Ruhiggestellt und in die Ecke geschoben? Um den Einsatz von Antipsychotika in Altenpflegeheimen tobt Streit.  Foto: imago images / Werner Krüper

Die Betreuung von Menschen mit Demenz ist für Beschäftigte in Altenpflegeheimen oft schwierig. Je nach Verlauf und Stadium der Krankheit wiederholen Betroffene Worte und Sätze, rufen um Hilfe, wandern wie getrieben herum, laufen weg, sind aggressiv oder teilnahmslos. In einer „unheiligen Allianz“ von Ärzten und Pflegekräften werde dann häufig mit ungeeigneten Antipsychotika versucht, sie ruhigzustellen, beklagt die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Meyer. Sie erntet damit schweren Widerspruch aus der Ärzteschaft.

Nach Erhebungen der AOK sind bundesweit rund 70 Prozent aller Pflegeheimbewohner „dementiell beeinträchtigt“. Ärzte verschreiben laut AOK 40 Prozent dieser Kranken Mittel, die auf die Psyche wirken. In Berlin – die aktuellsten Zahlen des Senats stammen von Ende 2017 – wurden knapp 29.000 Menschen in 281 vollstationären Pflegeheimen betreut. Rechnet man die Zahlen der AOK für den Bund um, käme man auf über 8100 weitgehend falsch mit Medikamenten versorgte Menschen.

Jede Menge Nebenwirkungen

Denn diese Medikamente seien überwiegend nicht für die Behandlung alter Menschen ausgerichtet und zugelassen, schon gar nicht auf Dauer. Die erwünschte Wirkung trete häufig nicht ein, sagt Meyer, und vor allem hätten sie schwere Nebenwirkungen. Der allgemeine Gesundheits- und Geisteszustand werde schlechter, Antriebslosigkeit, Schlaganfälle sowie Infektionen nähmen zu. Der Gleichgewichtssinn leide: Stürze drohen, die vielfach in einem lebensbedrohlichen Oberschenkelhalsbruch münden. Teilweise würden Nebenwirkungen eines Antipsychotikums mit einem anderen „behandelt“.

 Die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Meyer

Foto: Deutscher Ethikrat/Rainer Zensen

„Das alles ist seit vielen Jahren bekannt“, sagt die Wissenschaftlerin der Universität Halle-Wittenberg, aber es ändere sich nichts. Bei Umfragen hatte über die Hälfte der Pflegekräfte erklärt, dann und wann auf den behandelnden Arzt einzuwirken, Antipsychotika zu verschreiben. Ein Viertel teilte mit, es regelmäßig zu tun.

Meyer: „Am Ende muss jedoch der Arzt entscheiden, ob er ein Antipsychotikum verschreibt. Da wird die therapeutische Verantwortung offenbar nicht immer wahrgenommen.“  Maßvollerer Einsatz von Antipsychotika sei bisher kein Qualitätsmerkmal der Pflege, das vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung kontrolliert werden kann.  Bei einer zwölfmonatigen Studie in 37 deutschen Pflegeheimen mit über 1100 Teilnehmern gelang es nicht, die rund 450 Ärzte der Bewohner zu weniger Verschreibungen zu bewegen. Und das, obwohl speziell geschulte Pflegekräfte versuchten, zwischen Kollegen und Ärzten zu vermitteln.

„Mehr Geld muss ins System“, fordert die Wissenschaftlerin. Denn nur wenn Pflegekräfte besser ausgebildet und bezahlt (und hoffentlich deshalb zahlreicher) würden, könne die anspruchsvolle, zeitintensive Begleitung von Menschen mit Demenz angemessen umgesetzt werden. Hilfreicher als Antipsychotika sei die individuelle Betreuung nach Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen. Die Ansprache aller Sinne gehört dazu.

Das reicht von Wohlgerüchen über Musik bis zu Lichtspielen, wie man sie von „Lava-Lampen“ kennt. Begleitet werden müssten die Betroffenen mit Zuwendung und Geduld. Betreuungsassistenten, die vor ein paar Jahren eingeführt wurden, seien bei der psychosozialen Betreuung kein Ersatz für qualifizierte Pflegefachkräfte.

„Zum größten Teil Polemik“

Der Berliner Nervenarzt und Gerontopsychiater Dr. Gerd Benesch, unter anderem Vorsitzender des Landesverbands des Berufsverbands deutscher Nervenärzte, ist mit den Aussagen Meyers nicht einverstanden: „Aus meiner Sicht ist das zum größten Teil Polemik und eine Verkehrung der Tatsachen. Manche kennen die Situation vor Ort nicht.“ Vier von fünf an Demenz leidenden Menschen wiesen Verhaltensstörungen auf.

Die alte Regel, der Patient müsse „sauber, satt, still“ sein, gelte schon lange nicht mehr. Aus seiner Erfahrung –„ich sehe 300 Demente pro Quartal  im Heim und mache täglich Hausbesuche“ – würde von Pflegekräften nur äußerst selten eine medikamentöse „Ruhigstellung“ verlangt. 

Schon die Begrifflichkeit sei falsch. Es gehe nicht darum, Pflegekräfte zu entlasten, sondern in erster Linie darum, bei den Patienten mit den Medikamenten ohne den Einsatz von Schlafmitteln wieder einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus herzustellen, sodass sie nicht mehr nachts randalieren und tagsüber schlafen.

Man kämpfe auch „nicht mit dem Säbel, sondern mit dem Florett“. Die Dosen, die ein verhaltensgestörter, dementer alter Mensch bekomme, sei um ein Vielfaches geringer als bei einem jungen Psychotiker. Der Einsatz der Antipsychotika werde genau dokumentiert, der Einsatz limitiert und von der Heimaufsicht kontrolliert. Vielfach würden die Mittel auch von den Patienten gewünscht, weil zum Beispiel Angstzustände verschwinden können. Gerd Benesch: „Käme ich selbst in die Situation, würde ich um ein solches Medikament bitten.“

Er gestehe allerdings zu, dass der Einsatz der Präparate besser überwacht, engmaschiger nachgeprüft und gegebenenfalls rechtzeitiger  verringert oder beendet werden könne: „Das vermittle ich bei den Fortbildungen, die ich leite.“

Nicht alle Heime sind gleich

Prof. Dr. Vjera Holthoff-Detto, Gerontopsychiaterin im Berliner Alexianer-Krankenhaus Hedwigshöhe, nimmt eine Art Mittelposition zwischen Meyer und Benesch ein. Sie will nicht alle Heime über einen Kamm geschoren sehen: „Auch in Berlin wird zu viel an Antipsychotika verschrieben, aber es gibt enorme Unterschiede.“ In vielen Heimen würden Antipsychotika nur kurz und als letzter Eingriff eingesetzt. In der Tat mangele es aber auch bei Haus- und Fachärzten vielfach an der Kenntnis, wie die Begleiterscheinungen von Demenz behandelt werden, sagt die Medizinerin.

Prof. Dr. Vjera Holthoff-Detto ist Gerontopsychiaterin.

 
Foto: Alexianer

Sie hofft auf die Nationale Demenzstrategie, von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) initiiert. Sie soll demnächst von seinem und dem Familienministerium vorgelegt werden. Mit ihr  könne ein Systemwechsel vollzogen werden, in den Pfleger, Ärzte, Heimverwaltungen, Kostenträger und öffentliche Verwaltung einbezogen werden, um den Umgang mit den dementen Patienten zu verändern. Hin zu Methoden, wie sie Gabriele Meyer empfiehlt. Holthoff-Detto: „Es bedarf neben mehr Wissen einer Haltungsänderung.“

Die Senatsverwaltung für Gesundheit. Pflege und Gleichstellung habe das erkannt. 2019 gab es unter Beteiligung der Alexianer 40stündige, kostenfreie Kurse, bei denen insgesamt 65 an der Pflege Beteiligte zu Demenzbeauftragten weitergebildet wurden. Was der Senatsverwaltung aber fehlt, sind Daten zur Verschreibungspraxis von Antipsychotika in Berliner Heimen. In den Beratungen ihres Projekts „Pflege in Not“ schlage sich die Problematik auch nicht nieder, teilte ein Sprecher von Senatorin Dilek Kaleyci (SPD) mit.

Was Angehörige tun können

Angehörigen, die vor der Entscheidung stehen, die Pflege eines Verwandten in die Verantwortung eines Heims zu geben, sollten prüfen, ob die jeweilige Einrichtung geeignet ist, rät Holthoff-Detto. Mehrere Fragen sollten geklärt werden: Wie wird der Tag der Bewohner gestaltet? Gibt es für die unterschiedlich beeinträchtigten Bewohner gruppenspezifische Angebote? Wie werden die Angehörigen jenseits der Pflege in die Betreuung eingebunden?

Im Gespräch mit den Verantwortlichen des Heims könne man beispielsweise herausfinden, ob Fragebögen, die mit Angaben über den künftigen Bewohner, sein Leben, seine Vorlieben und Abneigungen ausgefüllt wurden, wirklich gelesen wurden. Nur dann könne man erwarten, dass echtes Interesse an Hintergrundwissen über den Pflegebedürftigen und die Chance besteht, dass dieses Wissen bei der Pflege auch berücksichtigt wird.