Auf dem Gelände liegen in Schuttcontainern aufgerissene Säcke mit der Aufschrift: „Achtung: Inhalt kann krebserzeugende Faserstoffe freisetzen“. Stefan Henseke

Jedes Kind im Osten kannte die Flaschen, die hier vom Band liefen. Das Glaswerk Haidemühl, zehn Kilometer südwestlich von Spremberg, war der einzige DDR-Produzent von 0,5-Liter-Milchflaschen: 345.000 Flaschen, nicht nur für Milch, wurden täglich in der Glashütte gefertigt. Das Werk galt Ende der 1980er als eines der modernsten der DDR. Und heute? Alles verlassen, vergessen, verrottet. Die beiden weithin sichtbaren Schornsteine sind ein Orientierungspunkt aus der Ferne, doch aus der Nähe sieht man, dass das, was vor gut 30 Jahren eine florierende Fabrik war, nur noch eine Ruinenlandschaft ist. 1992 wurde die Glashütte stillgelegt. Ohne das Gelände ordnungsgemäß zu räumen: Zurück blieben Hunderte Tonnen Chemikalien, wie der KURIER jetzt entdeckte.

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Mit einer Drohne fotografiert sieht das riesige Areal fast malerisch aus. Im Hintergrund schaufeln sich riesige Tagebau-Bagger dröhnend durch den Braunkohleflöz. Gehöfte und ganze Dörfer mussten dem Tagebau Welzow-Süd weichen. Nur unweit vom „Aussichtspunkt Süd“ stehen auf beiden Seiten der L522 noch Ruinen.

Mit einer Drohne fotografiert sieht das riesige Areal fast malerisch aus. Im Hintergrund schaufeln sich riesige Tagebau-Bagger dröhnend durch den Braunkohleflöz. Picture Alliance/Andreas Franke

Links die Häuser des ehemaligen Dorfes Haidemühl, in dem die Fabrikarbeiter wohnten, auf der anderen Straßenseite die Glashütte, die Stück für Stück von der Natur zurückerobert wird. Viel Grün und Bäume umzingeln die verlassenen Fabrikgebäude. Eingestürzte Dächer, zerschlagene Fenster, umgestürzte Mauern, wohin man schaut. Die Tore stehen offen, auch die Türen im Gebäude zur Straße. Nicht ein Schild warnt vor dem Betreten des Geländes. Diese Ruinen im Landkreis Spree-Neiße gelten als beliebtes Ziel für Lost-Places-Fans, für Fotografen und Graffiti-Sprayer.

In den Werkhallen wurden bis 1992 Flaschen hergestellt. Die erste Haidemühler Glashütte wurde schon 1837 errichtet. Stefan Henseke

Das Ende von Haidemühl ist eine Geschichte, wie sie nach der Wende vielfach passierte. Eine funktionierende Fabrik wird von der Treuhand an einen Investor aus dem Westen verscherbelt. Doch statt zu investieren, werden die Maschinen abgebaut und verschwinden. Im Juli 1992 ist Schluss, 1280 Beschäftigte verlieren ihre Jobs.

Wohnten 1987 noch 832 Einwohner in Haidemühl, waren es knapp 20 Jahre später gerade noch 662 – 93 davon arbeitslos

Und damit beginnt der Niedergang des kleinen Örtchens, das von der Fabrik lebte. Als 1993 auch noch bekannt gegeben wird, dass Haidemühl dem Tagebau Welzow-Süd weichen soll, ziehen immer mehr Menschen weg. Wohnten 1987 noch 832 Einwohner in Haidemühl, sind es knapp 20 Jahre später gerade noch 662 – 93 davon arbeitslos.

Alle Tore stehen weit offen, kein Schild warnt vorm Betreten. Stefan Henseke

Bis 2006 sind die Einwohner umgesiedelt, zwei Jahre zuvor beginnen die Abbrucharbeiten. Doch das ehemalige Glaswerk bleibt unangetastet, weil die Eigentumsverhältnisse bis heute ungeklärt sind. Und damit bleiben auch die Rohstoffe, die einst zur Glasherstellung benötigt wurden, ungesichert auf dem Gelände zurück.

Säcke mit der Aufschrift: „Achtung: Inhalt kann krebserzeugende Faserstoffe freisetzen“

Betritt man das Gelände durch die Hofeinfahrt, fallen einem als Erstes zehn Gefahrgutcontainer für Sondermüll auf. In den feuerverzinkten Containern schwappt dunkles Schweröl herum, die Sicherheitsverriegelung steht offen. Am anderen Ende des Geländes stehen offene Schuttcontainer mit aufgerissenen Säcken und der Aufschrift: „Achtung: Inhalt kann krebserzeugende Faserstoffe freisetzen“. Wind und Wetter ausgesetzt, ist alles zu einer dunklen, ausgehärteten Masse zusammengelaufen.

Betritt man das Gelände durch die Hofeinfahrt, fallen einem als Erstes zehn Gefahrgutcontainer für Sondermüll auf. Stefan Henseke

In zwei benachbarten Lagerhallen mitten auf dem Areal stapeln sich Chemikalien. Hunderte Gebinde mit reinem Kaliumcarbonat (kann Haut-, Atemwegs- und Augenreizungen verursachen) –  jedes 1000 Kilogramm schwer. Hergestellt in Taiwan (Taiwan Pulp & Paper Co.) und Südkorea (Korea Potassium Chemical Co. Ltd.).

In den feuerverzinkten Containern schwappt dunkles Altöl herum, die Sicherheitsverriegelung steht offen. Stefan Henseke

Die Lagerhallen sind auch nur noch Ruinen, Teile der Dächer sind eingestürzt, es regnet rein, viele Gebinde sind aufgeplatzt. „Das Kaliumcarbonat sollte nicht in größeren Mengen auswaschen und in die Umwelt geschwemmt werden“, warnt Chemiker Dr. Ansgar Wennemer vom TÜV Rheinland. Denn trifft Kaliumcarbonat auf Wasser, entsteht eine alkalische Lösung, also eine Lauge. Unerklärlich auch, dass dieser Rohstoffschatz, und das ist er, hier verrottet. Eine Tonne Kaliumcarbonat kostet immerhin über 1200 Euro.

In zwei benachbarten Lagerhallen mitten auf dem Areal stapeln sich Chemikalien. Hunderte Gebinde mit hochreinem Kaliumcarbonat – jedes 1000 Kilogramm schwer. Stefan Henseke

Aber nicht nur Chemikalien, sondern auch das Vermächtnis der Glashütte wurde bei Schließung der Fabrik zurückgelassen. In einer Baracke neben den Lagerhallen liegen auf dem Boden unzählige historische technische Zeichnungen – unter anderem von den Flaschen, die hier einst entworfen und hergestellt wurden. Es ist eine Schande.

In einer Baracke neben den Lagerhallen liegen auf dem Boden historische technische Zeichnungen. Stefan Henseke

Wie es hier weitergeht? Die LEAG, der der Tagebau Welzow-Süd gehört, möchte hier Braunkohle abbauen. Aber bisher wurde mit dem Insolvenzverwalter des Geländes noch keine Einigung über den Kaufpreis erzieht. „Und deshalb sieht es hier so aus, wie es aussieht“, heißt es bei der LEAG.

In den Ruinen haben sich inzwischen Graffiti-Sprayer verewigt – wie hier der Berliner Street-Art-Künstler Tobo. Stefan Henseke

„Alt-Haidemühl ist ein absoluter Schandfleck. Wir Einheimischen haben uns wohl an das dortige Chaos bereits gewöhnt. Aber jeder Fremde wird doch durch diese Zustände vergrault“, sagte Birgit Zuchold, Bürgermeisterin der Stadt Welzow, wozu Haidemühl gehört, schon vor acht Jahren. Seitdem hat sich nichts getan – nur die Müllberge wurden höher. „Die Gemeinde will, dass die Altlasten endlich beräumt werden“, sagt die Bürgermeisterin heute.