Jean-Peer Krause ist bei der Tatortgruppe des Kriminaltechnischen Instituts im Berliner Landeskriminalamt. Foto: Berliner Kurier

In der Küche brüllte Milan A. seine Frau an. Dann zog er ein Schubfach auf, griff ein Messer und stach auf sie ein. Immer und immer wieder. Nachbarn hörten den Lärm und riefen die Polizei zu dem Mietshaus im Norden Berlins. Nur mit Mühe konnten die Beamten Milan A. in der Wohnung überwältigen.

Auf dem Polizeirevier randalierte der Zwei-Meter-Mann, dessen Namen wir geändert haben, weiter. Polizisten mussten ihn festhalten, denn Jean-Peer Krause von der Tatortgruppe des Kriminaltechnischen Instituts im Landeskriminalamt musste seine Hände untersuchen. Die Pranken des Riesen waren mit Handschellen gefesselt, jeder seiner Unterarme wurde von zwei Beamten umklammert. Seine Hände steckten in Tüten. Polizisten hatten sie ihm in der Wohnung übergestülpt, um die Spuren an seinen Händen zu bewahren. Die Tüten sind aus Papier, weil Hände in Plastik schwitzen und dadurch die Spuren verändert würden.

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Es ist einer dieser Fälle, bei denen es darauf ankommt, das Brisante sofort zu erledigen, also die vergänglichsten Spuren zu sichern: die am Täter. Während die Polizisten den Mann umklammerten, klebte Krause ihm Spurensicherungsband auf die Fingerkuppen und drückte es unter die Fingernägel. Die Klebestreifen nahmen alles auf, was an den Fingern des Verdächtigen haftete, auch das Blut, das in winzigen Spuren unter einem Nagel festsaß.

Die Hilfsmittel der Spurensucher. Foto: Andreas Kopietz

„Nach dem Erlebnis in der Gefangenensammelstelle bin ich natürlich emotional vorbelastet zum Tatort gefahren“, sagt Jean-Peer Krause. „Doch das A und O ist, dass man seine Objektivität bewahrt.“ Inzwischen hat er sich einen weißen Einweganzug übergezogen, der steril in einer Plastiktüte verpackt war. Seine Handschuhe und Füßlinge, die Kopfbedeckung und der Mundschutz waren ebenfalls luftdicht eingeschweißt. Der Tatort soll nicht mit fremder DNA oder fremden Textilfasern kontaminiert werden.

Jean-Peer Krause, 50 Jahre alt, ist erfahren. Mit den Jahren bekam er ein Gefühl dafür, worauf er zu achten hat. Er lernte, tatbezogene Spuren zu erkennen, verborgene Spuren sichtbar zu machen und Abläufe zu rekonstruieren. In seinem Leben hat er schon Hunderte Orte von Kapitaldelikten gesehen. Und wenn er durch Berlin fährt, dann betrachtet er die Stadt manchmal nach Tatorten: Da war der Erhängte, da der Raubüberfall – da die Erstochene wie gerade hier im Norden Berlins.

Gläser werden von innen mit gespreizten Fingern angehoben

Der Notarzt hat die Wohnung inzwischen der Polizei übergeben. Er konnte der Frau nicht mehr helfen. Ihre Leiche liegt im Wohnzimmer auf dem Boden, aus dem Mund ragt der Beatmungs-Tubus vom Reanimationsversuch. Arme, Beine und Oberkörper sind übersät mit Stichwunden. Die Klebeelektroden am Brustkorb, die im Zimmer verteilten Erstversorgungs-Utensilien deuten auf die zurückliegende Schwerstarbeit des Arztes. Der aromatische Geruch frischen Blutes liegt in der Luft.

„In so einem Raum bewegen wir uns dort, wo ein normaler Nutzer nicht hintritt, zum Beispiel dicht an den Wänden entlang“, erklärt Krause das generelle Vorgehen. „Wir bewegen Gegenstände atypisch, um eventuell selbst verursachte Spuren deuten zu können und tatbezogene Spuren nicht zu verändern.“ So werden zum Beispiel Gläser von innen mit gespreizten Fingern angehoben, um die Spuren an der Außenseite nicht zu verändern.

Ein Messer mit blutsuspekten daktyloskopischen Spuren. Foto: Polizei

Krause stellt sich immer nacheinander in verschiedene Ecken des Zimmers und sammelt Eindrücke. Ist das Fenster angekippt? Wie riecht es? Dazu hebt er seinen Mundschutz etwas an. Relevant könnten zwei Weingläser auf dem Couchtisch sein, was darauf hindeutet, dass Opfer und Täter anfangs gemütlich beisammensaßen. „Bewirtungssituationen“ nennen Tatortermittler das. Hier würde es sich lohnen, Fingerabdrücke und DNA-Spuren an Gläsern, Flaschen und Besteck zu sichern. Auch Zigarettenreste im Ascher, der abgebissene Apfel oder die zerknüllte Serviette sind wertvolle Spurenträger und deuten auf die Anwesenheit einer Person hin.

Krause schreibt auf einem Klemmbrett auf, was er sieht, fühlt und hört. Die Kirchenglocke, die durch das angekippte Fenster zu hören ist. Das könnte relevant sein, wenn die Glocke vielleicht auch im Hintergrund eines aufgezeichneten Notrufes zu hören ist. Es könnte möglicherweise mit den Aussagen von Zeugen übereinstimmen. „Man muss den Tatort mit allen Sinnen wahrnehmen und ein Bauchgefühl entwickeln für das, was wichtig ist“, sagt Krause. „Das kann man erst, wenn man lange dabei ist und eine gewisse Lebenserfahrung hat.“

In der Wohnung, in der er jetzt steht, gibt es keine Weingläser. Die Frau hat offenbar ferngesehen, die Kissen des Sofas liegen an einer Seite und deuten darauf hin, dass die Tote ursprünglich dort gelegen hat. Hier wurden ihr auch die tödlichen Verletzungen zugefügt. An der Wand hinter dem Sofa sind große Blutflecken. „Ein schwallartiges Blutmuster“, wie Krause konstatiert. Es dürfte aus der verletzten Halsarterie geschossen sein. Auf der Sitzfläche sind blutige Handabdrücke, die offensichtlich von der Frau stammen. Die Faltenlage des Bezugsstoffes zeugt davon, dass die Frau auf den Boden rutschte. Das Küchenmesser, das unter dem Tisch liegt, hat Abstreifspuren mit Blut. Sie verlaufen nahezu parallel und reichen über die gesamte Klinge, was bedeutet, dass das Messer bis zum Heft im Körper der Frau steckte. Das Unterhautfettgewebe hat diese Streifen verursacht. An solchen Streifen ist zu sehen, wie weit eine Klinge in einen Körper eingedrungen ist.

Der Allrounder am Tatort

Um einen Tatort wie diesen lesen zu können, brauchen die Forensiker Geduld, Vorstellungskraft und einen Sinn für das Ganzheitliche. Krause, gelernter Fotograf, kam zur Polizei aus einem sehr persönlichen Grund: Seine Cousine war umgebracht worden. Im April 1999 las er in der Berliner Morgenpost eine Stellenanzeige. Die Polizei suchte einen Tatort-Fotografen. Damals stiegen noch zu viele Menschen am Schauplatz eines Verbrechens herum: der Fotograf zum Beispiel und der Ermittler, der die Fasern sicherte, und einer, der für die Fingerabdrücke zuständig war.

Der Neuling Jean-Peer Krause meinte aber, dass lieber wenige Spezialisten alle Bereiche der Kriminaltechnik bedienen sollten. Damals sei er belächelt worden, sagt er. Heute ist diese Praxis alltäglich. Krause machte eine dreijährige Ausbildung zum Tatort-Daktyloskopen und bekam ein entsprechendes Zertifikat vom Bundeskriminalamt. Er war einer der ersten Allrounder am Tatort. Heute bildet er im Rahmen eines Hochschul-Lehrauftrages angehende Kriminalkommissare weiter.

Nach einem Überfall auf einen Geldtransporter sichert eine Mitarbeiterin der Tatortgruppe Spuren an dem Fahrzeug. Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Im Durchschnitt wird die Tatortgruppe zweimal am Tag gerufen, nach Tötungsdelikten oder schweren Straftaten, bei denen das Interesse an der Strafverfolgung besonders groß ist, wie etwa dem Überfall auf einen Geldtransporter am 19. Februar am Kurfürstendamm. Dann rücken die Ermittler mit ihrem Einsatzfahrzeug aus, einem Mercedes Sprinter. Darin sind die Ausrüstung und Instrumente verstaut, die sie an den Tatorten brauchen. Drei dieser Transporter hat die Tatortgruppe. Sie sind höhergelegt und haben Allradantrieb.

Wenn die Spurensicherer kommen, wird der Tatort von ihnen gewissermaßen „eingefroren“. Denn vor ihnen waren schon andere da: der Finder der Leiche oder Ersthelfer, der Notarzt, Sanitäter, Polizisten. Viele Unbeteiligte haben trügerische Spuren hinterlassen. Aus diesen müssen die relevanten Spuren identifiziert werden. Deshalb wird zunächst auch kein Staatsanwalt zum Toten gelassen und auch der Rechtsmediziner kommt erst, wenn die Spuren gesichert sind. Aus diesem Grund hält Krause auch die meisten Krimis für Quatsch. Den ARD-„Tatort“ schaut er nur, wenn Til Schweiger mitspielt.

Erst werden die Spuren an der Leiche gesichert

Auch wenn jeder Tatort anders ist, gehen die Forensiker nach einem festen Schema vor. Zunächst dokumentiert ein Fotograf den Tatort. Er fertigt Übersichts- und Detailaufnahmen an. Dann montiert er eine Sphären-Kamera auf ein Stativ für eine 360-Grad-Aufnahme. Alles wird vor Gericht wichtig sein, wo der Tathergang rekonstruiert werden soll. Milan A. wütete in einem verwahrlosten Haushalt.

Die Spurensicherer bedienen alle Bereiche des Kriminaltechnischen Instituts (KTI): etwa die DNA-Analytiker, die Daktyloskopen, die Textilkundler, die Chemiker. Zunächst müssen die Spuren an der Leiche gesichert werden. Die Hände der Toten werden auf Abwehrspuren untersucht; mit Watteträgern wird DNA und mit Klebestreifen werden die Partikel an Fingern und Nägeln abgenommen.

Mit einer Infrarotkamera können Blutspuren sichtbar gemacht werden. Foto: Bastian Thiery

Krause und Kollegen kleben auch Streifen für Streifen auf den Oberkörper und die Gliedmaßen. Die Streifen werden nummeriert, um sie später der Körperstelle zuordnen zu können. Beim Abreißen bleiben auf der Klebefläche DNA, Hautschuppen, Härchen und Textilfasern haften – auch jene, die der Täter hinterließ. Die Streifen werden in die KTI-Abteilungen geschickt.

So untersuchen Sachverständige für Textilkunde die auf den Streifen haftenden Textilfasern unter anderem durch ein Mikroskop mit tausendfacher Vergrößerung. Sie schauen auf die Farbdetails der Fasern, vermessen deren Länge und Form und bestimmen ihre Beschaffenheit. Sie ermitteln Färbungen, chemische Behandlungen und die Rohstoffe, aus denen die Fasern bestehen. Textilien verlieren mit der Zeit ihre Farbe, Fasern werden spröde. Und so wird ein Kleidungsstück allmählich immer individueller, keines ist wie das andere. Sogar Polizeiuniformen lassen sich unterscheiden. Über Fasern lässt sich rekonstruieren, wo sich jemand aufgehalten und bewegt hat. So ist erkennbar, an welchen Stellen das Opfer vom Täter berührt wurde. Die bordeauxroten Polyacryl-Fasern vom Pullover, den Milan A. während der Tat trug, befinden sich auch auf dem T-Shirt der toten Frau.

Pinsel mit Haaren von weiblichen Füchsen

Die Analyse des Blutes, das Milan A. unter den Fingernägeln hatte, ergibt die entscheidende „Kreuzspur“: Es ist das Blut der Getöteten. Damit ist der Beweis erbracht, dass der Mann zur Tatzeit am Tatort war. Das Blut ist auch an seinem Pullover. Noch so eine Kreuzspur.

Nach der Sicherung an der Leiche müssen die relevanten Spuren in der Wohnung genommen werden. Fingerabdrücke werden mit Ruß- und Eisenpulver sichtbar gemacht, indem sie mit einem feinen Zephyrpinsel oder einem noch feineren Pinsel mit Haaren von weiblichen Füchsen oder mit einem Magnetstab bestrichen werden. Dann werden auch sie mit Klebestreifen abgenommen.

Foto: Berliner Zeitung/Andreas Kopietz Die Hilfsmittel der Spurensucher.

Jeder Mensch hinterlässt Abdrücke von Schuhen, verliert Haare und Speicheltropfen, schon wenn er durch einen Raum hindurchgeht. Hunderttausende Hautzellen sind es am Tag. Was den Forensikern entgeht, das entgeht später jenen, die be- oder entlastende Beweise gegen einen Verdächtigen würdigen müssen. Und somit auch dem Gericht. Oft wird sogar der Müll untersucht, die Toilette und das Waschbecken. Vielleicht hat sich der Täter die Hände gewaschen.

Blut-Moleküle fangen an, blau zu leuchten

Im wahrsten Sinne des Wortes bringen die Ermittler Licht ins Dunkel – mittels forensischer Lampen. Mit Licht unterschiedlicher Wellenlängen können sie Sekrete, Substanzen und Fasern sichtbar machen. Mit einem sogenannten Querschnittswandler können sie jedes Haar, jedes Staubkorn, jede Schuppe entdecken. Die Tatortleuchten werfen ein extrem schräges Streiflicht in verschiedenen Farben und machen jede Erhabenheit sichtbar.

Im Spielfilm schalten Kommissare blaue Lampen an, um weggewischtes Blut zu finden. Doch in der Realität funktioniert das anders. Um latentes Blut zu finden, dunkeln die Forensiker die Räume ab und versprühen Luminol. Dieses Aerosol macht Blut auch sichtbar, wenn es weggewischt wurde. Wo mikroskopisch kleine und latente Blutspuren sind, beginnen die Moleküle blau zu leuchten. Sie werden dann mit einer langen Belichtungszeit fotografiert. Seit einiger Zeit verfügen die Forensiker über eine Infrarotkamera mit Restlichtverstärker, die Blut sichtbar macht, wenn es an einem dunklen Untergrund haftet.

Mit einer Reagenz namens Leukomalachitgrün können die Forensiker einen Schnelltest vornehmen, wenn sie etwa winzige Blutspritzer gefunden haben. Verfärbt sich die Substanz dunkelgrün, ist es Blut. Immer wenn Krause einen Blutnachweis führen muss, braucht er Referenzblut, um zu sehen, ob der Test auch funktioniert. Bevor er es im Einsatzfahrzeug aus den hinteren Schubfächern gekramt hat, beißt er sich einfach auf die Lippe. Sein eigenes ist dann das Referenzblut.

Die Sachbeweise, Zeugenaussagen und das Geständnis führen zur Verurteilung

Letztendlich finden sich auch am Griff des Messers, mit dem Milan A. die Frau erstochen hat, in Blut gegriffene Fingerabdrücke von Papillarleistenstrukturen. Sie werden gesichert und von den Daktyloskopen mit denen des Täters verglichen. „Der allgemeine Papillarlinienverlauf und die vorhandenen anatomischen Merkmale stimmen in Form und Lage zueinander überein“, heißt es dann im späteren Gutachten.

Die Fingerabdrücke, die Faserspuren und die DNA von Milan A., die die Tote unter den Fingernägeln hatte und die von einem Abwehrkampf zeugen – dies alles sind Sachbeweise, die neben den Zeugenaussagen der Nachbarn und schließlich dem Geständnis von Milan A. zu seiner Verurteilung wegen Totschlags führen.

Wenn Jean-Peer Krause nach solchen Arbeitstagen Feierabend hat, setzt er sich in sein Cabrio und fährt mit offenem Verdeck nach Hause. Dabei hört er klassische Musik. „Ich lasse mir dabei den Wind um die Nase pfeifen, damit sich der Schalter umlegt. Auch im Winter“, sagt er.

Am Tatort funktioniert er professionell. Und doch gehen diese Dinge nicht spurlos an ihm vorbei. Wenn er dann daheim ist, merkt er, dass sich manche Bilder eingebrannt haben. Wenn er vor ein paar Stunden noch einen tiefgefrorenen Kopf aus einer Tiefkühltruhe geholt, ausgepackt und in den Händen gehalten hat. Oder wenn wieder ein Kind umgebracht wurde. Und er sagt, dass seine Arbeit getan werden müsse. Krankenschwestern und Pfleger zum Beispiel hätten doch einen viel härteren Job. „Denen zolle ich höchsten Respekt.“