Vanessa G. hat eine monatelange Arzt-Odyssee hinter sich, bis schließlich ein Spezialist die Ursache ihres Leidens herausfand. Foto: Gerd Engelsmann

Als vielseitig begabte Bühnen- und Kostümbildnerin und lebensfrohen Menschen, mit dem man durch dick und dünn gehen könne und der viel Lebenskraft habe, so sehen Freunde sie. Doch im Sommer 2019 nimmt diese Lebenskraft ganz  plötzlich ab. Die Berlinerin Vanessa G. baute gesundheitlich rapide ab. Sie bekam Herzrasen, Gliederschmerzen, starke Schmerzen im Unterleib, einen Tinnitus und Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen und entwickelte eine Schlafstörung. Das Paradoxe: Die 45-Jährige suchte einen Arzt nach dem nächsten auf, doch niemand konnte ihr helfen. Am Ende landete sie sogar in einer psychiatrischen Klinik und kämpfte später auch noch gegen Corona. Im KURIER erzählt sie von ihrer unglaublichen Leidensgeschichte, die sich schließlich als chronische Mischinfektion, herausstellte, die durch verschiedene Erreger von Zecken übertragen werden kann.

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Vanessa G. bei einem Workshop mit Kindern im Rahmen der Ausstellung „Food for the Eyes“. Bis vor ihrer Erkrankung war sie noch voller Energie und ging in ihrem Job auf. 

„Es gab Momente, da dachte ich, das überlebe ich nicht“, sagt Vanessa G. Das Drama begann mit mehreren Erkältungen im Sommer, die sie in wöchentlichen Abständen bekam, sowie einer schweren Gastritits; die Probleme dauerten über Monate an und machten sie schlapp und leistungsschwächer. Das sei völlig untypisch für eine Sportlerin wie sie gewesen, die sich in ihrer Freizeit regelmäßig mit Kajakfahren und Aikido körperlich fit hielt. Doch je mehr Symptome hinzugekommen seien, desto auffälliger sei gewesen, dass etwas nicht stimmte, so erzählt sie. Plötzlich habe sie jede Nacht starkes Herzrasen bekommen und permanent schlaflos in ihrem Bett gelegen. Zudem brach ihr Kreislauf ständig zusammen. Als sie dann auch noch bei ihrer Hausärztin mehrmals umkippte und über starke Thorax-Schmerzen klagte, sei die Medizinerin sehr besorgt gewesen und habe sie das erste Mal ins Krankenhaus eingewiesen. Die Ultraschall-Untersuchungen und Magenspiegelungen hätten allerdings keinen Befund ergeben, obwohl auch noch starke Schmerzen im Unterleib und Kribbeln in den Beinen hinzugekommen seien und die Herzinfarktwerte für kurze Zeit erhöht gewesen seien. Daraufhin hätten die Ärzte sie nach vier Tagen wieder entlassen. 

„Es gab Momente, da dachte ich, das überlebe ich nicht“

Doch die Beschwerden ließen nicht nach, sondern nahmen sogar noch zu. Die Hausärztin habe sie noch mehrmals in Kliniken einweisen lassen. Doch jedes Mal sei sie in den Rettungsstellen zwar untersucht, aber ohne Befund wieder nach Hause geschickt worden. Aus lauter Hilflosigkeit und Verzweiflung habe sie sich dann selbst eine psychosomatische Klinik gesucht und sich dort von ihrer Hausärztin einweisen lassen. „Ich habe die starken Symptome gespürt und wusste intuitiv, dass ich körperlich krank war, aber niemand fand heraus, was es war.“

Ihr körperlicher Zustand habe sich dort aber noch weiter verschlechtert. „Ich habe nur noch eine Stunde pro Nacht geschlafen und immer weiter abgebaut“, so Vanessa G. Die Ärzte hätten nach ihren Angaben auch nicht gewusst, wie sie sie unterstützen sollten und hätten ihr zwei starke Psychopharmaka gegeben. „Ich konnte gar nicht mehr schlafen und habe ein Schlafmittel benötigt, das mir dort aber niemand geben wollte“, sagt sie. Aus der Not heraus habe sie sich sogar in eine Psychiatrie einweisen lassen.

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Die verschiedenen Erreger, die ein Spezialist in Vanessa G.s Blut feststellte, werden unter anderem durch Zecken übertragen.

In der Psychiatrie vermuteten die Ärzte eine Depression und eine Somatisierungsstörung. Als das Kribbeln und das Taubheitsgefühl in den Füßen und Händen noch stärker war und sie auch noch eine Blasenstörung bekam, kam der nächste schreckliche Verdacht auf: Litt Vanessa G. an der neurologischen Erkrankung Multiple Sklerose? Doch auch an dieser Stelle hätten mehrere Untersuchungen im MRT zwar Läsionen im Gehirn ergeben, aber der MS-Verdacht habe sich nicht bestätigt. Das Kribbeln in den Armen und Beinen dagegen wurde immer stärker und Schmerzen in den Extremitäten und im Rückenbereich plagten sie zusätzlich. „Ich habe bemerkt, dass mein Zustand immer lebensbedrohlicher wurde und mir auch dort nicht weitergeholfen wird, und habe mich selbst entlassen“, berichtet die Patientin. Freunde hätten sie in diesem schlimmen Zustand sehr unterstützt und ihr bei der Suche nach weiterer medizinischer Hilfe zur Seite gestanden.

Irgendwann habe sie über eine Freundin von dem Begriff der Borreliose gehört. Eine Infektionskrankheit, die von Zeckenbissen ausgelöst werden kann. Ob das vielleicht auch die Ursache ihrer Beschwerden sein könne? Sie erhoffte sich Klarheit bei einer Neurologin. Zu diesem Zeitpunkt habe sie schon gar nicht mehr gehen, sitzen und stehen können und habe liegend in einem Taxi zum Arzt fahren müssen. Nach einer Entnahme einer Nervenwasserprobe, die ebenfalls keine Diagnose ergeben habe, sei sie mit einem Nervenschmerzmittel wieder weggeschickt worden.  „Ich hatte gehofft, dass diese Untersuchung endlich meine Beschwerden deutlich werden lässt“, so Vanessa G.  Bevor sie endlich Klarheit erlangen sollte, habe sie noch ihre langjährige Schmerztherapeutin aufgesucht. Die habe sie wegen der Vermutung einer Muskelerkrankung noch in eine andere Klinik eingewiesen. Dort habe sich ebenfalls kein Befund ergeben. 

Ein Test-Ergebnis brstätigte erstmals den Borrelien-Verdacht

Zum Glück sei ihre Schmerztherapeutin hartnäckig geblieben und habe noch eine weitere Blutuntersuchung vorgenommen. Ein Test-Ergebnis habe erstmal einen Borrelien-Verdacht bestätigt. Über die Deutsche Borreliose-Gesellschaft habe sie schließlich Hilfe erfahren und ihr sei ein Spezialisten empfohlen worden, der sich mit Borreliose- und Co-Infektionen gut auskenne. Er habe nach einem aufwendigen Bluttest erkannt, dass es sich nicht nur um den einen Erreger, sondern um eine Mischinfektion Bartonellen, Rickettsien, Chlamydien, Brucellen, Anaplasmen, Echinokokken. „Ich war froh und dankbar, endlich zu wissen, was die Ursache meiner Symptome ist. Doch mir ging es gesundheitlich schon so schlecht, dass ich befürchtete, daran zu sterben“, betont sie. Der Spezialist habe sofort eine Langzeit-Infusionstherapie mit mehreren Antibiotika eingeleitet, die sie zweimal täglich an sieben Tage der Woche bekommen muss. Eine tägliche Sitzung davon übernimmt ihre Hausärztin, die sich sehr für sie einsetze.

Doch da taucht mit einem Mal ein weiteres Problem auf: Ihre Krankenkasse wollte die Kosten (rund 5000 Euro pro Monat) hierfür nicht übernehmen. Für Vanessa G. ist das ein großes finanzielles Problem, wie sie sagt, da sie es selbst nicht bezahlen könne. Aufgrund ihrer schweren Erkrankung bezieht sie momentan Krankengeld und Hartz IV. Ihre Mutter unterstütze sie sehr, aber habe ihre Ersparnisse nun auch aufgebraucht. Da ihr Zustand aber nach wie vor kritisch sei, müsse die Behandlung noch weitere Monate andauern. Wegen der anfallenden hohen Kosten habe sie mithilfe ihrer Mutter auch nach einer Alternative zum Privatarzt gesucht und versucht, in einer Infektiologischen Hochschulambulanz vorstellig zu werden, aber dort sei ihrer Mutter schriftlich mitgeteilt worden, dass sie sich an einen niedergelassenen Kollegen mit dem gleichen medizinischen Schwerpunkt wenden sollte.

Laufendes Rechtsverfahren mit der Krankenkasse wegen der Behandlung 

Der KURIER fragte bei ihrer zuständigen Krankenkasse, der Techniker Krankenkasse, nach: Warum wird die Behandlung nicht gezahlt? Leider könne man sich zum laufenden Rechtsverfahren nicht öffentlich äußern, teilte TK-Sprecher Lennart Paul mit. Vanessa G. hat gegen den Ablehnungsbescheid ihrer Krankenkasse bereits Widerspruch eingelegt und sich zusätzlich juristische Hilfe geholt. Ihr Anwalt, Dr. Tim Oehler, hatte bereits einen Eilantrag vor dem Berliner Sozialgericht gestellt, der allerdings abgelehnt wurde. Nun steht noch eine Beschwerde vor dem Landessozialgericht in Berlin aus. Es sei zwar keine Standardtherapie, aber seine Mandantin scheine davon zu profitieren und es sei die einzige Behandlung, die bisher zur Linderung beigetragen habe, so betont er. Vanessa G.s Freunde, die ihr immer zur Seite stehen, haben jetzt einen Online-Spendenaufruf im Internet erstellt, um ihr zu helfen. Nach Angaben von Vanessa G. habe ihre Mutter bereits 60.000 Euro vorgestreckt, um die Therapie inklusive Taxifahrten zu bezahlen, aber inzwischen seien auch ihre Reserven erschöpft. „Sollte ich wider Erwarten die gesamten Kosten für die komplette Therapie von der Krankenkasse erstattet bekommen, werde ich das gespendete Geld selbstverständlich zurückzahlen“, betont Vanessa G.

Dr. Karsten Ostermann aus Teltow, Mitglied der Deutschen-Borreliose-Gesellschaft, sagt: „„Es ist ein relativ häufiger Weg, den die Patientin da beschreibt.“ Allerdings kämen solche schwerwiegenden Verläufe, bei denen man dem Tod so nahe sei, äußerst selten vor. Wenn man nichts finde und alle Standardsachen wie Schlaganfall, Herzinfarkt etc. abgeklopft habe, komme man auf die Idee, die Psyche zu untersuchen. Das erste Problem sei, dass es schwierig sei, über ein Blutbild eine chronische Borreliose mit Co-Infektionen, wie es hier der Fall sei, nachzuweisen, da meist keine akuten Antikörper mehr vorhanden seien. Das gehe nur mit speziellen Testverfahren, die relativ kostenintensiv seien und häufig nur von Ärzten ohne Kassenzulassung angeboten würden. Ein weiteres Problem sei, dass es keine anerkannte Diagnose für diese Erkrankung gebe, was wiederum zu Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme der Krankenkasse führe.

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Kurz vor Weihnachten, als es Vanessa G. schon besser ging, erkrankte sie zu allem Übel auch noch an Covid-19. Ein schwerer Verlauf mit grippeähnlichen Symtomen und Verlust des Geruchs-und Geschmackssinns und ständigem Erbrechen. Ihre behandelnden Ärzte versorgten sie trotz des ansteckenden Virus weiter. Es war für einem Moment so kritisch, dass sie wegen der Gefahr eines Hirnödems in die Notaufnahme musste. „Es war einfach Pech. Ich habe drei Wochen gebraucht, um überhaupt wieder etwas auf die Beine zu kommen, und bin körperlich immer noch sehr geschwächt“, sagt sie. Wenn Vanessa G. Glück hat, kann die Antibiotikum-Therapie voraussichtlich im Sommer beendet sein. „Ich hoffe, dass ich dann mein Leben zurück habe“, sagt Vanessa G.