In ihren Filmchen erklärt Martina Huppert Begriffe und Alltagsdinge aus der DDR. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Die heutige Jugend interessiert sich nicht mehr für die DDR? Wer das denkt, hat noch nie etwas von „Huppi“ gehört! Unter diesem Namen mauserte sich die Berlinerin Martina Huppert (49) im Netz zu einem Promi. Sie ist auf Tiktok unterwegs – und vermittelt der jungen Generation Wissen aus der DDR. Rund 65.000 Menschen schauen sich ihre Filmchen an. KURIER sprach mit der Frau, die der Generation Internet mehr zu diesem Thema vermitteln mag als der Geschichtsunterricht.

Wie schnell ihre Fangemeinde im Netz in den vergangenen Monaten wuchs – Martina Huppert ist selbst sehr überrascht. „Ich kann gar nicht richtig nachvollziehen, dass mich wildfremde Leute plötzlich mögen“, sagt sie. „Es passiert mir schon, dass ich einkaufen gehe und im Supermarkt merke, dass hinter mir getuschelt wird: Sind Sie nicht die Huppi?“ Inzwischen gehe sie lieber nicht mehr in Jogginghose vor die Tür. „Dass sich vor allem Jugendliche heute noch so für die DDR interessieren, hätte ich nicht geglaubt.“

Huppert hat sich als „Huppi“ mit ihren Videos auf Tiktok, in denen sie Dinge aus dem Alltag der DDR erklärt, im Netz einen Namen gemacht. Mehr als 65.000 Menschen schauen sich heute regelmäßig ihre lustigen Clips an, in denen sie Erinnerungen an Honis Zeiten teilt, Begriffe erklärt und Fragen wie „Wie roch es eigentlich in der DDR?“ beantwortet. Dabei entstand das Projekt eher durch Zufall – und ist die späte Umsetzung eines Kindheitstraums. „Ich wollte schon als kleines Mädchen Schauspielerin werden. Als ich 14 Jahre alt war, schrieb ich einen Brief ans Fernsehen der DDR und schickte ein Bild von mir und meinem Bruder mit.“ Die Reaktion: enttäuschend. „Man sagte mir, ich sei für das Kinderfernsehen schon zu alt, aber mein Bruder kam an.“ Sie begleitete ihn zu Dreharbeiten, blieb aber immer „die große Schwester“, sagt sie. Ihr Bruder, Mario Richardt, ist noch heute vor allem Zuschauern des MDR als Moderator von „Mach dich ran“ bekannt.

Huppi arbeitete bei der Polizei, später im Rettungsdienst

Martina Huppert hängte ihren Traum zunächst an den Nagel, absolvierte eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Lagerwirtschaft. Warum? „Wir waren in der zehnten Klasse 16 Schüler und es gab eine Liste mit 16 Ausbildungsplätzen. Ich war zu dem Zeitpunkt zwei Wochen krank. Als ich wiederkam, war nur noch das übrig.“ Mit 18 lernte sie ihren späteren Mann kennen. „Er war bei der Polizei und sagte: Mach das doch auch!“ 1992 begann sie die Ausbildung, arbeitete zuerst als Polizistin in Lichtenberg, dann bei der Kripo, wechselte später in den Rettungsdienst.

Regelmäßig veröffentlicht Martina Huppert ihre Videos auf Tiktok. Foto: Berliner KURIER / Sabine Gudath

Durch ihre Tochter entdeckte sie erst im Frühjahr Tiktok, stellte dort spaßige Videos online. „Für eins davon probierte ich aus, ob man ein Pionier-Halstuch als Mundschutz verwenden kann“, sagt sie. „Danach dachte ich mir: Wissen die Ossis eigentlich noch, wie man das Halstuch bindet? Fragste mal nach.“ Auf den Kurzfilm kamen unzählige Reaktionen, zumeist Fragen. „Die jungen Leute wollten wissen: Was ist ein Pionier? Was heißt DDR? Warum gab es zwei deutsche Staaten? Musstet ihr wirklich Schlange stehen? Ich dachte mir: Hier gibt es Aufklärungsbedarf.“

Erst einen Monat nach dem Mauerfall fuhr Huppi in den Westen

Die Idee war geboren – und nahm schnell an Fahrt auf. Immer mehr Menschen abonnierten Hupperts Kanal, ließen sich erklären, was ein „Klaufix“ war, was „Bückware“ ist, wer Helga Hahnemann war. Die Reaktionen: beeindruckend. „Jemand schrieb mir, er habe seine Zensur in Geschichte durch meine Videos von der Note 4 auf eine 1 verbessert“, sagt sie stolz.

Inzwischen ist „Huppi“ sogar in Schulen zu Gast, berichtete im Unterricht als Zeitzeugin vom Leben in der DDR. Sie wolle damit, sagt sie, auch ein paar Dinge klarstellen. „Denn ich habe auch von Lehrern aus dem Westen gehört, die ihren Schülern erzählen, dass man in der DDR hungern musste. Das ist natürlich Quatsch. Es gab nicht alles, aber wir haben das Beste daraus gemacht.“

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Die Gefühle seien trotzdem überwältigend gewesen, als die Mauer fiel. „Ich saß hochschwanger zu Hause, bekam es im Fernsehen mit. Ich hatte aber kein Telefon, konnte niemanden anrufen.“ „Drüben“ sei sie erst einen Monat später gewesen. „Denn ich hatte Angst. Ich dachte, wenn ich mir jetzt mein Begrüßungsgeld abhole, komme ich vielleicht nicht zurück.“ Der DDR habe sie nicht nachgetrauert. Sie lacht. „Ich habe mich gefreut, dass ich auch mal ein Ü-Ei oder ’ne Bifi essen konnte.“

Inzwischen hat sich Huppert sogar eine professionelle Ausrüstung gegönnt, um noch hochwertigere Videos machen zu können – und plant Video-Projekte, auch mit Stars aus dem Osten. Im Moment ist die Freude über die Fangemeinde riesig. „Ich musste erst 49 werden, um auf der Straße nach Autogrammen gefragt zu werden“, sagt sie. Manchmal gehen echte Träume eben erst spät in Erfüllung.