Lokführer Lars Heider (55) auf dem Bahnsteig des Ostbahnhofs. Er fährt bis nach Frankfurt/Oder. Und das energiesparend. Foto: Volkmar Otto

Ein schriller Warnton. Die Fahrt von Lokführer Lars Heider (55) vom  Ostbahnhof bis nach Frankfurt/Oder beginnt mit einem Feueralarm. Brennt jetzt der Regionalexpress? Nein. „Da hat nur jemand wieder auf der Toilette geraucht“, sagt Heider ganz cool und ruhig. Nach ein paar Anrufen hat er das Problem ausgemacht und behoben.

Der nächste Halt ist Ostkreuz. Lars Heider fährt seit Jahrzehnten Bahn, wirkt routiniert. Seit 20 Jahren bildet er auch Lokführer aus. Besonderes Augenmerk dabei: das Energiesparende Fahren. Die Lokführer der Deutschen Bahn sind seit einiger Zeit angehalten, auf der Strecke nicht zu scharf zu bremsen und ihre Züge in voller Fahrt auch mal rollen zu lassen, ihre Zeitreserven aufzubrauchen. Das heißt: Wenn es der Fahrplan zulässt, dürfen sie trödeln. Die Fahrweise spart Strom, schont das Klima und verursacht weniger Betriebskosten.

Was einfach klingt, ist fast eine Wissenschaft für sich. Denn die Pünktlichkeit darf darunter auf keinen Fall leiden! Schafft ein Lokführer drei Prozent der Fahrzeit so einzusparen, verbraucht er zehn Prozent weniger Energie. So geht die Rechnung.

An Bord hat Lars Heider außerdem ein Fahrzeitmesser, der jede Sekunde zählt und einen Energiezähler, der den Stromverbrauch misst. Foto: Volkmar Otto

Auf der Fahrt im Regionalexpress nach Frankfurt/Oder zeigt Lars Heider, wie es geht. Kurz hinter Erkner lässt er den Zug auf 160 km/h beschleunigen und geht dann komplett vom Gas runter. Der Eisenbahner sagt zum Gaspedal Zugkraft. „Eisen auf Eisen rollt gut“, meint der Lokführer wieder ganz trocken. Die Wagen, 500 Tonnen schwer, schieben jetzt seine Lok von selbst. Der Regionalexpress verliert so nur langsam an Geschwindigkeit. Die Tachonadel hält sich überraschend konstant.

Eine andere Methode: Zwischen den Stationen Fangschleuse und Hangelsberg entscheidet sich Lars Heider, die Höchstgeschwindigkeit nicht voll auszufahren und stattdessen das Tempo konstant zu halten. Seine Kollegen, die sonst auf dieser Strecke fahren, haben diesen Hinweis in einem Hefter festgehalten, den der Lokführer sich regelmäßig vornimmt.

An Bord hat Lars Heider außerdem einen Fahrzeitmesser, der jede Sekunde zählt und einen Energiezähler, der den Stromverbrauch misst. Heiders wichtigstes Instrument zum Energiesparen ist aber: die Elektro-Bremse seiner Lok. Mit der Bremse kann er „regulierend“ bremsen. Das bedeutet: Genutzter Strom kann in die Oberleitung zurückgespeist werden. Moderne Drehstromloks haben diese Bremstechnik. Die Bahn hat für die Region Berlin-Brandenburg in den letzten Jahren mehrere solcher Loks angeschafft. 

KURIER-Reporter Christian Gehrke (37) durfte mitfahren. Foto: Volkmar Otto

Das energiesparende Fahren bringt Ergebnisse, die sich sehen lassen können: In den letzten Jahren konnte auf der Linie nach Frankfurt/Oder etwa 34 Prozent Strom gespart werden. Das entspricht dem Verbrauch von fast 7000 3-Personen-Haushalten. Und das, obwohl Fahrgastzahlen steigen und für die Regionalzüge mehr Haltestellen dazugekommen sind.

Die Deutsche Bahn wäre nicht die Deutsche Bahn, wenn sie das Thema energiesparendes Fahren nicht besonders ernst nehmen würde. Es gibt zweimal im Jahr eine Fortbildung für die Lokführer. Wie viel Energie sie auf ihren Strecken verbrauchen,  wird recht akribisch gemessen. „Jeder kann seinen Energieverbrauch anhand einer anonymisierten Teamtabelle mit dem Energieverbrauch seiner Kollegen vergleichen“, sagt Mathias Lissner. Er ist zuständige Referent für Energieeffizienz. Dazu wurden auch Klimaanlagen, ein echter Energiefresser, in den Zügen optimiert. 

Um die Kunden  für das Thema zu begeistern, gibt es sogar den DB-Zug-Simulator fürs Handy. Wie viel Geld die Bahn so einspart, will sie nicht verraten.  

Zurück auf die Strecke: Lars Heider kann auf seiner Anzeige im Führerstand genau sehen, wie viele Kilowattstunden er durchs kluge Bremsen wieder gewonnen hat: 525. Fast 30 Prozent von der Menge an Strom, die er vorher verbraucht hatte.  

Auf dem Weg nach Fürstenwalde beschleunigt er den Zug noch mal auf Tempo 160 und lässt ihn kurz danach einfach rollen. Ganz von selbst. Der Zug hält das sieben Kilometer einfach so durch und Heider bleibt im Zeitplan. Aus der Ruhe lässt er sich nicht bringen, auch wenn wieder jemand auf dem Klo raucht.