Bela B. (l) und Farin Urlaub von der Punkrock-Band Die Ärzte singen. dpa

Den Text darf Farin Urlaub von der Band Die Ärzte nicht singen, Kinder und Jugendliche dürfen den Song nicht kaufen. Und doch kennen alle Fans den Song, singen bei Konzerten den Text mit, wenn die Band nur die Musik spielt. Bei „Geschwisterliebe“ der Band Die Ärzte geht es um Inzest, Sex zwischen Bruder und Schwester, unverhohlene Freude daran.  Aus dem Song darf öffentlich nicht mal zitiert werden, das wäre jugendgefährdend. Vor 35 Jahren, am 27. Januar 1987, kam das Lied deswegen auf den Index. Nicht der einzige Song, der auf dem Index steht. Die Liste ist lang – von Sido über Slayer bis zu den Böhsen Onkelz.

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Es geht um Schutz. Von Kindern und Jugendlichen sollen Dinge ferngehalten werden, die „ihren Reifungsprozess negativ beeinflussen können“. So will es das Gesetz, das „vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien“ nennt. Von der Vinylplatte bis zur Onlineplattform reichen solche Medien. Bei der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz landen diese Medien dann auf dem Index. Mancher Song verbringt Jahrzehnte auf der Liste und darf damit weder öffentlich gespielt noch an Jugendliche verkauft werden.

Die Ärzte 1987: Bela B, Hagen Liebing und Farin Urlaub Picture Alliance/United Archives

Ärzte Sänger Farin Urlaub: „Wir haben die Wucht dieses Inzest-Themas einfach völlig unterschätzt“

Beispiel „Geschwisterliebe“. Der Bannstrahl der Jugendschützer traf auch das Album „Die Ärzte“, andere Songs und Platten sowie das eigens daraus zusammengestellte Album „Ab 18“, das wie „Geschwisterliebe“ bis heute auf der Index-Liste steht. „Wir haben die Wucht dieses Inzest-Themas einfach völlig unterschätzt“, sagt der Texter des Songs und Ärzte-Sänger Farin Urlaub rückblickend. „So was wie Indizierungen kannten wir gar nicht, außer von irgendwelchen Gewalthorrorfilmen.“ Schlagzeuger Bela B sagt: „Dass dann auch noch unser Debütalbum indiziert wurde, war absolut als Exempel zu verstehen.“

Die damals noch junge Band stand damit kurz vor dem Aus. „Wir haben nach der Indizierung und vor allem aufgrund der danach erfolgten, aufsehenerregenden Beschlagnahmung unserer Alben in einigen Plattenläden von einem Tag auf den anderen keine Platten mehr verkauft“, erinnert sich Farin Urlaub. „Auch unsere nicht-indizierten Tonträger wurden von verständlicherweise verängstigten Plattenhändlern retourniert.“

Ein Mann hält das "Ab 18"-Album der Punkband "Die Ärzte" mit dem Song "Geschwisterliebe" in den Händen. Das Lied wurde zusammen mit dem ganzen Album "Die Ärzte» indiziert. Der Song ist bis heute auf der Liste jugendgefährdender Medien. dpa/Kalaene

Ganz anders bei einem ähnlich aufsehenerregenden Fall: Der meist als Vergewaltigungsfantasie interpretierte Song „Jeanny, Part I“ des österreichischen Sängers Falco (1957-1998) war 1985 zwar heftig umstritten und wurde auch von zahlreichen Radiosendern boykottiert. Die damalige Bundesprüfstelle setzte den Song aber nicht auf den Index, weil er keine eindeutigen Aussagen zu einem Sexualverbrechen enthielt. Das Lied konnte also weiter frei verkauft werden. Mit Erfolg, Falco hielt sich damit fast ein halbes Jahr lang in den zu der Zeit wirtschaftlich noch viel wichtigeren Charts.

Rammstein landete auf dem Index, auch Slayer und Slime

Viele große Namen finden sich im Lauf der Jahre auf dem Index ein. Slayer und Slime landeten dort, Rammstein war wegen des Sado-Maso-Songs „Ich tu' dir weh“ einige Zeit indiziert, die Böhsen Onkelz kamen genauso auf die Liste wie Sido. Für die häufig von sexualisierter Gewalt und Hass durchzogenen Lieder bei HipHop und Rap stehen Haftbefehl, Fler, Bushido oder Kollegah und Farid Bang.

Auch Texte des Berliner Rappers Sido stehen in Deutschland auf dem Index. Imago/Stamm

Ein Song oder Album darf laut Gesetz nicht „allein wegen seines politischen, sozialen, religiösen oder weltanschaulichen Inhalts“ auf die Liste gesetzt werden. Deswegen ist zum Beispiel rechtsextrem allein kein Kriterium.

Bund und Länder sitzen im Prüfgremium mit Expertinnen und Experten aus Kunst, Literatur, Buchhandel, Verlagen, Musik- und Videoanbietern, Jugendverbänden, Lehrerschaft oder Religionsgemeinschaften. Zunehmend wichtig ist dabei der Blick ins Netz. „Die Digitalisierung schafft Verbindungen und Plattformen in einer Geschwindigkeit, und in der Folge dann aber auch in einer Wirksamkeit, die vorher nicht vorstellbar war“, sagt der Direktor der Bundeszentrale, Sebastian Gutknecht, im hauseigenen Magazin.

90 Tonträger landeten 2020 auf dem Index

Die jüngste Statistik der Bundeszentrale weist 874 Verfahren für 2020 aus. In 472 Fällen wurden Medien auf die Index-Liste gesetzt. Der überwiegende Teil waren Online-Angebote mit 365 Verfahren. Auch 90 Tonträger waren betroffen. 34 Mal entschied sich das Prüfgremium gegen eine Indizierung. Bei 221 Fällen ging es um Streichungen, 143 Verfahren wurden eingestellt.

Rammstein war wegen des Sado-Maso-Songs „Ich tu' dir weh“ einige Zeit indiziert. dpa

Begründet wurde die Indizierung 195 Mal mit der Verwendung von NS-Gedankengut. Als Gründe genannt werden zudem Gewalt (184 Fälle), Kinder-, Jugend-, Gewalt- und Tierpornografie (151), einfache Pornografie (141), Nahelegen von selbstschädigendem Verhalten wie Drogen- und Alkoholkonsum oder Essstörungen (40) sowie „Anreizen zu Rassenhass“ oder Diskriminierung von Menschengruppen (je 13).

René Houareau, Geschäftsführer Recht und Politik beim Bundesverband Musikindustrie, sagt, der Verband könne die Entscheidungen nur zur Kenntnis nehmen. Die Institution sei jedoch essenziell, „wobei der Prozess der Prüfung, ob ein Produkt am Ende zu einer Indizierung führt oder nicht, häufig sehr lang erscheint, was über einen entsprechenden Zeitraum Unklarheiten für alle Beteiligten schafft“. Personelle und finanzielle Stärkung könnten Entscheidungen beschleunigen und „schneller Klarheit über die potenzielle Indizierung“ bringen. „So können die Jugendlichen schneller geschützt und ein Produkt im Fall einer Nicht-Indizierung auch schneller von der schwebenden Unsicherheit befreit werden“, sagt Houareau.

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Nach 25 Jahren ist Schluss mit dem Index, sofern es keine Folgeindizierung gibt - wie etwa bei „Geschwisterliebe“. Die Ärzte spielten den Song bei Konzerten ohne zu singen und mit Verweis auf die indizierten Liedzeilen - den Gesang übernahmen jeweils die Fans sehr textsicher. „Wir haben schnell beschlossen, nicht weiter darauf herumzureiten“, sagt Urlaub zu Folgen beim Komponieren. „Später haben wir lieber knapp an den Geschmacksgrenzen entlang provoziert, was aber nie wirklich eine strafrechtliche Relevanz hatte - weil so viel nun auch wieder nicht verboten ist in Deutschland.“