Thomas Baumann schließt den Vorhang im Blauen Stern. Vier Wochen Spielpause stehen den Kulturbetrieben der Stadt bevor. An diesem Wochenende kann man sie noch einmal mit Vorsicht genießen.

Foto: BK / Carsten Koall

Am Sonntagabend nach der letzten Vorstellung wird Thomas Baumann die Heizung im Kino herunterdrehen und die Beleuchtung draußen an der Fassade ausschalten. Das Popcorn in Tüten wird verkauft sein, der Schlüssel wird sich  im Schloss drehen. Zappenduster im Blauen Stern, in der Stadt - wieder einmal. Der letzte Vorhang fällt in den Theatern, Schwimmer tauchen für mindestens vier Wochen zur letzte Wende im Chlorbecken ab. Was man auch vorhat an diesem Wochenende: Für einige wird der Countdown zum Lockdown von Wehmut begleitet sein, andere bevorzugen die trotzige Jetzt- aber-nochmal-richtig-Attitüde.

Bei perfektem Kinowetter, Regen und zehn Grad sitzt an diesem Vormittag eine Schulklasse mit Masken und Abstand im Blauen Stern und schaut„ Jim Knopf“. „Im Oktober kamen vor allem die Kinder“, sagt Thomas Baumann. Sein Publikum hat ihm, nachdem er vor drei Monaten unter Corona-Bedingungen wieder öffnete, treu die Stange gehalten. „Die Leute haben sich an alle Regeln gehalten, wir haben ein gutes Hygienekonzept umgesetzt“, sagt Baumann, dessen Kino zur Yorck-Gruppe gehört. Ihm fällt es sichtlich schwer, die erneute Schließung zu verstehen. Wie ihm geht es auch die Kinofans, die seit Mittwoch, als der neuerliche Lockdown für alles was Spaß macht, verkündet wurde, Tickets en masse reservieren: Einige Vorstellungen für das Wochenende sind im Stern schon ausverkauft.

Ein letztes Bier im Stehen

Ausverkaufen muss auch Ulrike Genz. Sie ist die Chefin in der Schneeeuele, einem Salon für Berliner Bierkultur in der Ofener Straße im Wedding. Zwei Fässer Berliner Weiße müssen vor dem Lockdown noch geleert werden. „Kommt vorbei und helft uns, wir können angesichts des neuerlichen Lockdowns jeden Cent gebrauchen“, schreibt Ulrike Genz, an ihre Facebook-Fans. Es gibt 20 Prozent Rabatt. „Hopfige Biere sind frisch einfach besser“, sagt Genz und halbe Fässer seien sowieso schlecht. Dass sie nun schon wieder schließen muss, ist ärgerlich, aber eben nicht zu ändern. „Wir haben ja erst im September aufgemacht.“ Einer ihrer Mitarbeiter hat ausgerechnet am Montag seinen ersten Arbeitstag. „Wir sind spitze, was das Timing angeht“, sagt Genz. Aber: „Wir kommen da schon durch.“ Gestern schon hätten sie einen guten Tag gehabt, wenn das Wetter schöner werde, kämen am Wochenende ganz sicher noch einige Kunden und tränken an der frischen Luft ein letztes Bier im Stehen. Decken hat die Schneeeule zum Einkuscheln bereit gelegt. Man muss ja nicht auf den letzten Metern ein Superspreader-Ereignis provozieren.

Ulrike Genz vor ihrem erst kürzlich eröffneten Biersalon Schneeeule. Foto: Schneeeule

An diesem Wochenende scheiden sich in der Stadt die Geister. Die einen sind wie ein Raucher, der, bevor er auf Entzug geht, noch einmal hastig eine ganze Schachtel raucht. Die anderen gehen den bevorstehenden Lockdown an wie eine Fastenkur. Zu Beginn macht man dort einen Entlastungstag, fährt runter und reduziert Genussmittel, bevor es eine Zeit lang gar nichts mehr gibt oder nur Suppe. Die Durststrecke im November ertragen und Freizeit sinnvoll gestalten, heißt es nun. Für manche ohne das geliebte Hobby.

Auch in den Berliner Bädern gehen für einen Monat die Lichter aus. Wer am Wochenende noch einmal abtauchen will, muss nun schnell sein. In den meisten der Bäder sind die Online-Ticketkontingente bereits ausgebucht. Das sei aber wegen der geringeren Belegung keine Seltenheit, sagt eine Sprecherin. An den Kassen gibt es jeweils zu Beginn noch Karten für das jeweilige Zeitfenster am Wochenende. Wer zuerst kommt, taucht noch einmal ab. Dann aber werden ab Montag einige Bäder bis zum 30. November 2020 in einen Winterschlaf geschickt. Die Heizung wird heruntergedreht und das Wasser kühlt von derzeit 28 Grad Celsius auf 18 Grad ab. Die monatlichen Wasserproben werden weiter durchgeführt, alle 72 Stunden werden die Leitungen gespült. 

Andere Bäder wiederum bleiben in Betrieb: Da die Schulen geöffnet bleiben, kann auch das Schulschwimmen weiterhin stattfinden – jedenfalls für jene Grundschulen, die im Corona-Stufenplan mit „Grün“, „Gelb“ oder „Orange“ bewertet werden. Die Farben des Corona-Herbstes.

Im finsteren Wald, da leuchtet ein Licht

Wie bunt es am Wochenende ein letztes Mal im FEZ in Köpenick zugeht, wissen alle, die mit ihren Kindern schon einmal dort waren. Die Halloween-Party ist längst ausgebucht, an beiden Tagen finden in dem Freizeitzentrum magische Märchentage statt. Das Motto „Im finsteren Wald, da leuchtet ein Licht“ kann man sich am besten gleich für die kommenden Wochen notieren. Immerhin dürfen in Berlin auch im November Kindergeburtstage und Sport in kleineren Gruppen draußen stattfinden. Für Kinder unter 12 Jahren gelten die Kontaktbeschränkungen nicht.

Der letzte Vorhang also. Am Sonntagabend fällt er in allen Theatern der Stadt - auch am ausverkauften Berliner Ensemble. In Schüben mit zehn Minuten Abstand werden dann die letzten Zuschauer aus Parkett, erstem und zweitem Rang in den regnerischen Berliner Abend treten. Sie werden „Gott“ von Ferdinand von Schirach gesehen haben. Dann heißt es: Durchatmen und dann durchhalten. In vier Wochen ist der erste Advent und wir werden klüger wissen, ob all der Verzicht geholfen hat.