Frank Wernicke blickt trotz seiner schweren Belastungen positiv in die Zukunft. Foto: Thomas Oberländer/Helios-Klinikum

Das Schicksal hat Frank Wernicke gleich zweimal hintereinander hart getroffen. Erst kämpfte der 56-Jährige gegen den Blutkrebs und kurz danach verlor er auch noch den Menschen, der ihm in seinen schwersten Stunden den meisten Halt gab. Seine Ehefrau verließ ihn nach acht Jahren, er zog aus dem gemeinsamen Haus in Lichtenrade aus, um in Bad Freienwalde (Brandenburg) einen Neuanfang zu beginnen. 

Der Erzieher ist dabei, die letzten Umzugskartons in seiner neuen Wohnung auszupacken. Den Rest aus seiner Vergangenheit, den er mitgenommen hat. Es grenzt an ein Wunder, dass er das erleben kann. „Es war Zufall, dass die schwere Erkrankung bei mir entdeckt wurde und meine Rettung“, sagt Frank Wernicke. Vermutlich wäre er sonst heute nicht mehr am Leben, denn er litt an einem weit fortgeschrittenen multiplen Myelom, einer bösartigen Bluterkrankung und dritthäufigsten Art des Blutkrebses.

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2016 suchte der Vater einer erwachsenen Tochter wegen seiner Rückenbeschwerden einen Arzt auf. Da ihm zehn Jahre zuvor eine künstliche Bandscheibe eingesetzt wurde, verordnete der Orthopäde gleich ein CT. Nach der radiologischen Untersuchung erfuhr er, dass mit seiner Bandscheibe zwar alles in Ordnung sei, aber der Mediziner äußerte einen schrecklichen Verdacht: Krebs! Er entdeckte eine faustgroße Osteolyse, einen Knochendefekt. „Mein kompletter Oberkörper war schon von dem Knochenabbau betroffen“, sagt Wernicke. Er wurde sofort ins Krankenhaus überwiesen.

Im Helios-Klinikum Berlin-Buch, das auf multiple Myelome spezialisiert ist, wurde die niederschmetternde Diagnose dann bestätigt. „Es war ein Schock für mich und meine damalige Partnerin. Wir sind beide richtig zusammengebrochen“, erinnert sich Frank Wernicke an diesen schlimmen Moment. Doch er ließ sich nicht unterkriegen und stimmte sofort einer Chemotherapie nebst Bestrahlung und anschließender Stammzellentransplantation zu. „Meine Frau war meine große Stütze. Sie fuhr jeden Tag nach der Arbeit 90 Kilometer zu mir in die Klinik, um bei mir zu sein. Sie hielt meine Hand, wenn ich von den Nebenwirkungen der Chemo völlig erschöpft in meinem Bett lag und Angst vor dem Morgen hatte.“

Foto: Thomas Oberländer/Helios-Klinikum
Frank Wernicke im Gespräch mit seinem behandelnden Onkologen, Dr. Christian Eimermacher, im Helios-Klinikum Berlin-Buch.

Frank Wernicke muss sich überwinden, sich selbst Spritzen in den Bauch zu setzen, die dafür sorgen, dass sich seine Blutzellen wieder regenerieren und neue, gesunde Stammzellen bilden. Mit Erfolg. Nachdem ihm die eigenen Stammzellen entnommen und gesäubert wurden, konnten sie ihm wieder eingesetzt werden. Nach mehreren Wochen konnte er das Krankenhaus wieder verlassen und kam in eine Rehabilitationsklinik nach Ahlbeck. 

Ein Ort, der für ihn bis heute eine große Bedeutung hat. Dort konnte er in Ruhe Kraft tanken und sich von den Strapazen erholen. Immer, wenn er zwischen den Behandlungen Zeit hatte, ist er mit seiner Frau ans Meer gefahren. „Ich sehe die Ostsee, ich höre sie und dann setzt sofort die Entspannung ein“, erzählt er. Im Ostseebad gab sich das Paar auch am 13. Oktober 2017,  fünf Jahre nach ihrer Begegnung, das Jawort. 

Wie überlebt eine Beziehung den Krebs? Das rät Psychoonkologin Gritt Schiller (Helios-Klinikum Berlin-Buch): 

  • Der Patient verändert sich in der Zeit der Erkrankung.  Um ein gutes Miteinander wieder zu leben, braucht es Mut und einen guten Willen auf beiden Seiten.
  • In der Therapie kann es zu Abgeschlagenheit kommen; oft nur vorübergehend, dauert es länger an, ist eine psychoonkologische Beratung sinnvoll und auch, sich Hilfe bei einem Paar- oder Sexualberater zu holen.
  • Gemeinsam im Gespräch bleiben und auch wenn man Sorge hat, den anderen mit seinen Nöten und Ängsten zu belasten; das Schweigen vergrößert die Kluft zwischen den Partnern.
  • War die Partnerschaft vor der Erkrankung nur ein Zweckbündnis oder eine tragbare, vertrauensvolle Beziehung? Diese Frage ist ebenfalls entscheidend, wenn sich ein Paar in der Krise einer Krebserkrankung befindet.
  • Der gesunde Partner sollte seine eigenen Interessen nicht vergessen und Kontakt mit Freunden halten, um sich abzulenken, seelische Unterstützung zu erfahren und lachen zu können.
  • Als Partner auch den Mut haben, das veränderte Verhalten des kranken Partners anzusprechen und nicht alles zu akzeptieren und den „Mantel des Schweigens“ überzuziehen; nicht alles kann man und darf man mit der Krebserkrankung entschuldigen.
  • Spielregeln innerhalb der Partnerschaft ehrlich benennen und mitfühlend klären, ggf. mit dem Arzt darüber sprechen oder das Krisentelefon nutzen. Beratungsangebote für Angehörige und Selbsthilfegruppen nutzen.
  • Aufkommende Aggressionen durch Bewegung und sportliche Aktivitäten umlenken.

An dieser Stelle hätte die Geschichte eigentlich positiv enden sollen, tut sie aber leider nicht. Bereits drei Jahre nach der Hochzeit, als Frank Wernicke wieder auf dem Weg der Genesung ist, zerbricht die Ehe. „Die Belastungen waren zu viel für unsere Beziehung. Wir hätten uns gemeinsam Hilfe holen sollen“, sagt er. Während der Erkrankung habe er sich erst einmal nur auf sich selbst konzentriert, weil er so erschöpft gewesen sei. Hinzu kam, dass er von den Nebenwirkungen der Schmerzmittel (Opiate und Antidepressiva) sehr aufbrausend und unkontrolliert geworden sei. Sie hätten sich plötzlich sehr viel gestritten. „Ich habe meiner Frau viele verletzende Worte gesagt, die mir im Nachhinein sehr leid tun.“ Er habe sich dafür entschuldigt, aber sie hätten die Beziehung nicht mehr kitten können, da sie sich beide in unterschiedliche Richtungen entwickelt hätten. Das Paar hat sich vor ein paar Monaten getrennt.

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In seinem alten Beruf als Erzieher wird Frank Wernicke nicht mehr arbeiten können, da er aufgrund seiner Erkrankung frühberentet wurde. Er weiß nicht, ob der Krebs nicht eines Tages wieder zurückkommt. Auch sein Arzt kann ihm das nicht sagen. Die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs lege bei 85 Prozent, sagt Frank Wernicke. Doch er bleibt optimistisch. „Ich zähle zu den anderen 15 Prozent.“

Frank Wernicke ist in Bad Freienwalde, 56 Kilometer entfernt von Berlin, aufgewachsen und nun nach knapp neun Jahren dorthin zurückgekehrt. Die Heimat und die Menschen sind ihm noch vertraut, wie er sagt. Er geht gern im Wald spazieren, um Kraft zu tanken und sich abzulenken. „Ich nehme plötzlich viel mehr wahr und freue mich, wenn ich draußen den Schnee glitzern sehe und mir die Sonne direkt ins Gesicht scheint.“