Simone Fuchs bringt einem Jungen das Schwimmen bei. Wegen der Pandemie darf sie momentan keinen Schwimmunterricht geben. Foto: Privat

Immer weniger Kinder haben in diesem Jahr schwimmen gelernt. Grund dafür ist, dass die Bäder während der Pandemie geschlossen sind. Auch die privatbetriebenen Schwimmschulen von Camilla Kuppert und Simone Fuchs in Berlin und Brandenburg sind menschenleer. Sie fürchten nicht nur um ihre Existenz, sondern auch um das Wohl der Kinder, die in dieser Zeit auf ihren Schwimmunterricht verzichten müssen. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) spricht sogar  von einer dramatischen Entwicklung und sorgt sich wegen der mangelnden Schwimmkenntnisse um die Badesaison 2021.

Das leere Bad im Waldkrankenhaus in Spandau, wo Camilla Kuppert ihre Kinder unterrichtet.
Foto: Privat

Als sich Camilla Kuppert 2018 entschlossen hat, sich selbständig zu machen, waren ihre Schwimmkurse für Kinder sofort ausgebucht und sie musste eine Warteliste einrichten, wie sie sagt. „Der Bedarf war riesig“, so Kuppert. Fast zwei Jahre später um die gleiche Zeit blickt sie nun auf ein menschenleeres Becken. Das Schwimmbad des Waldkrankenhaus in Spandau, wo sie sich Bahnen für ihren Unterrichtet gemietet hat, ist bereits seit März geschlossen. Die zweite Schwimmschule, die Kuppert in Bad Bramstedt, in der Nähe von Hamburg betrieb, hat ebenfalls zu.

 Camilla Kuppert begleitet ein Kind bei seinen ersten Schwimmversuchen im Wasser.
Foto: Privat 

„Für mich ist das auch existenziell dramatisch“, sagt sie. Momentan muss die alleinerziehende Mutter einer Tochter (15) und eines Sohnes (6) das Geld für sich und ihre Kinder mit einem weiteren Job in einem Autohaus verdienen. Den Schritt in die Selbständigkeit habe die ehemalige Leistungsschwimmerin und DLRG-Rettungsschwimmerin aus Leidenschaft gemacht. „Ich hatte schon immer Freude am Schwimmen und Kinder liegen mir auch sehr am Herzen“, sagt sie. Beides zusammen sei eine tolle Kombination. Die Gründung der eigenen Schwimmschulen sei ihr Lebenswerk, da habe sie viel Kraft und Herzblut hinein gegeben. Doch sie stünde nun an einem Punkt, an dem sie ernsthaft überlege, ob es sich noch lohne, weiterzukämpfen. „Ich sehe kein Land in Sicht. Wenn es die nächsten Monate noch so weiter geht, dann geht mir die Kraft aus.“

Auch die beiden Schwimmschulen von Simone Fuchs (52), die sie in der Seniorenresidenz Augustinum in Klein Machnow und im Werner-Alfred-Bad in Potsdam betreibt, sind geschlossen. Das Problem: Die Bäder, in denen Fuchs und auch Kuppert ihre Schüler betreuen, gehören zu Pflegeheimen und Kliniken und dort herrschen noch strengere Beschränkungen als in den öffentlichen Bädern. Neben den eigenen Existenzsorgen machen sich die beiden Frauen besonders um die Schwimmfähigkeit des Nachwuchses Gedanken. „Es gab im vergangenen Jahr schon sehr viele Badetote. Ich möchte gar nicht wissen, wie es im nächsten Sommer aussieht“, erklärt Fuchs.

Das Problem sieht auch DLRG-Sprecher Achim Wiese. „Wir als DLRG schauen mit Sorge auf die kommende Badesaison“, sagt er. Besonders im Monat August habe es in diesem Jahr so viele Badetote wie seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Zum Vergleich: In ganz Deutschland ertranken 117 Menschen, 2019 waren es 45 Badetote. In Berlin ertranken in der vergangenen Badesaison 11 Menschen, neun mehr als im vergangenen Jahr. Nun käme die Pandemie noch erschwerend hinzu, weil in dieser Zeit immer weniger Kinder das Schwimmen lernten. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft befürchtet deshalb einen weiteren Anstieg der Ertrinkungstoten. 

Das Problem sei nicht nur der fehlende private Schwimmunterricht, sondern auch der an den Schulen. An den Grundschulen würden die Kinder üblicherweise in der dritten und vierten Klasse schwimmen lernen. Doch aufgrund der Pandemie hätten zwei komplette Jahrgänge in diesem Schuljahr gar keinen Schwimmunterricht. Anders als zu anderen Bundesländern, wie zum Beispiel Niedersachsen, findet in Berlin noch Schwimmunterricht statt. Allerdings nur Grundschulen, die im Corona-Stufenplan mit Grün, Gelb oder Orange bewertet werden. Weiterführende Schulen schränken schon ab der Stufe Orange das Schwimmen ein. Für den Vereinssport und der Öffentlichkeit sind die Bäder während des Lockdowns weiterhin nicht zugänglich.

Die Rahmenbedingungen für Schwimmunterricht seien auch vor der Corona-Krise bereits schlecht gewesen. Freie Wasserflächen seien für die Vereine schwer zu bekommen und es fehle auch am Fachpersonal. Die Wartelisten für die Kinder-Schwimmkurse seien bundesweit sehr lang und nun kämen für 2021 kämen dann auch noch die Anmeldungen aus dem Vorjahr hinzu. Er sagt: „Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Nichtschwimmer.“