„Kultur ist nicht nur eine Girlande, die wir uns hinhängen, sondern ein bedeutsamer gesellschaftlicher Beweger“, sagt Ulrich Khuon. Foto: Wächter

Seit Mitte März sind Opern und Theater in Berlin geschlossen und sie werden in dieser Spielzeit auch nicht mehr öffnen. Wie geht das Theater damit um? Was macht die mangelnde Öffentlichkeit und Nähe mit der Gesellschaft? Welche Parallelen gibt es zu dem Umbruch 89/90? Wir sprechen mit Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, am Telefon.

KURIER: Alle Berliner Theater sind seit über einem Monat geschlossen, ohne Aussicht auf Öffnung. Wie kommen Sie mit der Situation klar?

Ulrich Khuon: Mein persönlicher Gemütszustand schwankt zwischen Angriffslust und Enttäuschung. Als Intendant des Deutschen Theaters und als Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins  ärgert mich, dass die Theater und Opernhäuser in den Diskussionen über mögliche Öffnungen zunächst kaum vorkamen. Das finde ich katastrophal und bestürzend. Dies ist ein gesamtpolitischer Vorgang. Es ist mir schon klar, dass es nicht die Kulturpolitiker sind, die uns hängenlassen. Inzwischen gibt es Signale und auch Gespräche mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die die kulturelle Szene stärken könnten.

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Inzwischen gibt es Lockerungen: Autohäuser, Buchläden und kleine Geschäfte durften zuerst aufmachen. Das wirkte oft willkürlich.

Manche Schritte sind nachvollziehbar. Da gibt es Grundbedürfnisse, die diskutiert werden müssen, dazu gehören die Schulen, aber es gibt auch einen brutalen Wettbewerb der Wirtschaft, wer ist am wichtigsten? Eine Rolle spielt sicher, dass die Politik eine Botschaft an die Bürger senden wollte, deshalb dürfen auch Friseure und Baumärkte aufmachen. Künstler und Kunstorte müssen dahinter zurücktreten. Mich schmerzt, dass man  den meisten politischen Akteuren dabei keinerlei Bedauern anmerkt.

Theater und Kultur gelten eher als Luxus.

Wenn dem so ist, wäre es nicht nachvollziehbar. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus hatte ich den Eindruck, dass die Politik verstanden hat, wie wichtig Kunst und Theater dabei sind. Kultur berührt emotional, bringt Menschen ins Gespräch, sorgt für Vielfalt, rüttelt auf. Kultur hat ganz andere Möglichkeiten als Politik. Sie ist nicht nur eine Girlande, die wir uns hinhängen, sondern ein bedeutsamer gesellschaftlicher Beweger. Kunst und Kultur sind Überlebensmittel.

Kultur ist nicht nur eine Girlande

Ulrich Khuon, Intendant des DT

Gibt es Gespräche darüber, wann die Theater wieder geöffnet werden können?

Wir müssen abwarten, was nach den ersten Lockerungen passiert und wie sich das auf die Infektionszahlen auswirkt. Die Menschen haben ja ihr Verhalten stark angepasst, sind viel zu Hause, halten Sicherheitsabstand, tragen von sich aus Mundschutz. Wenn sich das bewährt, wäre das ein Signal, über weitere Öffnungen nachzudenken. Wir fragen uns natürlich, wie kann man den Theaterbesuch sicher machen? Indem man die Räume anders nutzt, mehr Abstand lässt, die Zugänge anders regelt. Die andere Frage ist, wie man auf der Bühne vorübergehend mit Abstand agiert. Wenn das nicht geht, muss man überlegen, dass man das Spielen durch regelmäßige Tests und andere Sicherheitsmaßnahmen so ungefährlich wie möglich macht. Ich würde für ein vorsichtiges Herantasten plädieren, mit anderen Formen des Zuschauens und Agierens. Mit der Parole „Alles oder nichts“ kommen wir nicht über die nächsten Wochen und Monate.

Fanden Sie die Maßnahmen bisher übertrieben?

Ich fand sie bis vor Kurzem nachvollziehbar und angemessen. Wir haben die Häuser in Übereinstimmung mit Politik und Wissenschaft geschlossen, auch als Zeichen der Loyalität. Die Entzweiung mit der Politik ist seit einigen Tagen im Raum, weil die Sphäre der Kunst übersehen wird. Zusätzlich kompliziert wird es durch die unterschiedlichen Gegebenheiten in den Ländern.

Sie sagen, Sie wollen überlegen, wie man Stücke vielleicht anders auf die Bühne bringt. Aber man kann sich jetzt nicht vorstellen, dass zum Beispiel Ihre Franziska Linkerhand mit Maske gespielt wird.

Es kann auch nicht sein, dass das Theater auf Dauer nur Inszenierungen produziert, die auf Abstand setzen. Ich bin sehr gespannt, inwieweit René Pollesch die Krise in sein neues Stück einfließen lassen wird, das Ende August Premiere hat. Er verhält sich ja immer reflektierend zum Zeitgeist. Es kann durchaus sein, dass das Thema des Abstands vorkommt. Vielleicht macht er das auch nicht, ich kenne das Stück noch nicht.

Wie geht es Ihrem Ensemble? Drehen die Schauspieler durch, weil sie nichts zu tun haben?

Das ist nicht so. Wir stellen fest: Wenn man weniger Verlässlichkeiten hat, muss man doppelt so viel kommunizieren. Deshalb gibt es doppelt so viel Arbeit für die Dramaturgie und die Leitung. Es gibt aber auch viele Ideen für digitale Angebote, wir haben ein Blog, bei dem verschiedene Formate ausprobiert werden und bei dem die Schauspielerinnen und Schauspieler eingebunden sind. Als Nächstes planen wir lebendige Inszenierungen im Netz, bei denen man genau weiß, das entsteht in dem Moment und kommt nicht aus der Konserve. Wir wollen zum Geburtstag von Dimiter Gotscheff das Stück „Die Hamletmaschine“ live streamen. Daneben gibt es ein paar Vorhaben, die das Momenthafte auch noch mal aufnehmen. Möglich sind in ähnlicher Weise auch Open-Air-Vorführungen vor dem Haus, mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen natürlich. Es gibt auch einen großen Bedarf an Austausch untereinander: Neulich hatten wir eine Ensemble-Versammlung über Zoom, die war sehr gut besucht.

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Halten Sie alle Treffen elektronisch ab?

Wir machen auch wieder Besprechungen im Theater. Bestimmte Diskurse kriegt man nicht hin, deshalb treffen wir uns auch wieder im kleinsten Kreis in echt, mit Sicherheitsabstand.

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk sagte kürzlich, sie könne mit den Einschränkungen gut leben, weil die Corona-Krise das Tempo aus unserer sehr hektischen Zeit rausnehme. Man könne sich auf das Wesentliche besinnen: Gesundheit, Familie. Können Sie das nachvollziehen?

Ich erlebe das extrem anders. Ich vertrete ein Haus, das 300 Mitarbeiter hat. Theater sind radikal soziale Gebilde, die auch die Aufgabe haben, in einer Stadtgesellschaft die fehlende Nähe wiederherzustellen. Das können wir gerade nicht, da entsteht eine Lücke. Aus ihrer Sicht als Schriftstellerin verstehe ich Olga Tokarczuk gut, aber ich glaube, dass die meisten Menschen andere Probleme haben, der eine ist erschöpft zwischen Home Office und Kinderbetreuung, die andere kämpft um ihre berufliche Existenz. Ich erlebe sehr viel Verstörung und Überbelastung.

Was kann man aus früheren Krisen und Umbrüchen lernen?

Eine Frage, die mich umtreibt ist ja, wie man Erfahrungen teilen und sie verstehen kann, auch wenn man sie nicht persönlich gemacht hat. Das beschäftigt mich, seitdem ich als Westdeutscher aus dem Schwarzwald an dieses traditionsreiche Haus im Osten Berlins gekommen bin. Mein Theatervorbild ist Peter Palitzsch, ein Brecht-Schüler und früherer Intendant des Berliner Ensembles. Er ist für mich ein Vorbild darin, wie man gesellschaftliche Veränderungen begleiten muss. Mich hat sehr beeindruckt, wie er in Frankfurt dem Bürgertum erklärt hat, was der Marxismus soll, und alle hörten gespannt zu. Es ist schon interessant, wie offen der Mensch sein kann, wenn er eingeladen wird etwas zu lernen und wenn man ihm das nicht eintrichtert. Wenn am Umbruch 89/90 einiges schiefgegangen ist, dann auch deshalb, weil er vom Westen in einer übergriffigen Weise in die Hand genommen und ausgedeutet wurde. Jetzt müsste man überlegen, wie man diese Fehler nicht wiederholt. Auch wenn die Situation heute nicht direkt vergleichbar ist.

Was hätte man 89/90 besser machen können?

Gerade in Umbruchzeiten muss man mehr kommunizieren, zuhören, achtsam sein, übrigens: in beide Richtungen. Es ist auch eine Frage der Erzählweise. Man hätte damals jedem Westler eine Art Grundkurs geben müssen. Jeder hätte sich beispielsweise die Wittstock-Trilogie des Dokumentarfilmers Volker Koepp ansehen müssen, ein eindringliches, fast unkommentiertes Erzählen einer komplexen Form, wie sich die Gesellschaft auch in Widerständen bewegt. Da hätte man so viel gelernt, bevor man besserwisserisch gleich die eigenen Muster auf anderes legt. Diese etwas überhebliche westdeutsche Art, jemand anderem gleich umfassend zu sagen, wo es langgeht. Das ist in keiner Beziehung hilfreich, nicht bei Privatbeziehungen und nicht zwischen Ländern, die vierzig Jahre lang unterschiedliche Wege gegangen sind.

Worum geht es in dem Film?

Koepp hat über viele Jahre die Mitarbeiterinnen eines Textilbetriebes in Wittstock begleitet, angefangen in den siebziger Jahren als junge Mädchen zu Beginn ihres Berufslebens. Man spürt, wie viel Kraft in diesen jungen Frauen steckt, wie sie mit Leitung umgehen, sie sagen: Es kann nicht sein, dass wir 23 männliche Direktoren haben. Man sieht, es war keine Geschichte eines braven, stillen, duldsamen Weges in einer Diktatur. Zum anderen erkennt man diese starke Verbindung zum Beruf, diese Intensität der Gemeinsamkeit. Die Firma wird dann nach der Vereinigung dichtgemacht, das zeigt der letzte Teil der Filmreihe. Die Frauen, die versucht haben, ihre Geschicke mitzugestalten, stehen vor dem Nichts. Eine zieht nach Heilbronn zu Verwandten, das ist wahrscheinlich schlimmer, als wenn sie nach Amerika auswandern würde, weil diese Mischung aus Nähe und Entfernung grausamer wirkt, als wenn man richtig fremd ist. Die anderen bleiben, aber es ist schon eine starke Resignation spürbar.

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Wenn diese Krise vorbei ist, worüber sollte Theater reden, was sind die Themen, die anstehen?

Das Interessante an der Extremerfahrung jetzt ist, dass wir sie alle machen. Ich beobachte, dass Menschen liebevoller miteinander umgehen, wenn sie sich begegnen. Davor gab es diesen Bruch, der durch die Gesellschaft ging, wo man sich nicht mehr zuhörte. Die Fragen, wie wir mit Fremdheit umgehen, mit Nationalismus, Kapitalismus, die werden uns weiter beschäftigen. Liberalismus und Individualismus haben abgewirtschaftet, also diese Idee: Wenn jeder selbst stark ist und sich um sich selbst kümmert, ist die Gesellschaft auch stark. Diese Ideologie der Ich-Stärke hat zu einer großen Schwächung des Einzelnen geführt, da bin ich ganz beim Soziologen Heinz Bude. Gerade die jungen Leute haben eine Sehnsucht nach Austausch und Nähe. Und deshalb wird uns das Thema Nähe sehr beschäftigen. Meine These ist: Die Körper lassen sich auf Dauer nicht isolieren.

Inwiefern?

Wir haben verschiedene Körperschwächungsprogramme hinter uns: Die Diskussion über Aids, über die Me-Too-Debatte, die sicher richtig und notwendig war und ist, die aber noch mal viele Menschen im Nebeneffekt unbeholfener und verklemmter gemacht hat. Jetzt haben wir eine Total-Isolierung, das funktioniert nicht. Der Mensch ist auf Nähe und Austausch angewiesen. Danach wird es exzessiv werden.

Woran denken Sie? Wird es Umarmungsfestivals geben?

Das mag lächerlich klingen: Aber warum nicht. Ich denke an die zwanziger Jahre mit ihrer Körperlichkeit, da gab es auch einen untilgbaren Hunger nach Nähe.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.