Jäckelsbruch

Brekers am besten erhaltene Hinterlassenschaft in Jäckelsbruch ist das Atelier, das ihm 1940 von den Nazis gebaut worden war. Dort entstanden unter anderem Modelle für die Monumentalkunstwerke, die dann in den Bildhauerwerkstätten Wriezen produziert werden sollten. Nach Kriegsende stand die geplünderte Ruine Jahrzehnte lang leer. Das Schloss, in dem Breker gewohnt hatte, war ausgebrannt und wurde abgetragen. 1976 bezog dann der Bildhauer Horst Engelhardt den Ziegelbau mit Kamin und hohen Giebel- sowie Dachfenstern. „Natürlich kannte mein Vater die Geschichte. Das Atelier war zu Brekers Zeiten ja eher ein Showroom mit dicken Teppichen und Champagner“, erzählt sein Sohn Jörg, der ebenfalls als Bildhauer arbeitet und das Atelier nach dem Tod des Vaters übernahm.

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Breker-Erben wollten das Gut zurück

Den hätten die „Breker-Touristen“, die immer wieder in Jäckelsbruch auftauchten, sehr betroffen gemacht, erzählt der Sohn. Und die würde es heute noch geben, meint Engelhardt-Junior missbilligend. Den Anwohnern sei die Geschichte eher egal, hat er beobachtet. „Die haben andere Probleme.“ Breker, 1991 verstorben, habe vor seinem Tod noch Rückübertragungsansprüche für sein Atelier in Jäckelsbruch gestellt, weiß Schmook. „Selbst noch einmal hergetraut hat er sich aber nicht“ sagt der Regionalhistoriker. Bildhauer Jörg Engelhardt bekam vor einiger Zeit Besuch von den Breker-Erben. „Die traten hier ziemlich feudal auf und wollten alles zurück, hatten aber keine Chance“, erzählt er. Das einstige Rittergut gehöre der Stadt Wriezen – bis auf das Atelier und das Wohnhaus seiner Eltern.