Die „Long Covid“-Patientin Birgit S. Sie arbeitete als Krankenschwester und infizierte sich 2020 mit dem Coronavirus und leidet seither an den Spätfolgen.
Die „Long Covid“-Patientin Birgit S. Sie arbeitete als Krankenschwester und infizierte sich 2020 mit dem Coronavirus und leidet seither an den Spätfolgen. dpa/Carstensen

Die Krankheit nach der Krankheit. Bis zu 15 Prozent aller Covid-Infizierten haben mit Long-Covid und zwei Prozent mit Post-Covid zu kämpfen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Durchschnittliche Dauer der Krankschreibung: 105 Tage. Birgit S. (29) ist eine der Betroffenen. Genesen von Corona, aber nicht gesund: Jetzt hofft eine junge Long-Covid-Patientin  auf Besserung. Ihr Reha-Alltag zwischen Duftproben und Virtual-Reality-Brille.

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Gliederschmerzen, Fieberschübe bei Belastung – und dann ist da diese bleierne Müdigkeit: Auch mehr als zwei Jahre nach ihrer Corona-Infektion hat Birgit S. mit starken Beschwerden zu kämpfen. „Seitdem komme ich nicht mehr richtig auf die Beine“, sagt sie. Bei immer mehr Menschen sorgen die gesundheitlichen Langzeitfolgen für großen Leidensdruck, Frustration und vor allem Ratlosigkeit, denn das Wissen zu Long Covid bleibt lückenhaft. Hilfe sucht die 29-jährige Birgit S. nun in einer stationären neurologischen Reha am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB).

Die „Long Covid“-Patientin Birgit S. bei der medizinischen Trainingstherapie mit der Sporttherapeutin Eva Brosch im UKB.
Die „Long Covid“-Patientin Birgit S. bei der medizinischen Trainingstherapie mit der Sporttherapeutin Eva Brosch im UKB. dpa/Carstensen

Nach Experteneinschätzungen ist die Frau eine von Hunderttausenden Betroffenen allein in Deutschland. Als Long Covid gelten generell Beschwerden, die länger als vier Wochen nach einer Infektion bestehen – als Post Covid, wenn sie länger als zwölf Wochen danach andauern. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Experten zufolge fallen zahlreiche Symptome darunter – viele gelten als moderat, andere können die Betroffenen auch stark im Alltag einschränken.

Im UKB: Für Birgit S. (29) ist es schon die zweite stationäre Reha

In einer Stellungnahme des Corona-Expertenrats der Bundesregierung von Mai heißt es, dass laut Studien die Mehrheit derer, die mit schwerem Covid-19-Verlauf auf Intensivstationen behandelt wurden, Langzeitkomplikationen entwickelt. Auch nach milder Infektion erfüllten zehn Prozent die Post-Covid-Kriterien.

Für S. ist es im UKB die zweite stationäre Post-Covid-Reha. Im Mai 2020 in der ersten Pandemie-Welle hatte sie sich mit Corona infiziert. Die Krankenschwester ist seither dauerhaft krankgeschrieben. Weil ihre Symptome so ausgeprägt seien, habe sie noch keinen Versuch starten können, wieder in ihrem Job anzufangen.

Lange Fehlzeiten bei Erwerbstätigen mit Long Covid sind tatsächlich nicht selten. Nach kürzlich veröffentlichten Versichertendaten der Techniker Krankenkasse haben länger anhaltende Beschwerden nach Corona-Infektionen zwar generell vorerst nur einen kleinen Anteil an Job-Fehlzeiten, Beschäftigte mit Long Covid fallen dann aber lange aus. Von Erwerbstätigen, die 2020 eine Corona-Diagnose mit PCR-Test bekommen hatten, war 2021 knapp ein Prozent mit Diagnose Long Covid krankgeschrieben. Die Krankschreibungen dauerten im Schnitt 105 Tage.

Birgit S.: „Ich schaffe es gerade mal so, den Alltag zu bewältigen!“

Was sich seit ihrer Infektion verändert hat? S. sagt: „Vor allem die Belastbarkeit ist sehr stark beeinträchtigt, ich schaffe es gerade mal so, den Alltag zu bewältigen.“ Im Haushalt müsse sie alle Pflichten aufteilen und brauche viel Unterstützung. Wenn sie zu viel mache, reagiere ihr Körper mit Fieberschüben. Zudem fühle sie sich ständig kränklich, habe Muskelschmerzen, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen und bekomme schlechter Luft.

Der Chefarzt für Neurologie am UKB, Ingo Schmehl, berichtet von mehr als 1000 Long-Covid-Fällen, mit denen er bisher am Klinikum zu tun gehabt habe. Unter ihnen seien alle Altersgruppen von Erwachsenen. Über 200 Symptome seien bekannt – auch er nennt etwa wie bei S. die körperliche und psychische Erschöpfung, sogenannte Fatigue-Symptomatiken, verminderte Belastbarkeit, Luftnot, kognitive Beeinträchtigungen und Geruchs- und Geschmacksstörungen. Auch bei Kindern und Jugendlichen müsse die Krankheit fokussiert werden.

Ingo Schmehl, Direktor der Klinik für Neurologie am UKB.
Ingo Schmehl, Direktor der Klinik für Neurologie am UKB. dpa/Carstensen

Diagnostik und Therapie erfolgten wegen des großen Symptomkorbs als Zusammenspiel verschiedener medizinischer Fachrichtungen, Therapeuten und der Pflege, erklärt Schmehl. „Die körperlichen und die psychischen Symptome und ihre Behandlung sind für uns immer gleichwertig.“ Schließlich sei der Leidensdruck teils immens, auch weil man nicht wisse, wie sich die Erkrankung jeweils entwickle.

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Frustration und die Suche nach Antworten – all dies habe sie erlebt, sich aber inzwischen so gut es geht mit ihrer aktuellen Situation arrangiert, sagt die 29-Jährige, die im Gespräch immer wieder vor Müdigkeit gähnen muss. „Ich bin schon lange in der Akzeptanz und habe das für mich angenommen, dass es momentan so ist.“ Von der Reha erhofft sie sich eine höhere Belastbarkeit und Schmerzverminderung.

Mit einer Virtual-Reality-Brille trainiert Birgit S. verschiedene Anwendungen und Spiele. Damit werden   Motorik, Sensorik und Konzentration gleichzeitig geschult.
Mit einer Virtual-Reality-Brille trainiert Birgit S. verschiedene Anwendungen und Spiele. Damit werden Motorik, Sensorik und Konzentration gleichzeitig geschult. dpa/Carstensen

Um das zu erreichen, ist der Therapie-Plan voll mit diversen Anwendungen zur Behandlung der vielen Symptome. So sind Psychotherapie-Stunden ebenso angesetzt wie digitale Therapie, medizinische Trainingstherapie an Geräten und mehr. Beispielsweise mit einer Virtual-Reality-Brille trainiert Birgit S. verschiedene Anwendungen und Spiele. Das macht nicht nur Spaß, sondern hat bei der Long-Covid-Therapie auch den Nutzen, dass viele physio- und ergotherapeutische Übungen möglich seien und Motorik, Sensorik und Konzentration gleichzeitig geschult werden könnten, erklärt Schmehl. So könne man sich individuell auf die Patienten einstellen.

Auch der Riechsinn muss wieder trainiert werden

Und auch Riechtraining steht auf dem Programm, um den in Mitleidenschaft gezogenen Geruchssinn wieder zu aktivieren: Die 29-Jährige riecht dazu an Duftstiften – etwa Eukalyptus oder Gewürznelke – morgens und abends je zweimal für mehrere Sekunden. „Ganz wichtig ist, dass das Riechtraining kein Sprint ist, sondern ein Marathon“, sagt Hals-Nasen-Ohren-Arzt Jonathan Koch. „Das dauert sicher mehrere Monate, bis da ein Effekt zu erwarten ist, weil Nerven einfach sehr träge sind und sich nur langsam regenerieren.“

Birgit S. (l) beim Riechtraining im Unfallkrankenhaus Berlin.
Birgit S. (l) beim Riechtraining im Unfallkrankenhaus Berlin. dpa/Carstensen

Geduld – die sei bei der Therapie der Corona-Langzeitbeschwerden nötig, sagt auch Schmehl. Besonders bei schneller Diagnostik und Therapie und vollständigem Impfschutz hätten Betroffene gute Chancen, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

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Zur Annahme, dass Impfschutz das Risiko für Langzeitfolgen nach Corona-Infektion generell klar verringert, herrscht Konsens in Expertenkreisen. Die Erkrankung stelle das Gesundheitssystem aber vor eine Mammutaufgabe. „Wir haben noch einen Riesenberg vor uns. Die neueren Fälle, da bin ich sehr optimistisch. Und bei den anderen versuchen wir das Mögliche.“