20.09.2001, Berlin: Verkehrssituation an Berliner Ampel mit grünem Pfeil für Rechtsabbieger.

Wissen wir eigentlich, warum die DDR den grünen Pfeil erfand? War das eine Lockerungsübung, Teil eines politischen „Tauwetters“? Schön wär‘s. Das Gegenteil ist richtig: Der grüne Pfeil bedeutete eine Einschränkung. Denn bei Rot rechts abbiegen durfte man in der DDR schon immer. Genau wie in den USA, ausgerechnet! Die entsprechende Vorschrift lautete: „Es kann nach rechts eingebogen werden, wenn dadurch der Verkehr in der freigegebenen Verkehrsrichtung nicht gefährdet oder behindert wird; dem Fußgängerverkehr ist der Vorrang zu geben.“

So stand es in Paragraph 2, Artikel 4C der Straßenverkehrsordnung (StVO) vom 30. Januar 1964, auch in der geänderten Fassung von 1971. Dabei hatte diese Straßenverkehrsordnung noch primär von der Verkehrsregelung durch Zeichengebung gehandelt und die Ampelfarben nur als Alternative erwähnt. Zunächst wurde geregelt, was es bedeutet, wenn der Verkehrsposten eine Grundstellung quer zur Verkehrsrichtung einnimmt oder das Farbzeichen Rot (Halt!) gegeben wird. Das aber nur nebenbei.

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1978 änderte sich alles. Ab jetzt hieß es, dass „Fahrzeugführer bei Rot nach rechts abbiegen dürfen, wenn das durch einen zusätzlichen Pfeil angezeigt ist“. Nachzulesen in der StVO vom 26. Mai 1977, die zum 1. Januar 1978 in Kraft trat. Aber warum das Ganze? Die Sache ist genauso banal wie DDR-typisch: Die Sicherheitsleute an der „Protokollstrecke“ hatten Probleme.

Protokollstrecke? Das meint jene Strecke, die von der Waldsiedlung Wandlitz, wo die DDR-Führung – streng bewacht und abgeschirmt – wohnte, ins Berliner Zentrum zum Gebäude des SED-Zentralkomitees führte. Diese Strecke wurden Erich Honecker und die andern SED-Politbüromitglieder täglich entlangchauffiert. An jeder Straßeneinmündung der Strecke standen Sicherheitskräfte, als Volkspolizisten getarnt. Sie konnten mit ihren Spezialschlüsseln in grauen Schaltkästen auf Dauer-Grün schalten, damit die langen schwarzen Volvos und der große Citroen von Honecker immer Vorfahrt hatten. Sie sollten schnell durchrauschen!

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Aber die Sache funktionierte schlecht. Man durfte ja bei Rot abbiegen! Da mussten die Leute vom Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ zusätzlich den Stab heben, um all die dampfenden Trabis an den einmündenden Straßen zurückzuhalten. Aber die Stimmung war schlecht, wurde immer schlechter. Bald setzte ein Hupkonzert ein, und dann war kein Halten mehr, die Autos fuhren einfach los. Da konnten die Männer in den weißen Kunstledermänteln noch so rumfuchteln. Die „Pappen“, wie die Trabanten liebevoll genannt wurden, rutschten durch, die Wartburgs und Ladas hinterher. Diese Autos wimmelten dann auf der Protokollstrecke herum und nahmen der Staats-Kolonne den schönen Schwung.

Oft stand ich mit meinem Trabi in der Schlange an der Grellstraße

Ich habe das oft erlebt. Denn ich wohnte im Prenzlauer Berg, meine Arbeitsplätze lagen in Berlins Mitte: erst war’s die Staatsbibliothek, dann die Redaktion der Zeitung „Neue Zeit“. Oft stand ich mit meinem Trabi in der Schlange an der Grellstraße, die in die Greifswalder einmündet: die Protokollstrecke. Jedem war klar: So konnte es nicht weitergehen. Und mit dem grünen Pfeil war dann der Ausweg gefunden. Jetzt galt endlich: Rechts-Abbiegen nur noch mit Pfeil. Bald war der grüne Pfeil überall dran, nur nicht an den Einmündungen zur Protokollstrecke. Das ist eigentlich die ganze Geschichte.

Wenn ich davon erzähle, kommt gleich die Frage: Krasse These! Woher willst du das wissen? Hast du da einen Stasi-Informanten? Kann es nicht einfach sein, dass diese Rot-Abbiegerei sich nicht bewährt hat, dass die Regelung wegen des zunehmenden Verkehrs problematisch geworden war? Ich räume ein, so könnte es sein. Unter normalen Umständen auf jeden Fall, in der DDR aber eher unwahrscheinlich. Angesichts des Mangels an allem, insbesondere an Material und Arbeitskräften, hätte eine solche Änderung nur wegen Verkehrsproblemen keine Chance gehabt. Da brauchte es eine politische Entscheidung. Die Verkehrsgründe kommen dann als schönes Argument hinzu.

Eines ist jedenfalls klar: An der ganzen Protokollstrecke, jedenfalls von der einmündenden Liebermannstraße in Weißensee bis ins Zentrum, gab es an keiner Ecke einen grünen Pfeil. Ansonsten war der Pfeil eigentlich „flächendeckend“ angebracht. Aber bisher hat sich keiner gemeldet, der es genau weiß. Vielleicht gibt’s ja noch einen Ruheständler, der zu den Bestimmern gehörte, und jetzt gerne „von früher“ erzählt. Zumal es ja nichts Strafbares war, sondern - wie gesagt - Gutes für alle gebracht hat.