Kathleen Sudrow (36) auf einem Spielplatz in Marzahn-Hellersdorf.  Foto: Volkmar Otto 

Kathleen Sudrow ist 36, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Die Familie wohnt in Marzahn-Hellersdorf. Heute noch sind für sie und Freunde Stadtteile wie Charlottenburg oder Steglitz weit weg, die Wessis nach wie vor „anders“. In der Corona-Krise erlebte sie erstmals, wie es ist, sich unfrei zu fühlen.

Als die Mauer fiel, war Kathleen Sudrow ein Kind. Sie und ihre Eltern lebten jahrelang in Mahlsdorf-Süd unweit der Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert und dem Gutspark. „Es war ein Mehrgenerationenhaus“, sagt sie. Sie und ihre Eltern, ihre Großeltern sowie die Tante mit deren Familie wohnten unter einem Dach. „Das hat meinen Familiensinn geprägt, ich hatte eine wunderbar unbeschwerte Kindheit.“

Mahlsdorf war für sie ein Dorf. Es gab die Baggerseen, nette Ein- bis Zweifamilienhäuser, viele Felder und Wiesen, auf denen sie tollte. Bis zur Wende wurde in ihrer Nähe, auf dem Hultschiner Damm, im ehemaligen Kino Lichtburg das beliebte „Sandmännchen“ produziert. Heute befindet sich an der Stelle ein Supermarkt.

Ein Jahr vor dem Mauerfall zogen sie um – in eine der Plattenbau-Wohnungen, damals das Vorzeigeprojekt der DDR, die in den 80er-Jahren aus dem Boden gestampft worden waren. „Ich hatte endlich ein eigenes Kinderzimmer, das war wunderbar. Vorher lebten wir in einer Zweiraumwohnung, nun hatten wir drei Zimmer. Es gab eine Wanne, Küche und Toilette in der Wohnung.“

Ich habe die Wende verschlafen.

Kathleen Sudrow

Kathleen Sudrow war sechs, als Deutschland nicht länger geteilt war. Sie lächelt: „Ich habe die Wende verschlafen, es war weit weg für mich. Erst in der Schule habe ich davon erfahren.“ Damals interessierte sie anderes mehr – dass in der Grundschule der Sonnabend-Unterricht gestrichen worden war.

Kathleen Sudrow lebt immer noch in Marzahn-Hellersdorf. Sie sagt: „Der Westen ist nach wie vor weit weg.“ Fügt hinzu: „Es ist schon komisch, aber viele in unserem Freundeskreis sagen heute noch, sie hätten eine Tante in West-Berlin. Oder wenn wir in die Stadt fahren, heißt es, wir fahren rüber. Wenn wir überhaupt rüberfahren, meistens bleiben wir in unserem Teil. Es liegt wohl daran, dass uns das von unseren Eltern weitergegeben worden ist. Für sie war die DDR und die Wende eine prägende Zeit. Wir empfinden Menschen im Westen oft als anders, es existiert ein gewisses Misstrauen, weil viele Ostdeutsche sich nach wie vor abgewertet fühlen. Viele beklagen eine schlechtere Bezahlung. Obwohl, es ist nicht mehr so krass wie vor 15 Jahren. Der Unmut legt sich so langsam.“ Heute würde man einen Fremden nicht mehr fragen, ob er Ossi oder Wessi sei. „Man fragt nach dem Stadtteil, wo er herkommt.“

Die blonde Frau sitzt auf einem Holzlöwen unten im Hof an der Lily-Braun-Straße. „Ich denke aber, dass die nachfolgenden Generationen, wie auch meine Kinder, das überwunden haben. In 30 Jahren wird es hoffentlich kein Thema sein.“ Und was wünscht sie sich für die nächsten drei Jahrzehnte? „Auf keinen Fall Mauern, auch nicht in unseren Köpfen. Wir sind ein Land, auch wenn man noch unterschiedlich sozialisiert ist.“

Kathleen Sudrow mit ihren Töchtern Josephin (1) und Vanessa (4).  Foto: Volkmar Otto

Ihre Töchter Josephin (1) und Vanessa (4) schaukeln, rennen über die Wiese, lassen sich in den Sand fallen. Grün ist es zwischen den mehrgeschossigen Häusern, überall wachsen Bäume und Sträucher, es gibt Blumenbeete. „Wir fühlen uns hier wohl“, sagt sie. „Wir haben viele Möglichkeiten für die Kinder, die Kita ist in der Nähe, die Schule ebenso. Wir haben viele andere Eltern kennengelernt, die in unserer Nähe leben. Wir haben Supermärkte, Ärzte und Apotheken. Meine Tochter geht ein paar Häuser weiter in den Sportverein. Ich möchte das alles nicht missen.“

Kathleen Sudrow: „Marzahn-Hellersdorf ist nicht nur Platte, obwohl wir auch in dem Viertel wohnen. Wir haben sehr viele schöne Ecken, und es ist eine Familiengegend. Ich mag es nicht, wenn Menschen abfällig über den Stadtteil reden.“

Man wurde herumkommandiert, die Stimmung war gereizt.

Kathleen Sudrow über die Corona-Krise 

In der Corona-Zeit erlebte sie erstmals, was es bedeutet, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu sein. „Ich konnte das erste Mal nachvollziehen, wie es den Menschen zu DDR-Zeiten ergangen ist. Jetzt mit Corona zog sich eine unsichtbare Mauer um uns herum. Das war für mich ein Umbruch.“

Plötzlich stand sie täglich in irgendeiner Schlange. Vor dem Supermarkt oder der Apotheke. „Man wurde herumkommandiert, die Stimmung war gereizt“, sagt sie. Sie beobachtete eine Blockwart-Mentalität, die sie so vorher nicht kennengelernt hatte. Manchmal schien es ihr, als habe der- oder diejenige Spaß daran, andere zurechtzuweisen. Eine Freundin sei mal ohne Wagen einkaufen gegangen, an der Kasse wurde sie barsch aufgefordert, sich schnellstmöglich einen zu holen, sonst werde sie nicht abkassiert. „Wir alle wissen, wie wichtig es ist, dass sich Corona nicht verbreitet, aber der Ton macht die Musik.“

Ihre Eltern hätten sich an früher – vor der Wende – erinnert gefühlt. „Sie fingen an zu hamstern“, grinst sie. Toilettenpapier und Konserven. „Mein Mann arbeitet im Einzelhandel, er hat uns immer versorgt. Das hat meine Eltern beruhigt.“

Die Zeit hat auch viel Gutes zutage gelegt.

Kathleen Sudrow

Kathleen Sudrow arbeitet in einem chemischen Labor in Adlershof. „Wir haben ein Projekt von unserer Mutterfirma bekommen, bei der Impfstoffherstellung gegen Corona mitzuwirken. Doch bis der kommt, das dauert. Ich denke erst nächstes Jahr“, sagt sie. Bis dahin gelte es: Augen zu und durch.

„Die Zeit hat auch viel Gutes zutage gelegt“, sagt sie: „Wir haben in unserer Familie noch mehr zusammengehalten, sind enger zusammengerückt. Unsere Großeltern, die kaum mehr laufen können, haben wir täglich versorgt. Und Nachbarn haben Nachbarn geholfen, für sie eingekauft, ihnen zur Seite gestanden.“ Dann habe es aber ebenso Menschen gegeben, die sich gar nicht mehr gemeldet hätten. „Viele Kontakte waren eingeschlafen, weil viele wohl mit sich beschäftigt waren.“

Sie habe als Mutter zweier Kinder in den schwersten Lockdown-Zeiten oft nicht gewusst, wie sie alles stemmen soll, sie habe jeden Tag anders erlebt, musste immer spontan reagieren. „Wir durften nicht raus, haben uns in der Wohnung arrangiert. Meine Kleine brauchte sehr viel Aufmerksamkeit, dadurch kam die Große etwas zu kurz.“ Sie fügt hinzu: „Da hätte ich mich schon gefreut, wenn manche mal nachgefragt hätten, wie es uns geht.“

Ich habe viel nachgedacht, festgestellt, dass man auch mit wenig zufrieden sein kann.

Kathleen Sudrow

Corona habe ihre Einstellung zum Leben verändert, sagt sie. „Ich habe viel nachgedacht, festgestellt, dass man auch mit wenig zufrieden sein kann, dass man nicht jeden Tag shoppen muss, sondern schätzt, was man daheim im Kleiderschrank hat. Man muss nicht alles sofort kaufen.“ Das habe ihr klargemacht, wie gut es ihr eigentlich geht. Und welche Werte ihr wichtig sind. Zusammenhalt, gegenseitiges Helfen und füreinander da sein. Sie lächelt. Die Kinder werden quengelig, müssen gleich hoch, weil sie Hunger haben.

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