Der Christopher Street Day findet 2020 digital statt. Foto: imago/Bernd König

Von einer Million auf (fast) null. Die Talfahrt, die der Christopher Street Day in diesem Corona-Sommer nimmt, ist atemberaubend. Viele Jahre lang war die Mischung aus buntem Fest und politischer Manifestation die größte Straßenparty Berlins. Am Sonnabend findet der CSD fast ausschließlich digital statt. Abstandsbeschränkungen und Mundschutz machen einen realen Umzug unmöglich.

So wie das Herunterfahren in diesem Jahr atemberaubend ist, so war es einst der Aufstieg des CSD in Berlin. Der erste Berliner CSD fand am 30. Juni 1979 in West-Berlin mit 400 Personen statt. Die Zahl wuchs, 1990 war man mit 15.000 Teilnehmern erstmals fünfstellig. Die Hunderttausendermarke wurde 1997 geknackt, voriges Jahr sollen eine Million Teilnehmer dabei gewesen sein.

Wie viele dieser Teilnehmer – bei der exorbitanten Zahl werden auch die Zuschauer am Straßenrand mitgezählt – den ursprünglichen Anlass kennen, weiß keiner. Historisch gesehen, erinnert der Marsch an den ersten bekanntgewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street rund um die Bar Stonewall am 28. Juni 1969. Seitdem wird in New York am letzten Sonnabend des Juni, dem Christopher Street Liberation Day, ein Straßenumzug veranstaltet. Längst ist daraus eine internationale Tradition geworden.

Fast genau so alt wie der Umzug in Berlin ist die Debatte um seine Ausrichtung. Ist es eine politische Demonstration mit einem ernsthaften gesellschaftspolitischen Anliegen, homosexuelles Leben sichtbar zu machen? Oder ist der CSD nur eine Straßenparty, die nach dem Weggang der Loveparade den Platz als größter Rave der Stadt eingenommen hat?

Streit um Nina Queer

Wie politisch der CSD mitunter sein kann, illustriert der Streit um Nina Queer. Die bekannteste Dragqueen der Stadt, Partyveranstalterin, Autorin und Moderatorin, genießt seit ein paar Jahren den zweifelhaften Ruf einer Rassistin. Dem Tagesspiegel sagte sie im Juni, dass sie es nicht einfach hinnehme, „dass Schwule in Kreuzberg von Arabern angegriffen werden“. Falls das jemanden störe, interessiere sie das wenig. „Dann bin ich eben die erste Hitler-Transe, die es gibt, dann nehme ich das so hin.“

Jetzt, zum Start des Digital-CSD, gibt es Streit um Nina Queer. Die Demo-Macher planen am Sonnabend eine Live-Schalte zum Strandbad Grünau, wo sich seit einiger Zeit ein queerer Ruderklub etabliert hat. Dort findet ein kleines Fest statt – ob jetzt von oder mit Nina Queer, ist vor diesem Hintergrund keine unwichtige Frage. Wortreich versicherten die Veranstalter am Dienstag jedenfalls, dass Nina Queer „keine Moderation für den CSD macht“.

Tatsächlich aber geht der politische Anspruch auch in diesem Jahr ohnehin viel tiefer - und da könnte Corona, so absurd es klingen mag, hilfreich sein. Der Verzicht auf wuchtige Trucks, dröhnende Bässe und viel nackte Haut zwingt die Veranstalter zu einem Rückgriff aufs Inhaltliche.

Von 14 bis 24 Uhr wird unter dem Motto „Don‘t hide your Pride“ über den Fernsehsender Alex Berlin sowie Kanäle wie Youtube, Facebook, Twitch oder Instagram eine Programm-Mischung aus Politik und Party geboten. Bühnen gibt es im Haus der Statistik am Alexanderplatz und im sogenannten Kiez, der Gegend zwischen Eisenacher, Motz- und Fuggerstraße in Schöneberg.

CSD 2020 in Berlin - politisch wie schon lange nicht mehr

Hier wie dort stellen sich größere und kleinere Initiativen vor: von der Berliner Aids-Hilfe bis zum Verein, der sich um homosexuelle Geflüchtete kümmert. Aber auch die unter Druck geratenen Communitys in Osteuropa sollen zu Wort kommen. Insbesondere soll die Ausrufung von LGBT-freien Zonen in Polen als das gebrandmarkt werden, was es ist: ein politischer Skandal. Auch in Ungarn werden Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten diskriminiert. Deshalb kommt es am Sonnabend zu einer Protestaktion vor der ungarischen Botschaft nahe des Brandenburger Tors, von der auch Aufnahmen gestreamt werden.

Unterbrochen werden die Aktionen und Präsentationen von kleinen Talkshows und Moderationen, Kabaretteinlagen, der Verleihung eines Preises für Zivilcourage sowie kleinen Konzerten. Dabei sind unter anderem die nigerianischstämmige Whitney-Houston-Imitatorin Ikenna Amaechi zu sehen und zu hören, aber auch das Berliner Elektropunk-Phänomen Rummelsnuff, die deutsch-kurdische Rapperin Ebow oder der aus Alabama stammende, in Neukölln lebende Rapper und Dichter Black Cracker. Die Nacht beschließen wird der Berliner DJ Alle Farben, der direkt unterm Dach des Hotels Park Inn am Alexanderplatz performt.

Fragt sich, ob so ein ambitioniertes, vollgepacktes 10-Stunden-Programm funktioniert. Ralph Ehrlich, seit vorigem Jahr Vorsitzender des CSD-Vereins, spricht von einem Spagat. „Es sind turbulente Zeiten, in denen wir uns unbedingt an die Corona-Regeln halten, aber doch sichtbar, laut und fordernd sein wollen“, sagt er.

Ehrlich geht von niedrigeren Zahlen aus. „Das wäre nicht schlimm. Aber es kann schon sein, dass die Heteros wegfallen, die sonst zu Zigtausenden an der Straße stehen und dem Zug zusehen. Und natürlich die Touristen, auf die wir uns sonst immer verlassen können.“

Ob der CSD am Ende als Erfolg gewertet wird, ist also noch nicht ausgemacht. Eine Blaupause für das nächste Jahr soll die digitale Ausgabe nach Ehrlichs Willen jedoch keinesfalls werden. „Der CSD kommt von der Straße, und da gehört er auch hin“, sagt er.