Hermann Flade als Oberschüler in Olbernhau um 1950. Foto: Lukas Verlag / alamy London

30 Jahre nach dem Ende der DDR wirft eine neu erschienene Biografie ein helles Licht auf die Anfänge der Deutschen Demokratischen Republik. Wenn es einen gibt, der von Beginn an die Ideologie des noch jungen Staates anprangert, dann ist es der 18-jährige Oberschüler Hermann Flade. Zur ersten Volkskammerwahl der DDR am 15. Oktober 1950 verfasst er mit seinem Schülerstempelkasten über 200 Flugblätter bis ihm der Handballen anschwillt. Und wird dafür zum Tode verurteilt. Die Autorin Karin König hat eine Biografie über Hermann Flade geschrieben. „Um ihn dem Vergessen zu entreißen“, schrieb sie.

Im Herbst 1950 liegen die Nerven des Staatsapparats blank. Die ersten Wahlen in der DDR sollen glatt über die Bühne gehen. Getreu dem Motto, das Walter Ulbricht im Mai 1945 ausgab: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“, sollen die Menschen über eine Einheitsliste der Nationalen Front abstimmen. Wer nicht zur Wahl geht, dem drohen Repressionen. Oberschüler Hermann Flade ist mit der Schein-Wahl, deren Ausgang schon vorher feststeht, nicht einverstanden.

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Er verfasst ein Flugblatt mit der Überschrift „Die Gans“ und kritisiert unter Anspielung auf die hohen Reparationszahlungen, die an die Sowjetunion geleistet werden mussten, die Zustände in der DDR: „Die Gans latscht wie Pieck, schnattert wie Grotewohl und wird gerupft wie das deutsche Volk“. Dieses und weitere Protestblätter klebt er zwischen dem 10. und dem 14. Oktober 1950 in Olbernhau an Hauswände, Laternenmasten und Mauern - ohne zu ahnen, wie rigoros der Staatsapparat auf den Protest in der Provinz reagieren wird.

In den Akten der Staatssicherheit wird ein Flugblatt Flades dokumentiert. Foto: Lukas Verlag/ BStU, MfS, AST Chemnitz AU 12/52, Bd. 1

In der Nacht vor dem Wahltag wird Flade beim Kleben seiner Blättchen gestellt und verletzt im Handgemenge einen Politzisten leicht mit einem Taschenmesser. Daraus wird beim Prozess im Januar 1951 ein Mordversuch. Der Schauprozess, von denen es zu der Zeit nicht wenige gibt, findet in der Olbernhauer Gaststätte Tivoli statt, Flade kennt das Tivoli von Tanzabenden und Schachtournieren. Erst kurz zuvor hat der Pennäler  an dem nun ein Exempel statuiert wird, mit seiner Freundin hier einen Operettenabend besucht.

Während des Prozesses gelingt es dem jungen Mann mit den dunklen Haaren, die Sympathien der Zuschauer zu gewinnen, indem er die Zustände im Uranerzbergbau, wo er arbeitet, um sein Schulgeld zu verdienen, anprangert. „Als Flade aufgefordert wird seine Tatmotive aufzudecken, schildert er die Hoffnungen, die die Jugend mit der Gründung der DDR verknüpft habe. Sie hätten in einer Demokratie leben wollen, (…), ohne verlogene Propaganda, ohne Spitzel, ohne Mitläufertum. Die Arbeitsbedingungen hätten human sein soll, die Presse frei und unabhängig. Das Gericht ist gezwungen, sich öffentlich die politische Realität anzuhören“, schreibt Katrin König.

Umso schockierter sind alle Beteiligten, als Flade nach zwei  Verhandlungstagen am 10. Januar 1951 wegen „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen in Tateinheit mit Betreibens militaristischer Propaganda, versuchten Mordes und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ zum Tode verurteilt wird.

Im Westen wird heftig protestiert, der Rias berichtet emotional. Bundesminister Jakob Kaiser spricht von einem „reinen Terrorurteil“, Konrad Adenauer bezeichnet das Urteil als „terroristische Handlung“. Selbst US-Präsident Harry S. Truman wendet sich mit einer Protestnote an Wilhelm Pieck. Die SED drängt daraufhin auf eine Revision, bei der das Oberlandesgericht schließlich das Strafmaß auf 15 Jahre Zuchthaus abmildert.

Karteikarte aus der Haftakte von Hermann Flade, 1950er Jahre. Foto: Lukas Verlag / BStU, MfS AST Leipzig, AIM 642/60

Zehn Jahre verbringt Hermann Flade in verschiedenen Zuchthäusern, erkrankt an Tuberkulose und überlebt die üblen Bedingungen langer Einzelhaft mit schweren gesundheitlichen Schäden nur, weil der Westen auf ihn schaut. Noch während der Haft verpflichtet Flade verpflichtet sich, weil er auf einen Einsatz im Westen hofft,  als MfS-Mitarbeiter, er soll Mithäftlinge aushorchen. „Ein wahnsinniges Spiel beginnt“, schreibt Katrin König. Doch die Stasi lässt sich durch seine frisierten Berichte nicht täuschen. Als Hermann Flade, seiner Jugend beraubt, schon längst nicht mehr an eine Begnadigung glaubt kommt sie. Der 28. November 1960 ist ein nasskalter Tag. Keine Nachrichtenagentur vermeldet die Entlassung des jungen Mannes, der nach mehr als zehn Jahren Haft endlich aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wird. 

Heirat von Hermann und Lisa Flade im Jahr 1966. Foto: Lukas Verlag / Privatsammlung Christine Hunger

Nachdem Flade sich in den Westen absetzen konnte, blieb der junge Oppositionelle weiter ein erbitterter Gegner des SED-Regimes. Er studierte Politische Philosophie, um seinem Handeln ein theoretisches Fundament geben zu können. 1968 arbeitete Flade als wissenschaftlicher Referent des Vereins für die Wiedervereinigung Deutschlands, ab dem Jahr 1969 als Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts. Doch auch in der BRD eckt er immer wieder an, steht in der Kritik, weil er dem umstrittenen Kreis der „Abendländischen Akademie" nahesteht. In diesem tummeln sich Ex-Nazianhänger. Hermann Flade, ein schwieriger Charakter, der Held und Anstoß zugleich ist, stirbt mit nur 47 Jahren an einem Schlaganfall.

Karin König: Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben, Lukas Verlag, 16 Euro