Friedrich Christian Delius ist tot. Er starb im Alter von 79 Jahren in Berlin. dpa/Jens Kalaene

Mit seinen Geschichten hat er die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erforscht. Jetzt ist der Lyriker, Erzähler und Romanautor Friedrich Christian Delius tot. Berlin verliert mit ihm eine streitbare und starke Stimme.

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius starb am Montag im Alter von 79 Jahren in Berlin. Das teilte der Rowohlt-Verlag am Dienstag mit. Delius gehörte zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Er wurde 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Der Schriftsteller war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Berliner Rowohlt-Verlag würdigte Delius als herausragenden Chronisten seiner Zeit. Dessen in rund zwanzig Sprachen übersetzte Romane und Erzählungen spiegelten deutsche Geschichte und ließen wichtige Zäsuren nach dem Zweiten Weltkrieg lebendig werden, so der Verlag.

„Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ etwa sei an das sogenannte „Wunder von Bern“ von 1954 geknüpft. Die Deutsche-Herbst-Trilogie erinnere an den RAF-Terror. Delius verarbeitete demnach überdies die Erfahrung der deutschen Teilung und die deutsche Wiedervereinigung.

Friedrich Christian Delius schrieb rund 35 Bücher

Der Erzähler und Poet habe sich in seinen rund 35 Büchern durch Vielseitigkeit und die Musikalität seiner Prosa ausgezeichnet, hieß es. Er sei Mittler zwischen Ost und West gewesen, der unter anderem als Lektor wie wenige andere geholfen habe, Autoren aus der DDR im Westen bekannt zu machen.

Delius wurde 1943 in Rom geboren, wo sein Vater Pfarrer der Deutschen Evangelischen Kirche war. Nach Kindheit und Jugend in Hessen veröffentlichte er im Alter von 18 Jahren erste Gedichte. Ein Jahr nach dem Abitur stieß er zur „Gruppe 47“ um den Schriftsteller Hans Werner Richter (1908–1993). Seit 2013 lebte er in Berlin, wo er in den 60er-Jahren Germanistik studiert und sich 1971 zum Doktor promoviert hatte.

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Delius war etwa fünfzig Jahre lang Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, bis er am 16. Mai 2022 im Zuge der Diskussion um Deniz Yücel seinen Austritt erklärte.

Seine Arbeit erklärte Delius in einem dpa-Interview einmal so: „Ich versuche, Fragen, die ich an bestimmte Aspekte unserer Gegenwart oder historische Ereignisse habe, zu beantworten, indem ich Figuren losschicke, auf Expeditionen gewissermaßen. Ich versuche, hinter Schlagzeilen, Formeln und Vorurteile zu gelangen, zu möglichst differenzierten Wahrnehmungen durch möglichst subjektive Sicht.“

Zu seinem Tod würdigte der Verlag sein Werk, es sei „von großer Beständigkeit, von großer Klarheit und Kraft“. Für Rowohlt-Berlin-Verleger Gunnar Schmidt, der auch sein Lektor war, war er ein Autor mit Neugier auf die Welt – mit Fantasie, Intuition und Menschenkenntnis. „Seine Stimme wird fehlen.“

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hob hervor, im Schaffen von Delius spiegele sich die deutsche Geschichte. „Seine Werke zeichnen sich durch intensive Sprachkraft und klare Haltung aus: gegen Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit, gegen Opportunismus und Konformismus.“ Sein Tod sei ein großer Verlust für die deutsche und europäische Literatur. „Wir werden ihn sehr vermissen, seine Werke werden uns noch lange beschäftigen.“