Kundin Roswitha Wojtek (68) war selbst jahrzehntelang Kaufhof-Mitarbeiterin und hat Mitleid mit den ehemaligen Kollegen. Foto: Berliner Kurier/Sabine Gudath

Die drohende Schließung von sechs Karstadt-Kaufhof-Filialen in Berlin schockiert Kunden und Mitarbeiter. Die einen bangen um ihr angestammtes Lieblingskaufhaus, die anderen um ihre Jobs. Der Kaufhof im Linden-Center in Neu-Hohenschönhausen etwa ist das einzige Traditionswarenhaus im Kiez. Anwohner der betroffenen Niederlassungen befürchten eine Verödung ihrer Stadtviertel. Im KURIER sprechen sie über ihre Befürchtungen.

Vormittags am Linden-Center: Die Straßenbahn der Linie M4 öffnet ihre Türen, ein großer Schwung Fahrgäste steigt aus und steuert auf das Einkaufszentrum zu. Die Kaufhof-Filiale ist das Herzstück des Centers, an der Kasse stehen Kunden in einer langen Warteschlange. „Ich habe 35 Minuten zum Bezahlen angestanden“, sagt Rentnerin Brigitte Schmidt (79). Daraus schließt sie, dass die Kundennachfrage eigentlich nicht so schlecht sein kann.

Doch Galeria Karstadt Kaufhof will die Filiale schließen. Der Konzern ist in wirtschaftliche Schieflage geraten, befindet sich in einem „Schutzschirmverfahren“ - und sieht sich zu harten Sparmaßnahmen gezwungen. In Berlin sind sechs von elf Niederlassungen bedroht, 1000 von 2100 Beschäftigten könnten laut Verdi ihre Jobs verlieren. Bundesweit stehen 62 von 172 Filialen vor der Schließung. Der zwangsweise Verkaufsstopp in der Corona-Krise hat dem ohnehin angeschlagenen Konzern schwer zugesetzt. 

Über die Kaufhof-Krise hat Kundin Brigitte Schmidt schon beim Frühstück mit ihrem Mann gesprochen. „Denn es wäre schrecklich, wenn die Filiale im Linden-Center schließt“, sagt sie. Der Kaufhof befinde sich fast vor ihrer Haustür, sei Stammgeschäft vieler Leute im Viertel und gehöre mit seiner Angebotsvielfalt einfach zum Kiez. „Man trifft Bekannte beim Einkaufen und lernt über die Jahre viele Verkäuferinnen persönlich kennen“, so Schmidt. 

Das Schicksal der Mitarbeiter liegt auch Roswitha Wojtek (68) am Herzen. Sie hat selbst jahrzehntelang bei Kaufhof gearbeitet - als Verkäuferin in der Sportabteilung am Alex. Privat ist die Filiale im Linden-Center ihr Stamm-Kaufhof. „Ich leide mit den betroffenen Kollegen, deren Lebenswerk jetzt bedroht ist“, sagt Wojtek. Das Arbeitsklima im Unternehmen habe sie immer als vorbildlich empfunden. Doch nun müsse man befürchten, dass die engagierte Aufbauarbeit der Konzernmitarbeiter „für die Katz“ gewesen sei. Dem stimmt Sabrina Ludwig (33), Postbotin aus Marzahn, nachdrücklich zu. Sie sagt: „Es wäre schlimm, wenn alle ihre Jobs verlieren würden. Ich weiß, wie sich Job-Angst anfühlt und wünsche das keinem. “

Rentner Detlef Korn (73) kauft fast jeden Tag im Linden-Center ein. Er befürchtet, dass die Schließung der Kaufhof-Filiale zum Niedergang des ganzen Einkaufszentrums führen könnte. „Der Kaufhof ist hier der größte Anziehungspunkt - und wenn er dichtmacht, leiden auch die anderen Läden“, so Korn. Man müsse davon ausgehen, dass sich die Kunden dann umorientieren und zum Einkaufen woandershin fahren.  

Das wäre gerade für ältere Anwohner wie Wolfgang Foels (81) eine große Umstellung. „Ich gehe zwei bis drei Mal pro Woche mit einem Einkaufszettel meiner Frau in den Kaufhof und die anderen Geschäfte“, sagt er. Auch Foels glaubt, dass mit dem Wegfall des attraktivsten Geschäfts der ganze Standort gefährdet wäre. Deshalb sei es wichtig, jetzt noch einen Weg zu finden, den Kaufhof zu retten.  

Ortswechsel: Auch der Kaufhof im Ring-Center an der Frankfurter Allee ist eine der bedrohten Filialen. Ein Kunden-Ehepaar spricht einen Verkäufer auf die Schließungspläne an. Der Mitarbeiter antwortet: „Vor allem die älteren Kollegen tun mir leid.“ Er scheint nicht zu glauben, dass der Jobverlust noch abzuwenden ist. Und auch viele Kunden sind skeptisch:„Die Chef-Etagen machen ohnehin, was sie wollen“, sagt Olga Reder (35) aus Lichtenberg. 

Vermieter des Ring-Centers und des Linden-Centers ist das Unternehmen ECE. Dort heißt es, man wolle mit Karstadt-Kaufhof über den Erhalt der Filialen verhandeln. Auch der Bezirk Lichtenberg und der Senat kündigen an, sich einzumischen. Denn ein Job-Verlust für so viele Berliner wäre, wie Kunde Kurt Rupp (81) sagt, „ein Unding“.